Rettungsdienst

Wesels Feuerwehr kritisiert zunehmende Respektlosigkeit

Nicht überall stoßen die Feuerwehrleute bei ihrer Arbeit auf freundliche Gesichter.

Nicht überall stoßen die Feuerwehrleute bei ihrer Arbeit auf freundliche Gesichter.

Foto: Gerd Hermann

Wesel.   Immer öfter müssen die Weseler Feuerwehrleute die Polizei um Unterstützung bitten, um ihrer Arbeit in Ruhe nachgehen zu können.

Feuerwehrleute kommen, um zu helfen – viele von ihnen opfern ihre Freizeit dafür. Trotzdem werden sie im Einsatz zunehmend angepöbelt, beschimpft, behindert. Die gute Nachricht: „Echte körperliche Gewalt erleben wir kaum“, sagt Feuerwehrchef Thomas Verbeet. Respektlosigkeit aber liege im Trend. „Da stellen sich Leute in den Weg, behindern, zeigen den Stinkefinger...“ Früher waren die „Jungs in Blau“ die Guten mit hohem Ansehen, die Polizei war weniger beliebt aber immerhin respektiert. Das ändert sich.

Immer häufiger müssen die Feuerwehrleute die Polizei hinzubitten, um ihre Arbeit erledigen zu können. Offenbar hat sich die Wahrnehmung verändert, sind Hemmschwellen verschoben – ein Phänomen, das auch die Weseler Retter erleben. „Dreistigkeit siegt, sagen sich die Leute, und oft stimmt das ja leider auch.“

„Ich habe ein Recht darauf. Ich bezahle Sie.“

Respektlosigkeit erleben Feuerwehrleute in allen Gesellschaftsschichten, häufig in Straßen, in denen sozial Schwächere wohnen. Das liegt unter anderem daran, dass es eben weniger Reiche als Arme gibt. Während die einen pöbeln und sich damit vor Nachbarn und Freunden produzieren, „sie wissen, dass es in der Regel keine Konsequenzen hat“, neigen manche der Leute „mit dem teuren Q7 vor der Haustüre“ dazu, die Feuerwehrleute überheblich zu maßregeln: „Warum kommen Sie erst jetzt, ging das nicht schneller?“ Oder: „Ich habe ein Recht darauf.“ „Ich bin Steuerzahler, ich bezahle Sie“, wenn die Entscheidung der Rettungssanitäter gegen einen Notarzteinsatz und die Krankenhauseinweisung ausfällt.

Auch Topmanager oder Lehrer vergreifen sich da gern mal im Ton und belehren die Feuerwehrleute darüber, was sie so meinen, was deren Pflicht sei. Gruppenleiter Jörg Schemann ist mit dem Rettungswagen unterwegs und kennt das schon.

Freiwillige Feuerwehrleute wurden bei einem Sturmeinsatz in Büderich wüst angepöbelt, weil der Hauseigentümer die Kosten fürchtete. Am Auesee sahen sich die Feuerwehrleute vor Jahren einer aggressiven und verzweifelten Gruppe gegenüber, weil es nicht gelungen war, einen ertrunkenen jungen Mann wiederzubeleben, eine Ausnahmesituation.

Gaffen als fast gesellschaftsfähiges Phänomen

Mitunter sorgt es für Probleme, dass Uniformierte für viele Menschen mit Migrationshintergrund, beispielsweise aus Osteuropa, nichts Gutes bedeuten. „Die Leute haben die Erfahrung gemacht, dass Uniformierte korrupt sind“, erläutert Verbeet, „deshalb sind wir für sie der letzte Dreck“. Das kann zu Schwierigkeiten am Einsatzort führen.

Fast schon gesellschaftlich akzeptiert und üblich ist Gaffen. „Früher wusste man: Das macht man nicht“, spricht Verbeet ein weiteres Problem an. Als im vergangenen Jahr eine Frau und ihr Kind auf der Reeser Landstraße bei einem Unfall schwer verletzt wurden, filmten die Leute jedes blutige Detail der Rettungsarbeiten mit dem Handy und behinderten sie. „Warum tut man so etwas?“, fragen Verbeet und der stellvertretende Wachleiter Christoph Hegering sich, „was will man mit solchen Fotos und Videos?“ In den Köpfen vieler Gaffer machen sie gar nichts verkehrt. Sie fühlen sich im Recht.

Selbstschutz und Erfahrung helfen weiter

Es gäbe etliche unerfreuliche Erfahrungen zu berichten. Wie gehen die Feuerwehrleute damit um? „Selbstschutz ist Teil der Rettungsdienstfortbildung“, erläutert Christoph Hegering. „Das meiste schaut man im Dienst voneinander ab.“ Anfänger sehen, wie erfahrene Kollegen in kritischen Situationen handeln.

Jörg Schemann, Gruppenleiter und im aktiven Dienst, sieht es pragmatisch. Anders, als gemeinhin angenommen, habe er beispielsweise in den Flüchtlingsunterkünften und im Übergangsheim nie Probleme gehabt, „weil die Menschen verstehen, dass wir helfen“.

Leute, die den Rettungswagen rufen, weil sie das Taxi zum Krankenhaus sparen wollen oder sich keine Zeit für den Arzttermin nehmen, gibt es auch. Oder weil sie einsam sind. Aber das wäre ein weiteres Kapitel im Feuerwehralltag.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben