Kaffee ist für viele Deutsche ein morgendliches Ritual – ob als Kapsel, Pad oder aus der Siebträgermaschine. Mit etwa 164 Litern pro Kopf und Jahr trinken die Deutschen viel Kaffee. Doch an der Ladentheke wird es oft teuer: Seit 2020 hat sich der Rohkaffee-Preis um über 270 Prozent erhöht und kostet mittlerweile knapp 4 Euro pro 500 Gramm. Hintergrund sind Klimawandel und Ernteausfälle, die weltweit für Knappheit sorgen. Die Kostenwelle trifft die Branche hart. Der Hamburger Kaffeeröster Tchibo wirft Aldi Süd vor, Kaffee zu preiswert zu verkaufen.

In erster Instanz scheiterten die Hamburger im Januar mit einer Klage gegen den Lebensmitteldiscounter. Tchibo behauptete, Aldi Süd würde die Eigenmarke Barissimo seit Ende 2023 regelmäßig unter den Herstellungskosten anbieten. Das schaffe unlauteren Wettbewerb. Die Richter sahen das Vorgehen derweil als kaufmännisch vertretbar an. Nun geht Tchibo in Berufung. Das Oberlandesgericht Düsseldorf prüft den Fall erneut.

Tchibo wirft Aldi Süd Kaffee-Dumping vor

Der Rechtsstreit geht damit in die zweite Runde. Erster Verhandlungstag ist am heutigen Dienstag, eine Entscheidung wird noch nicht erwartet. Tchibo will dem Konkurrenten aber verbieten lassen, den Kaffee zu derart niedrigen Preisen zu verkaufen. 

Wie günstig darf Kaffee sein? Anlass für diese Frage ist eine Unterlassungsklage von Tchibo gegen Aldi Süd.
Wie günstig darf Kaffee sein? Anlass für diese Frage ist eine Unterlassungsklage von Tchibo gegen Aldi Süd.© dpa-tmn | Christin Klose

„Niedrige Preise sind genau das, was Wettbewerb bewirken soll“, sagt Kartellrechtler Rupprecht Podszun von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Problematisch werden sie erst, wenn Konkurrenten gezielt und dauerhaft vom Markt verdrängt werden sollen. Solche Umstände sahen die Richter bei Aldi jedoch nicht. Es bestehe keine Gefahr, dass der Wettbewerb beeinträchtigt werde, hieß es im Januar.

Das Kernproblem: Wer kontrolliert die Preise?

Was wie ein normaler Preiskampf wirkt, offenbart ein tieferes Problem: Große Handelsketten beherrschen nicht nur den Verkauf, sondern auch die Produktion. Aldi lässt seinen Kaffee von der Tochtergesellschaft New Coffee selbst produzieren. Das ist entscheidend für die Kartellrechtslage: Das Gesetz verbietet zwar den Verkauf unter Einkaufspreis, aber nicht unter Herstellungskosten bei Eigenmarken. Wer selbst produziert, kann beliebig kalkulieren.

Podszun spricht über die sich verändernden Machtverhältnisse in der Branche: „Die großen Lebensmittelhändler, die den Markt beherrschen, dringen immer tiefer in die Herstellung vor.“ Handelsketten wie Aldi seien längst keine reinen Verkäufer mehr. Sie entwickelten sich zu Lebensmittelkonzernen und übernähmen mit Eigenmarken und eigenen Produktionsstätten zunehmend größere Teile der Wertschöpfung.

Die Marktmacht der Konzerne

„Auf mich wirkte das Urteil des Landgerichts klar und sauber am Gesetz entlang begründet“, erklärt Podszun seine Einschätzung zu den Erfolgsaussichten in zweiter Instanz für Tchibo. Die beiden Unternehmen wollten sich vor Beginn des Verfahrens nicht äußern.

In erster Instanz war Tchibo gescheitert. Der Kaffeeröster ging in Berufung.
In erster Instanz war Tchibo gescheitert. Der Kaffeeröster ging in Berufung.© dpa | Stefan Sauer

Fest steht: Lebensmittelketten wie Aldi funktionieren längst nicht mehr als reine Einzelhandelsbetriebe. Sie sind integrierte Konzerne, die ihre eigenen Produkte in eigenen Werken herstellen. Sie arbeiten mit Mischkalkulationen. Bei einigen Artikeln sind die Margen höher, bei anderen geringer. Sogenannte Eckpreisartikel wie Kaffee oder Butter haben eine besondere Zugkraft, weil hier besonders auf die Preise geachtet wird. Die Ketten bieten sie oft vergünstigt an, um Kunden in die Läden zu locken.

Tchibo kündigte an, seine Preise erneut zu erhöhen

Für kleinere Röster wie Tchibo ist das ein strukturelles Problem: Sie verkaufen über den Einzelhandel und haben keinen Einfluss auf die Preisgestaltung bei Aldi und Co. Und so kündigte Tchibo erst Anfang des Jahres an, seine Preise erneut zu erhöhen – vor allem wegen schlechter Ernten und stark gestiegener Rohkaffeepreise.

ra/dpa