Italiens Olivenöl-Produzenten schlagen Alarm wegen steigender Importe aus Tunesien. Nach Angaben italienischer Bauernverbände und Branchenorganisationen drohen die günstigen Einfuhren, einen weiteren Preisverfall auszulösen, der die wirtschaftliche Existenz vieler Betriebe gefährden könnte. Ganze Olivenhaine in der Toskana und in Süditalien sind gefährdet. Hintergrund ist ein anhaltender Überschuss an tunesischem Olivenöl, der infolge ertragreicher Ernten und niedriger Produktionskosten zu stark sinkenden Preisen geführt hat.

Tunesien steht kurz davor, dank einer außergewöhnlichen Ernte in der vergangenen Saison zum weltweit zweitgrößten Olivenöl-Produzenten hinter Spanien aufzusteigen. Die Erntemenge dieser Saison liegt bei rund 400.000 Tonnen. In der internationalen Konkurrenz verfügt Tunesien über einen strukturellen Vorteil: einen großen Olivenanbausektor mit rund zwei Millionen Hektar und etwa 107 Millionen Bäumen. Diese kritische Masse erlaubt es dem Land, in ertragreichen Jahren des alternierenden Produktionszyklus des Olivenbaums besonders stark zu profitieren.
Olivenöl: EU verhandelt mit Tunesien über mehr Einfuhren von Olivenöl
Außenminister Mohamed Ali Nafti kündigte in diesen Tagen an, Tunesien bereite sich auf Verhandlungen mit der Europäischen Union vor, um den bilateralen Rechtsrahmen zu stärken und das zollbegünstigte Exportkontingent für tunesisches Olivenöl auf 100.000 Tonnen pro Jahr anzuheben. Zugleich habe das Land Gespräche mit den USA aufgenommen, um die bestehenden Zölle überprüfen zu lassen.
Diese Entwicklung versetzt den italienischen Olivenöl-Sektor in Alarmbereitschaft. „Eine Verdopplung der zollfreien Importe von tunesischem Olivenöl wäre die nächste selbstzerstörerische Entscheidung einer Europäischen Union, die offenbar beschlossen hat, ihre eigenen charakteristischen und hochwertigen landwirtschaftlichen Produktionen – angefangen beim Olivenöl – zu zerstören“, kritisieren die Landwirtschaftsverbände Coldiretti und Unaprol. In den ersten neun Monaten des Jahres 2025 seien die nach Italien eingeführten Mengen tunesischen Olivenöls bereits um 38 Prozent gestiegen.

Olivenöl: In der Toskana wurden rund 40 Prozent der Flächen für Olivenanbau aufgegeben
„Tunesisches Olivenöl wird derzeit zu Preisen von unter vier Euro pro Liter verkauft“, warnen Coldiretti und Unaprol. Dies zwinge italienische Erzeuger dazu, ihr Öl unter den Produktionskosten anzubieten. Cristiano Fini, Präsident des Bauernverbands CIA, fordert Brüssel auf, „Verhandlungen zu stoppen, die nicht konsequent die Interessen der europäischen Olivenbauern und den Schutz der Qualität unserer Produktionen in den Mittelpunkt stellen“.

Bereits jetzt gebe es Anzeichen struktureller Schäden. In Teilen der Toskana seien in den vergangenen Jahren rund 40 Prozent der für den Olivenanbau genutzten Flächen aufgegeben worden. Landesweit stünden nach Angaben der Verbände Hunderttausende Hektar Olivenhaine leer oder seien vom Verfall bedroht.
Die italienischen Verbände fordern daher einen nationalen Olivenöl-Plan, der Qualität, Rückverfolgbarkeit und den Schutz der heimischen Produktion in den Mittelpunkt stellt. Italien könne im reinen Preiswettbewerb mit Ländern wie Spanien oder Tunesien nicht bestehen, sondern müsse auf seine einzigartige Sortenvielfalt setzen. Andernfalls drohe Olivenöl von einem kulturellen Symbol der italienischen Küche zu einer austauschbaren Massenware zu werden.


