Gerade hat Flugkapitän Stijn Lambrecht noch einen guten Erstflug gewünscht. Jetzt gibt er Gas. Der Schub drückt die Gäste in die fabrikneuen Sitze, die noch nach Leder riechen. Und dann hebt G-TUPE, neuester Flieger der TUI-Airline-Flotte, vom Boeing-Field in Seattle, USA, ab und lässt den Nieselregen hinter sich.
Die glänzende 737 Max 8 hat jetzt etwa 7500 Kilometer vor sich. Es geht über Kanada und den Polarkreis bis hinauf zum 68. Breitengrad, dann über Grönland, Island und Schottland nach Manchester. Der Mittelstrecken-Jet schafft die Entfernung, weil er praktisch leer ist. Geplante Flugzeit sind neun Stunden 35 Minuten.
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TUI Airline plant eigene Flugstrecken – „gibt enormes Potenzial“
Der Flieger gehört zur neuen Strategie von TUI Airline, einem Unternehmen des größten europäischen Reisekonzerns TUI. Bisher brachte die Fluggesellschaft im Wesentlichen Reisende zu den Hotels und Kreuzfahrtschiffen der Mutter. Das soll sich jetzt ändern. „Wir wandeln uns zu einer Fluggesellschaft mit dem sehr großen Kunden TUI, die aber auch eigene Strecken und Plätze anbietet“, sagt Peter Glade, Chief Commercial Officer von TUI Airline. Im Zweifel könnten sogar andere Reiseanbieter Kunden sein.
Die derzeit 125 Flugzeuge, die vor allem aus Großbritannien, Deutschland, Belgien und Schweden fliegen, sollen besser genutzt werden – trotz einer Auslastung von bis zu 90 Prozent bleiben Plätze frei. Und der ein oder andere Leerflug könnte auch entfallen. „Es gibt da enormes Potenzial“, sagt Glade. Zugleich soll aus fünf internen Strukturen eine Fluggesellschaft werden. Er verspricht zudem: „Mit neuer Infrastruktur machen wir den Ticketkauf so einfach wie einen Einkauf bei Amazon.“ Umgesetzt sein soll alles zum Herbst 2027. Christopher Grube, Leiter des Flugbetriebs, ergänzt: „Was wir machen, ist der anspruchsvollste Umbau derzeit im Fluggeschäft Europas.“
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Flugzeugteile reisen per Zug durch die Rocky Mountains
Das neue Flugzeug hat TUI bereits vor Jahren bestellt. Es dauert, bis es bei Boeing im 737-Werk Renton bei Seattle einen Slot gibt. Die Max 8 ist das beliebteste Modell der Baureihe, derzeit liegen für sie 4792 Bestellungen vor. Das Werk schafft im Moment 42 Maschinen pro Monat, Anfang 2027 sollen es 52 sein.

Eine neue 737 startet etwa 2300 Kilometer entfernt in Wichita, Kansas. Dort nieten die Arbeiter der Boeing-Tochter Spirit Aerospace den Rumpf aus Aluminiumblech zusammen, versehen ihn mit einem grünen Schutzanstrich. Dann geht es in drei Teilen – Schnauze, Heck und Rumpf – per Zug durch die Rocky Mountains nach Renton.
Flugzeugbau in Handarbeit: Flieger entstehen in präziser Montage
In der riesigen Halle werden die Flugzeuge in drei Linien überwiegend in Handarbeit gebaut. Ein geschäftiges Summen liegt über allem, auch wenn nur wenige Menschen zu sehen sind. Andererseits fallen sie zwischen den großen Flugzeugen kaum auf. Deren Notausgänge sind nach oben geklappt, die Türen offen, an vielen Stellen der Maschinen hängen Kabel heraus. Irgendwo heult es warnend. Akkuschrauber schnarren.
An den ersten Stationen werden Schnauze, Rumpf und Heck zusammengesetzt, etwa 63 Kilometer Kabel eingezogen, das Cockpit ausgestattet, an der vierten setzen sie den Rumpf auf die Tragflächen und die Räder. Erstmals ist auch zu erkennen, wer die Maschine bekommen wird – United, Ryanair oder eben TUI. Das Ruder am Leitwerk hinten ist mit einem Abschnitt des jeweiligen Firmenlogos lackiert, der Rest des Rumpfs trägt weiter türkisgrün.
Etwas weiter Richtung Tor, über dem eine riesige US-Fahne hängt, kommen Küchen und Toiletten in die Flugzeuge. Der Strom wird angeschaltet. Erst an Station 8 schieben sie die Sitze durch die vordere Flugzeugtür. An der letzten Station werden die Turbinen unter die Tragflächen gehängt.
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Härtetest: Flieger muss Extremsituationen bestehen
Jetzt ist das Flugzeug bereit, wird durch das große Tor nach draußen geschoben. Nach einem ersten Triebwerkstest hebt die neue Maschine von der Startbahn neben der Fabrik zum Testflug ab – immer noch im grünen Schutzanstrich. Verhält sich das Flugzeug, wie es soll, bekommt es nach der Rückkehr den Lack. Drei bis fünf Schichten sprühen Spezialisten per Hand auf.
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So läuft es auch bei G-TUPE. Danach kommen TUI-Ingenieure und Piloten wie Lambrecht, die den Flieger intensiv testen. Jeder Schalter wird geschaltet, jeder Anschluss angesehen, jeder USB-Stecker geprüft. Und Lambrecht bringt die Maschine beim C1 genannten ersten Flug des Kunden (Customer) an ihre Grenzen: extremer Steigflug, plötzliches Absacken, scharfe Kurven, viereinhalb Stunden, in denen die jeweiligen Sicherungssysteme anspringen müssen. Es ist ein Flug recht weit entfernt vom normalen Urlaubstrip Düsseldorf–Palma.
Neue Flugzeuge: TUI und Boeing schweigen über den Preis
Die 737 hat alles gut überstanden, Flugkapitän Lambrecht sieht jedenfalls am Abend vor dem Manchester-Flug zufrieden aus. In der Nacht unterschreiben dann Vertreter von TUI und Boeing den Papierkram, erst dann fließt Geld an den Flugzeughersteller. Über den Preis schweigen sich alle aus. Angeblich kostet die 737 Max 8 offiziell mehr als 120 Millionen Dollar (derzeit 100 Millionen Euro), Rabatte von 40 Prozent und mehr sind für Großbesteller üblich. TUI wartet noch auf 41 Maschinen, kann 17 weitere bestellen.

G-TUPE setzt nach einem sehr ruhigen Flug in Manchester auf. Die Maschine rollt ans Gate. Die Turbinen fahren herunter. Flugkapitän Lambrecht und sein erster Offizier James Craggs sehen entspannt aus – trotz neun Stunden und 38 Minuten Flug. In den nächsten Tagen bekommt die Maschine noch den letzten TUI-Schliff, dann startet sie in den Ferienbetrieb – in die Sonne.






