In der Nacht von Samstag auf Sonntag ist es wieder so weit: Dann endet die Sommerzeit, um 3 Uhr werden die Uhren um eine Stunde zurückgestellt – auf die Winterzeit, die eigentlich die Normalzeit ist. Die meisten Menschen brauchen ein paar Tage, um auch ihre „innere Uhr“ umzustellen. Gesundheitliche Beschwerden sind keine Seltenheit.

Seit vielen Jahren wird in Europa über eine Abschaffung der Zeitumstellung diskutiert. Die war ursprünglich eingeführt worden, um durch eine bessere Ausnutzung des Tageslichts Energie zu sparen – was im Jahresverlauf unterm Strich aber kaum geschieht. Obwohl vieles gegen das System spricht, scheitern die EU-Staaten bislang daran, sich auf eine Abschaffung zu verständigen. Wir erläutern, warum das so ist und was das mit der Wirtschaft zu tun hat.

Uhren
Am Sonntag werden die Uhren eine Stunde zurückgestellt, ab dann gilt wieder die Winterzeit.© picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt

Wie genau funktioniert doch gleich die Zeitumstellung?

An zwei bestimmten Tagen im Jahr wird in Europa regelmäßig an der Uhr gedreht – am letzten Sonntag im März und am letzten Sonntag im Oktober. Im Frühjahr dreht man den Zeiger um eine Stunde vor, im Herbst um eine Stunde zurück. Eselsbrücke: Immer an Gartenstühle denken. Die trägt man im Frühjahr vor das Haus, auf die Terrasse, und im Herbst wieder zurück ins Haus.

Lieben Sie gut recherchierte Geschichten, spannende Interviews und Reportagen?

Textchefin Birgitta Stauber sucht sie in ihrem Newsletter „Das Beste am Sonntag“ für Sie aus, eingebettet in ein persönliches Editorial. Kostenlos abonnieren können Sie den Newsletter hier.

Die Termine der Umstellung sind EU-weit überall gleich, unabhängig von der Zeitzone. In Deutschland und den meisten anderen Mitgliedstaaten gilt die Mitteleuropäische Zeit (beziehungsweise die Mitteleuropäische Sommerzeit). Diese Zeitzone erstreckt sich über eine große Distanz von der Ostgrenze Polens bis zur Atlantikküste Spaniens. Länder wie Finnland, die baltischen Republiken, Rumänien oder Griechenland sind mit der Osteuropäischen Zeit eine Stunde voraus. Irland und Portugal hinken mit der Westeuropäischen Zeit von Deutschland aus gesehen eine Stunde hinterher.

Was will die EU?

Das weiß sie selbst nicht. Die Idee der Sommerzeit – also das Abweichen von der Normalzeit, um am Abend eine Stunde länger Tageslicht zu haben – ist schon sehr alt. In Deutschland etwa wurde die Zeitumstellung erstmals 1916 während des Ersten Weltkriegs vorgenommen und dann seit 1980 wieder. Italien und Frankreich starteten ebenfalls erstmals 1916 – die Italiener führten das System dann 1966 wieder ein und die Franzosen 1976.

Es gab also ein riesiges Chaos in Europa, und zwar auch mit Blick auf die jeweiligen Termine der Zeitumstellung. Mit einer Richtlinie aus Brüssel wurde 1981 der Beginn der Sommerzeit im März harmonisiert, seit 1996 endet für alle Mitgliedstaaten die Sommerzeit einheitlich im Oktober.

Auch interessant

2018 schlug der damalige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vor, die Zeitumstellung abzuschaffen. „Die Menschen wollen das, wir machen das“, sagte er und warb für die „ewige Sommerzeit“. Auch das EU-Parlament ist für eine Abschaffung. Aber die Mitgliedstaaten können sich nicht auf eine einheitliche Position einigen. Es geht auch darum, einen Flickenteppich zu vermeiden. Zuständig auf EU-Ebene sind die Verkehrsminister. Der Europaabgeordnete und Arzt Peter Liese (CDU) sagt: „Weil die Verkehrsminister pennen, schlafen Millionen von Menschen schlecht.“

Warum tun sich die Staaten so schwer?

Für jedes Land hätte eine ewige Sommerzeit oder eine ewige Winterzeit bestimmte Vor- und Nachteile, die unterschiedlich gewichtet werden. Das erschwert die Entscheidungsfindung – in den Ländern selbst wie auf EU-Ebene.  

Anstoßen im Biergarten: An langen Sommerabenden können die Wirte viel Geld verdienen.
Anstoßen im Biergarten: An langen Sommerabenden können die Wirte viel Geld verdienen.© dpa | Peter Kneffel

Beispiel Deutschland: Gälte hier dauerhaft die Sommerzeit, dann wären vor allem im Winter negative Folgen zu spüren. Es würde erst zwischen 9 und 10 Uhr hell. Schulkinder müssten während der ersten Stunden in der Dunkelheit lernen. Das Risiko für Unfälle während der Hauptverkehrszeit am Morgen stiege. Viele Menschen wären übermüdet, weil sie immer dann aufstehen müssten, wenn es gefühlt noch tiefe Nacht ist.

Gälte hingegen dauerhaft die Winterzeit/Normalzeit, dann würde es im Sommer teilweise schon deutlich vor 4 Uhr hell, die Abende wären aber um eine Stunde verkürzt. Kneipen, Biergärten und Freizeitwirtschaft müssten mit Umsatzeinbußen rechnen.

Warum macht nicht jedes Land, was es will?

Weil es dann in Europa zu einem großen Durcheinander kommen könnte. Die Staaten des Kontinents sind heute viel vernetzter, als das vor 50 oder 100 Jahren der Fall war. Waren, Dienstleistungen, Kapital und Arbeitnehmer können sich in der EU frei bewegen und tun das auch.

Ein unkoordiniertes Vorgehen bei der Zeitumstellung würde das durchkreuzen: Logistikketten müssten neu organisiert werden, Geschäftskontakte würden erschwert. Fahr- und Flugpläne müssten angepasst werden, multinationale Teams unterschiedliche Arbeitszeiten berücksichtigen. Grenzpendler müssten womöglich viel früher aufstehen, um pünktlich zur Arbeit ins Nachbarland zu kommen. All das wäre zwar grundsätzlich machbar, aber mit einem erheblichen Aufwand und damit mit zusätzlichen Kosten verbunden.

256056_1325_256056_cover.jpg
Alois Rainer über die dunkle Seite des Landlebens, robuste Frauen und Wurst in der Dose
Meine schwerste Entscheidung
 

Wie geht es jetzt weiter?

Um Bewegung in die Sache zu bringen, hat die EU-Kommission eine Studie in Auftrag gegeben. Sie soll die Auswirkungen einer Abschaffung beleuchten und wird voraussichtlich bis zum Jahresende abgeschlossen sein. Auch das EU-Parlament macht Druck auf die Mitgliedstaaten. Deutschland befürwortet eine Abschaffung, hat sich aber noch nicht festgelegt, ob es eine dauerhafte Sommer- oder Winterzeit geben soll. Wichtig ist der Bundesregierung vor allem, dass das Land auch künftig in einer Zeitzone mit den direkten Nachbarn liegt.