„,Heute, an deinem sechsten Geburtstag, muss ich dir sagen, obwohl du noch klein bist: Auf dich und uns kommen schreckliche Zustände zu.‘ So sprach mein Vater am 22. Juni 1941 zu mir. Ich erinnere mich noch genau an jedes Wort“, sagt Karl Gartner und schaut mich, selbst ein wenig verwundert, an. Immerhin ist er vor kurzem 90 Jahre alt geworden und die Erinnerung, die er mit mir teilt, stammt nicht nur aus einer vergangenen, sondern einer untergegangenen Zeit.

Die Autorin Susanne Böllert schreibt die Geschichte von Karl Gartner für seine Kinder und Enkelkinder nieder.
Die Autorin Susanne Böllert schreibt die Geschichte von Karl Gartner für seine Kinder und Enkelkinder nieder. © Privat | Susanne Böllert

Die Szene, die sich vor seinem inneren Auge wiederholt, trug sich vor 84 Jahren in seinem Geburtshaus in der Oberen Gasse in Tachau zu. Hier hing eine große Europakarte, auf der der kleine Egerländer mit viel Eifer den Frontverlauf der östlich vorrückenden Wehrmacht absteckte. „Für mich war das spannend wie ein Sportereignis, und die deutschen Soldaten waren die besten“, berichtet der alte Mann vom naiven Stolz des Fünfjährigen.

Kindheit in Trümmern: „Unter Gerümpel versteckt transportierte ich wertvolles Hab und Gut“

An jenem Sommertag aber war Hitler in Russland einmarschiert und hatte Stalin den Krieg erklärt. Gartners Vater, dekorierter Offizier im Ersten Weltkrieg, habe gewusst, dass die „Operation Barbarossa“ keinesfalls wie propagiert zum Blitzsieg der Deutschen führen würde. Vielmehr sah der kriegsversehrte Oberlehrer den Untergang des „Dritten Reiches“ eingeleitet, in das der Führer das zuvor tschechische Sudetenland 1938 eingegliedert hatte – sehr zur Freude der fast vollständig deutschen Bevölkerung. „Bitter klagte mein Vater: ‚Ein Anstreicher führt ein ganzes Land ins Unglück‘“, erinnert sich der Sohn, der heute selbst Vater, Großvater und Urgroßvater ist.

Alte Familienfotos von Karl Gartner zeigen die Hochzeit seiner Eltern.
Alte Familienfotos von Karl Gartner zeigen die Hochzeit seiner Eltern. © Privat | Susanne Böllert

Für seine Enkel und Urenkel möchte der Sudetendeutsche zu Papier bringen, was ihm als Kind im Zweiten Weltkrieg widerfuhr. Für sie möchte er niederschreiben, was er als Vertriebener in einem ausgebombten, erniedrigten und verarmten Deutschland erlebte. Weil der Tremor die Hände des pensionierten Verkaufsleiters zittern lässt, sitze ich nun an vielen Nachmittagen auf Herrn Gartners Terrasse im oberbayerischen Herrsching, wo er seit langem lebt, und fülle meine Notizbücher.

Ich tauche ein in die Zeit, als die Nazi- und Kriegsbegeisterung so ungebremst durch den Gau Sudetenland tobte wie durchs restliche Deutsche Reich. Es berührt mich das Schicksal des Fiala Karls, Gartners bestem Freund, der im Februar 1945 im britischen Bombenhagel starb. Einer unerklärlichen Eingebung folgend war Gartner der drängenden Einladung des Freundes nicht gefolgt – obwohl das lang ersehnte Spielzeug endlich eingetroffen war. Diese Entscheidung rettete ihn vor der Bombe, die nur wenige Augenblicke später das Haus der Fialas zerstörte und Karl tötete.

Es beeindruckt mich der Mut der Verzweiflung, der Gartners Mutter beseelte, als sie begriff, dass die Tschechen mit den Beneš-Dekreten die Sudetendeutschen nicht nur entrechtet hatten. Die Rot-Kreuz-Führerin ahnte, dass die von der Nazi-Besatzung befreiten Tschechen in ihrem Wunsch nach Vergeltung alle Deutschen aus Böhmen und Mähren vertreiben würden – ganz gleich, ob Nazi oder nicht. „So schickte sie mich einige Male mit einem Leiterwägelchen zu einem Bauern nahe der bayerischen Grenze“, reist Gartner gedanklich zurück in das zu Ende gehende Jahr 1945. „Unter allerlei Gerümpel versteckt transportierte ich wertvolles Hab und Gut: Silberbesteck, eine Singer-Nähmaschine, gute Kleider und alte Strickjacken, deren Knöpfe meine Mutter durch mit Stoff ummantelte Goldmünzen ersetzt hatte“, nimmt mein Erzähler mich mit auf die Tachauer Ausfallstraße nach Westen.

Die Flucht: „Welche Strapazen hat die Mutter auf sich genommen“

„Ich brauchte vier Stunden hin und vier Stunden zurück. Meine Mutter aber machte sich im Schutz der Dunkelheit auf, um unseren Besitz zu einem Hof im bayerischen Bärnau zu schaffen, wo wir ihn später zum Großteil wieder an uns nehmen konnten“, fährt Gartner fort. So wie seine Mutter riskierten viele Sudetendeutsche nach dem Krieg ihr Leben, um Wertsachen über eine Grenze zu bringen, die zuvor nicht existiert hatte, die die Tschechen nun aber Woche für Woche verstärkten. Die geretteten Besitztümer sollten ihnen, denen man ihre Staatszugehörigkeit bereits aberkannt hatte, drüben einen Neuanfang ermöglichen.

Zuvor erlebten die Sudeten aber noch die „rechtlose Zeit“, während der die Tschechen den Einfluss der amerikanischen Befreier immer mehr beschnitten und „ihre ganze Verbitterung über die Gräueltaten der Deutschen an der Zivilbevölkerung ausließen“, wie es Gartner formuliert. Die lang vorbereitete Vertreibung aber ließ sich nicht mehr abwenden: 1946 sollten 3,5 Millionen Sudetendeutsche über die bayerische und sächsische Grenze verbracht werden.

Gartner steckt noch in einer dieser dunklen Nächte Ende 1945 fest. Er erzählt: „Meine Mutter ging mit einem Führer durch den Böhmerwald und querte einen Grenzbach. Die Leute hatten Baumstämme im Dickicht versteckt und legten sie über den Bach. Einige fielen ins Wasser. Scharf geschossen wurde auch. Welche Strapazen hat die Mutter auf sich genommen!“

Besonders in jener Nacht, in der sie sich das schwere Kruzifix aus dem 19. Jahrhundert auf den Rücken binden ließ. Wie viel es wert war, sei nicht wichtig gewesen, erklärt ihr Sohn. „Doch gerettet werden musste es! Unter ihm hatte meine Großmutter verzweifelt um die Rückkehr ihres Sohnes von der Ostfront gebetet. Ich sehe noch heute ihr tränenreiches Gesicht.“ Doch der Onkel kam nie mehr zurück, er fiel in Stalingrad. Das wurmstichige Kruzifix aber hängt heute im Herrschinger Haus an der Wand und erzählt von der Passion des Gekreuzigten sowie der einer 1908 geborenen Anna Gartner.

Das Kruzifix der Familie fand seinen Weg in der neuen Heimat. Heute hängt es im Herrschinger Haus.
Das Kruzifix der Familie fand seinen Weg in der neuen Heimat. Heute hängt es im Herrschinger Haus.© Privat | Susanne Böllert

Im Haus der Vertriebenen leben heute Geflüchtete

Das Haus, das die Egerländerin und ihre Familie 1946 mit einem der ersten Tachauer Vertriebenentransporte verlassen mussten, trägt heute die Hausnummer 48. Die Obere Gasse heißt nun Husitská-Straße. Die Rollläden sind heruntergelassen, der Briefkasten quillt über, die Klingel ist defekt. Niemand öffnet. Ein Vietnamese hat es vor einiger Zeit einem Tachover abgekauft, lasse ich mir erzählen. Die Wohnungen vermietet er an ukrainische Flüchtlinge. Ein teuflischer Kreis schließt sich: Das enteignete Haus deutscher Vertriebener beherbergt heute Menschen, die vor dem Angriffskrieg Russlands geflohen sind.

Das alte Geburtshaus von Karl Gartner in Tschechien beherbergt heute Geflüchtete aus der Ukraine.
Das alte Geburtshaus von Karl Gartner in Tschechien beherbergt heute Geflüchtete aus der Ukraine.© Privat | Susanne Böllert

Auf die Gartners indes sollten entbehrungsreiche Zeiten zukommen, nachdem sie, mit 60 Menschen im Viehwaggon eingepfercht, über Eger (heute Cheb) nach Nürnberg transportiert und weiter im Lastwagen nach Fürth gekarrt worden waren. Hier hausten Karl, seine Eltern und die Großmutter für etwa drei Monate in einer Schule, deren Schulbänke durch Stockbetten ersetzt worden waren.

Sie litten Hunger. Gekochtes Sauerkraut war das einzige, mit dem sie das Rote Kreuz versorgen konnte. „Meine Oma und ich waren den ganzen Tag bei den Bauern unterwegs für drei, vier Stück Brot. Wir hatten keine Hemmungen, was das Betteln anging“, nimmt mein Erzähler mich mit auf die Dörfer rund um Fürth. „Mühsam suchten wir die abgeernteten Felder nach letzten Ähren ab. Für einen Sack bekamen wir in der Mühle etwas Mehl, mal 300 Gramm, mal 400.“ Anna aber, die tüchtige Mutter, sei zum Betteln zu stolz gewesen. „‘Bitte verzeiht mir, aber das werde ich nicht machen‘, hat sie geweint.“

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Stattdessen lief die Heimatlose, die in Tachau in Wohlstand gelebt hatte, im Morgengrauen bis Fürth. Mit leerem Magen. Und einer ihrer Goldmünzen. Wenn sie gegen sechs Uhr in der Früh das Wohnungsamt erreichte, war die Menschenschlange schon 50 Meter lang. „Ich habe nix, es gibt nichts“, war alles, was Anna von den Beamten zu hören bekam, die sie mit dem Goldstück zu erweichen suchte. Tausende Flüchtlinge aus Pommern, Schlesien, dem Sudetenland suchten damals eine Bleibe in Fürth, das die Bombenangriffe der Alliierten beinah unbeschadet überstanden hatte.

Bitten um eine Bleibe für die Familie

Irgendwann durften die Gartners eine kleine Gartenlaube beziehen, die vorbeirollende amerikanischen Panzer jede Nacht zum Zittern brachten. Ob mit Goldmünze oder nicht – noch vor Wintereinbruch durfte die Familie die unbeheizte Laube gegen zwei Zimmer eintauschen, die eine betagte Fürtherin an sie abtreten musste.

In Tachov aber, nicht weit von Gartners Geburtshaus am Rande des Rathausplatzes, führt Nicole Wetzler einen Schmuckladen und hofft, dass die lästigen Bauarbeiten hier bald enden werden und ihr Geschäft wieder in Schwung kommt. Voller Begeisterung beugt sich die blonde Frau über Karl Gartners vergilbte Straßenkarte von 1938.

Nicole Wetzler sucht im Verzeichnis der Hausbesitzer vergeblich nach dem Namen ihres Opas.
Nicole Wetzler sucht im Verzeichnis der Hausbesitzer vergeblich nach dem Namen ihres Opas.© Privat | Susanne Böllert

Die Enkelin eines jüdischen Deutschen sucht im Verzeichnis der Hausbesitzer nach dem Namen ihres Opas. Sie sucht vergeblich. Seinen Namen hatte man im Jahr des Anschlusses wohl bereits getilgt, wie am 10. November dann auch die Synagoge, die auf der Karte noch verzeichnet ist. Auch Drexlers Großvater war den Repressalien der Nazis ausgesetzt, er kam ins berüchtigte KZ Flossenbürg. Und überlebte. Ob Nicoles Familie aufgrund seines jüdischen Glaubens von der Vertreibung ausgenommen wurde? Das kann die Tschechin nur mutmaßen. Ob ihr 1932 geborener Vater Ewald den drei Jahre jüngeren Karl kannte? Wir vermuten es.

Gartner selbst kann das nicht bestätigen. Doch träumt er seit einiger Zeit wieder davon, selbst noch einmal nach Tachau zu reisen, durch die Straßen seiner Kindheit zu laufen und seine Taufkirche zu besuchen. Ein Traum wird es wohl bleiben: Die Gesundheit gestattet dem alten Mann Heimatreisen nur noch im Geiste.

Geschichte Sudetenland

Die Besiedlung der Randgebiete des Königreichs Böhmens durch deutsche Bauern, Bergleute und Handwerker erfolgte vor allem im 12. und 13. Jahrhundert. Das Königreich genoss aufgrund seiner Größe und Macht eine Sonderstellung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Mehr als acht Jahrhunderte lang koexistierten in Böhmen, Mähren und Südschlesien die deutschsprachige und die tschechische Bevölkerung friedlich.

1804 kam Böhmen als Kronland zum Kaisertum Österreich und wurde später Teil der Monarchie Österreich-Ungarn, bis diese nach dem Ersten Weltkrieg zerfiel. In jener Nachkriegszeit bildete sich der Begriff „Sudetenland“ heraus. Seine Bevölkerung hoffte, sich an Deutschösterreich angliedern zu können. Doch vergeblich: Fortan gehörten die Sudetendeutschen zur Tschechoslowakei. Bis Adolf Hitler 1938 mit dem Münchner Abkommen den Anschluss der Sudetenregion ans Deutsche Reich erwirkte.

Die Vertreibung von 3,5 Millionen Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg führte zu einer deutlichen Verschlechterung der Wirtschaftskraft dieses Landesteils der neu gegründeten Tschechoslowakei. Die Neubesiedelung der entvölkerten Gebiete erfolgte hauptsächlich durch Tschechen aus dem Landesinneren, die die Immobilien der Vertriebenen meist unentgeltlich erhielten, aber keinen Bezug zur Region hatte. Die wirtschaftliche Situation der Grenzregion hat sich nach der Samtenen Revolution gebessert, hinkt im nationalen Vergleich aber noch hinterher. Heute zählen Tourismus (vor allem aus Deutschland) und Kurwesen, Landwirtschaft und Dienstleistungen zu den Haupteinnahmequellen. Viele der hier lebenden Tschechen arbeiten in Deutschland.