Der Mann will hoch hinaus. Im wahrsten Wortsinn. Der Unternehmer hat den Hügel gekauft, der seine Stadt im Süden überragt. Oben baut er sein Haus, weil seine junge Frau Bertha weg will aus dem dreckigen Essener Industrieviertel Kilometer weiter unten. Er plant 269 Räume. Eine schnörkellose Sandsteinfassade. Alte große Bäume sollen die Villa einfassen. Er lässt dafür ganze Eichen-, Platanen- und Kastanienalleen aus den Nachbarstädten Gelsenkirchen und Mülheim in seinen riesigen Vorgarten umsetzen. Dann geht einiges schief. Teile des Rohbaus krachen zusammen, man hat dort zu viel Schutt abgeladen. Die vom Eigentümer erdachte Belüftung durch spezielle Rohre pustet diverse Küchengerüche in die Wohnhallen und kalten Wind. So wird er irgendwann das Monster einsam bewohnen müssen. Bertha verlässt ihn.

Wir sehen das teils wütende, teils deprimierte Gesicht dieses Herrn beim Lesen geradezu vor uns, auch, wenn das geschilderte Ereignis mehr als 150 Jahre zurückliegt. Autor Konstantin Richter erzählt solche sehr persönlichen Episoden wie die aus dem Leben des großen Essener Stahlmagnaten Alfred Krupp immer wieder auf den 530 Seiten seines Buches „Dreihundert Männer“.

Von Krupp bis Thyssen: Autor taucht ein in das Leben der Wirtschaftselite

Auch August Thyssen kommt die Ehefrau abhanden. Hedwig, geborene Pelzer, brennt mit dem Kurdirektor von Bad Nauheim durch. Da fauchen sich die Ingenieure Otto (-Motor) und Daimler (-Benz) über die Gartengestaltung ihrer nebeneinander liegenden Wohnhäuser am Kölner Stadtrand an, obwohl doch beide als Erfinder des Automobils andere Themen zu bereden hätten.

Reinhard Mannesmann reist mit seiner feschen Titta durch Marokkos Wüste, wo sie sich in einem Berberzelt vom Gastgeber füttern lässt: „Der Pascha steckte mir, um mich ganz besonders zu ehren, immer die besten Bissen mit seinen eigenen fürstlichen Fingern in den Mund“. Und dem Thronfolger bei Krupp, Friedrich Alfred, wirft der „Vorwärts“ 1902 vor, ein geheimes Verhältnis mit einem Hirtenjungen auf Capri zu pflegen. Eine Woche später ist Friedrich Alfred Krupp tot. Hirnschlag?  

Friedrich Alfred Krupp und Margarethe auf ihrem Verlobungsfoto im Mai 1882. (Archivbild)
Friedrich Alfred Krupp und Margarethe auf ihrem Verlobungsfoto im Mai 1882. (Archivbild)© Fremdbild | Fremdbild

Es ist das Eintauchen ins Leben der Gründerjahre. Solche kleinen Erzählungen machen Richters außergewöhnliche Arbeit über eineinhalb Jahrhunderte deutscher Wirtschaftsgeschichte nicht nur unterhaltsam. Sie signalisieren: Es waren damals Menschen, die die Wirtschaft angeschoben haben, nicht irgendwelche anonymen Geldgeber und -nehmer. Doch das Buch dreht sich bei weitem nicht nur um die Alltags-Feierabende der großen deutschen Arbeitgeber, die ihre Eigennamen meist auch als Marke ihrer Unternehmen verkauften.

Chronik der „Deutschland AG“: Wie alles entstand und die Firmen Krisen überstanden

Es ist die Chronik der „Deutschland AG“ und die ihrer tragenden Firmen und Konzerne. Wie alles entstand. Wie die Industriekapitäne untereinander persönliche, finanzkräftige Drähte koppelten und wie schnell sie die erste Herausforderung bestehen musste. Wie sie weltweit Erfolge feiern durften und Projekte wie die „Bagdadbahn“ anschoben. Wie die Aktiengesellschaften die Jahrhundert-Katastrophen, den Ersten und auch den Zweiten Weltkrieg, überlebten und am Ende – nach 120 Jahren Existenz – vielleicht einer zuerst weitgehend übersehenen minimalen gesetzlichen Regelung einer bundesdeutschen Regierung zum Opfer fielen.

Zugegeben: Die „Deutschland AG“ war entscheidend für das deutsche Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit und damit eine Grundlage für unseren heutigen Wohlstand. Doch die erste Runde dieses außergewöhnlichen Wirtschaftskrimis ist die spannendste. Wir schreiben das Jahr 1871. Das „lange“ 19. Jahrhundert geht zu Ende. Preußens König Wilhelm I. zwingt Frankreich militärisch in die Knie. Zur Erniedrigung der Verlierer gründet er vor den Toren der Hauptstadt Paris das Deutsche Kaiserreich – und drückt auch die wenig geneigten Regionen des Rheinlands und Süddeutschlands unter preußische Herrschaft.

König Wilhelm I. von Preußen wird am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. (Gemälde, 1885, von Anton von Werner, Bismarck-Museum, Archivbild)
König Wilhelm I. von Preußen wird am 18. Januar 1871 im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles zum Deutschen Kaiser ausgerufen. (Gemälde, 1885, von Anton von Werner, Bismarck-Museum, Archivbild)© picture alliance / akg-images | akg-images

Für die ohnehin schon länger boomende Wirtschaft auf dem Gebiet des neuen Reiches, ausgelöst durch den weltweiten Eisenbahn-Bau, wird der Neustart zum großen Schub. Die Gründerjahre beginnen. 300 Männer bestimmen sie, wird der Industrielle und Politiker Walther Rathenau später schätzen. „Wie Pilze schossen diese AGs aus dem Boden“, schreibt Richter. „Brauereien, Handwerksbetriebe, Pferderennbahnen wurden zu hohen Preisen aufgekauft und zu noch höheren an die Börse gebracht. Unternehmen, die eine große Zukunft vor sich hatten, wurden mit dringendem Geld versorgt und legten den Grundstein für spätere Erfolge.“

300 Männer bestimmten die boomende Wirtschaft

In den wilden Jahren entstehen Keimzellen bedeutender Konzerne. In Mülheim an der Ruhr baut Thyssen sein Bandeisenwalzwerk. In Köln konstruiert die Deutz AG Gasmotoren, und Otto und Daimler, der sich später in Stuttgart verselbstständigt, machen mit. Linde entwickelt in München die erste Kältemaschine. In Hannover gründet ein jüdischer Bankier die Firma Continental, die Regenmäntel und Wärmflaschen produziert und später Autoreifen. 

Alfred Krupp, der konservative Herr auf Villa Hügel, wird bald Deutschlands größtes Unternehmen führen, und das baut begehrte Radreifen für die großen Überlandeisenbahnen Amerikas und Kanonenrohre („Dicke Bertha“) für Preußens Gloria. Und es wird nach innen sozial auftreten. Sein Deal mit der Belegschaft: billiger Wohnraum für Arbeiter und eine eigene Rentenversicherung gegen bedingungslose Unterwerfung gegenüber den Chefs. Anders benimmt sich Robert Bosch. Er mag die Sozialdemokraten, zahlt höhere Löhne in seinem Elektroladen und führt den Acht-Stunden-Tag ein. Georg Siemens, dessen Bruder auch fortschrittliche elektrische Sachen herstellt, steht einem zunächst unbedeutendem Geldinstitut vor, das erstmal nur einen faszinierenden Namen trägt: Deutsche Bank.

Alfred Krupp posiert vor der Kamera. Das Vergnügen am Reitsport teilte er mit dem Adel. (Archivbild)
Alfred Krupp posiert vor der Kamera. Das Vergnügen am Reitsport teilte er mit dem Adel. (Archivbild)© Stadt Essen | Stadt Essen

Zwei Jahre hält die Schönwetterzeit an. 1873 kippt das Klima. Börsenkurse brechen durch den Boden. Von 1900 Aktiengesellschaften, die nach 1870 gegründet wurden, überleben den Gründerkrach gerade 200, schreibt Richter: „Ein tiefer und schmerzlicher Strukturwandel“. Sechs Jahre wird die erste, große Krise der neuen Ära dauern. Eisen, Kohle und Stahl müssen da durch, teils mit Staatshilfe wie bei Krupp, von dem Kaiser Wilhelm II. begeistert war. Die neuen Industrien, Chemiebetriebe wie Bayer, Hoechst und BASF oder Siemens mit seiner Elektrotechnik, sind erst im Entstehen, und „in einer embryonalen Phase befand sich die Automobilindustrie, die sich erst nach dem zweiten Weltkrieg zum Leitsektor entwickeln sollte“. Carl Benz, Gottlieb Daimler, Nicolaus August Otto? Zu jung, als die Kurse nachgeben.

Börsencrash am 9. Mai 1873: Der Zusammenbruch einer Bank in Wien sorgte 1873 für einen weltweiten Wirtschaftseinbruch. (Holzstich nach Zeichnung von Joseph Eugen Hörwarter, Archivbild)
Börsencrash am 9. Mai 1873: Der Zusammenbruch einer Bank in Wien sorgte 1873 für einen weltweiten Wirtschaftseinbruch. (Holzstich nach Zeichnung von Joseph Eugen Hörwarter, Archivbild)© epd | akg-images

Deutschland AG im Zweiten Weltkrieg: Konzernlenker unterstützen Adolf Hitler

Zwei vom Reich ausgelöste Weltkriege werden wichtige Teile der Geschichte der Deutschland AG sein. Es sind ihre schlimmsten Seiten. Nach 1945 werden sich Konzernlenker, die wie Alfried Krupp von Bohlen und Halbach und Friedrich Flick den nationalsozialistischen Angriffskrieg unterstützt haben, vor alliierten Gerichten verantworten müssen. Was den Ersten Weltkrieg betrifft: Unter den anfänglich „dreihundert Männern“ der AG ist auch ein den meisten eher unbekannter Typ, der am wirklich Bösen mitwirkt. Fritz Haber, Chemiker, Professor der Uni Karlsruhe, Berater der BASF. 1914, bald nach Kriegsbeginn, rennen sich deutsche und französische Soldaten an der Westfront fest. Voran kommen sie immer nur um wenige Meter. Mal die Seite. Mal die andere. Tausende sterben. Das Reich sucht die Geheimwaffe, die diesen Teufelskreis durchbricht. Haber hat eine Idee: Giftgas.

Beim Ausritt mit Oberst Bauer testet er sie in der Nähe von Köln. Sie reiten bewusst durch eine künstliche Chlorgaswolke – und werden krank. Wie erhofft. Es ist der Nachweis: Chlorgas wirkt, indem es, aus Farbabfällen erzeugt, das Lungengewebe zersetzt. Haber kämpft für die völkerrechtlich verbotene Anwendung. Aus Stahlflaschen lassen es kaiserliche Truppen am 22. April 1915 bei Ypern durch Nordostwind auf feindliche Linien treiben. Franzosen und Kanadier „fliehen aus den Schützengräben. Röchelnd, würgend, blutspuckend laufen sie ziellos umher“, beschreibt Richter die Szene. Ihre Lungen zerfallen. 1000 Mann sind tot.

Chemie-Nobelpreis trotz Giftgas: Der Beginn von Massenvernichtungswaffen

Es ist der Beginn des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen. Im Ersten Weltkrieg sterben 100.000 Soldaten und Zivilisten durch Chemie. Wegen anderer Verdienste um die chemische Forschung erhält Fritz Haber 1918 aber den Chemie-Nobelpreis. Da hat er schon selbst einen Verlust hinnehmen müssen. Tage nach Ypern beging seine Ehefrau Selbstmord.  

Deutsche Maschinengewehrschützen mit Gasmasken während einer Übung 1917. (Archivbild)
Deutsche Maschinengewehrschützen mit Gasmasken während einer Übung 1917. (Archivbild)© picture-alliance / akg-images | akg-images

Die Deutschland AG hat viele Jahrzehnte weitergemacht. Vielleicht bis zu einem Trigger-Tag im Dezember 1999, den Richter benennt. Der Finanzminister der neuen rot-grünen Bundesregierung veröffentlicht vor Weihnachten Pläne für eine Steuerreform. Im Papier steht: Eine Kapitalgesellschaft, die Anteile an einer anderen hält und diese gewinnbringend verkauft, muss dafür keine Steuern mehr zahlen.

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Ein wildes Kaufen und Verkaufen setzt ein. Börsenkurse nehmen Reißaus nach oben. Ausländische Kapitalgesellschaften investieren. Der britische Vodafone-Konzern schafft es, den Mannesmännern über Aktionäre die beherrschende Mobilnetz-Sparte abzuknöpfen. Das Ergebnis: Mannesmann war einmal. Aktionärsinteressen haben künftig das Sagen. Nicht mehr Familien. Nicht mehr freundschaftliche Beziehungen. Nicht mehr empfindsame Menschen. So geht die Deutschland AG zu Ende. Reinhard und Titta Mannesmann haben wohl geahnt, dass Marokkos Wüste der bessere Platz war.

Konstantin Richter. „Dreihundert Männer“. Suhrkamp-Verlag 2025