Weihnachten – das Fest der Liebe und des Konsums. Für viele ist es der Höhepunkt des Jahres, auf den wochen- und monatelang hingearbeitet wird, um die perfekten Geschenke zu finden. Doch trotz aller Mühen gibt es sie, und wohl jeder kennt sie: die schrecklichen Weihnachtsgeschenke – von der dritten Silikonbackform für Muffins bis zum Pullover mit Rentier-Motiv. Ob Versehen, Gedankenlosigkeit oder mangelnde Kenntnis über die Vorlieben des Beschenkten: Hinter manch einem Präsent steckt unfreiwillige Komik. Unsere Autoren und Autorinnen blicken zurück auf ihre kuriosesten Überraschungen unter dem Weihnachtsbaum – und auf die Geschichten, die dahinterstecken.

Lila Grauen statt cooler Rollen

Petra Kuiper

Es war Mitte der 80er, und ich hatte mir Rollschuhe gewünscht; coole Roller Skates. Doch es kam anders. Als meine Oma mir ihr Päckchen überreichte, war ich gleich skeptisch: zu flach und – weich. Ich wickelte es aus, von rebellischer Hoffnung getragen – und hielt ihn schließlich in den Händen. Einen Pullover. Keinen x-beliebigen Pullover, sondern den hässlichsten Pullover, den ich je gesehen hatte. Eng war er und grob gerippt. Und lila-blau, eine fürchterliche Farbe. Obendrein: weiße Streifen an den Ärmeln und eine Schleife am Hals. Achduscheiße, muss mir entfahren sein. Meine Oma, die zum Glück nicht mehr gut hörte, schaute irritiert. „Gefällt er dir, Liebelein?“

Statt Rollschuhen gab es von der Oma einen lila-blauen Pullover. (Symbolbild)
Statt Rollschuhen gab es von der Oma einen lila-blauen Pullover. (Symbolbild)

Liebelein ging ein Licht auf. Vor einigen Wochen hatte ich mich beklagt, „nichts“ zum Anziehen zu haben. Und daraufhin hat sich meine Oma offenbar auf den Weg gemacht, mit Tante Maria im Schlepptau. Ich sah die älteren Damen quasi vor mir. Untergehakt durch die Geschäfte irrend, fest entschlossen, meine Traurigkeit zu lindern.

Und so half nur eins: lügen. „Nun“, sagte ich munter, während ich in meiner Fantasie mit meinen nicht vorhandenen Skatern die Flucht ergriff. „Schön“. Oma und Tante Maria strahlten. Und irgendwann habe ich auch gestrahlt, hin- und hergerissen zwischen Rührung und Entsetzen. Ich habe das grässliche Teil sogar angehabt, unter dem Parka, und mich auf dem Schulklo umgezogen. Über meine Klamotten habe ich nie wieder gemeckert. Aus Angst vor Konsequenzen.

Als die entfernte Großtante und ich rot anliefen

Marc-Andre Podgornik

Mein schrecklichstes Weihnachtsgeschenk war ein Büstenhalter. Ein zartgrüner Büstenhalter, wenn Sie es genau wissen wollen. Jetzt könnte man sagen: ein Büstenhalter? Ist doch gar nicht so schlimm. Ist es doch! Zunächst mal muss ich klarstellen, dass ich als Junge geboren wurde und dieses Geschlecht bis heute hartnäckig beibehalten habe, also in der Regel keine Büstenhalter benötige.

Im Geschäft vertauscht: Aus einem Schlafanzug wurde kurzerhand ein grüner Büstenhalter. (Symbolbild)
Im Geschäft vertauscht: Aus einem Schlafanzug wurde kurzerhand ein grüner Büstenhalter. (Symbolbild)

Kritisch war zudem der Zeitpunkt. Ich bekam das zartgrüne XL-Dessous von einer entfernten Großtante – finde den Fehler! –, als ich um die zwölf Jahre alt war. Was mich später zum Lachen gebracht hätte, trieb mir damals vor Scham Tränen in die Augen. Allerdings muss ich einräumen, dass auch der entfernten Großtante die geschminkten Gesichtszüge ordnungsgemäß entglitten. Denn selbstverständlich wusste die betagtere Dame, dass ich keine Büstenhalter trage – und niemals wäre sie ernsthaft auf die Idee gekommen, mir solch einen zu schenken.

Da muss der Verkäuferin bei Karstadt (oder war es Küster? Oder Horten?) wohl ein Malheur passiert sein, flüsterte sie peinlich berührt, während sie das riesige Mieder zügig zurück in die Plastiktüte stopfte. Irgendwo packte zeitgleich eine beleibtere Frau einen blauen E.T.-Schlafanzug in der Kindergröße 152 aus. Die Großtante kam in den folgenden Jahren nicht mehr zu Besuch – geschenkt hat sie mir auch nichts mehr.

Borussia ist nicht gleich Borussia

Walter Bau

Ich war zehn oder elf Jahre alt, und meine Welt bestand aus Fußball. Wir kickten, wo man uns gewähren ließ. Auf dem Bolzplatz, auf der Straße, auf der Kuhweide am Rand des Dorfs am Niederrhein, wo ich aufgewachsen bin. Ich war glühender Fan von Borussia Mönchengladbach, meine Idole hießen Günter Netzer, Hacki Wimmer, Ulrik Le Fevre. Und ich wollte aussehen wie sie, ich wollte dieses Trikot, das die Gladbacher Anfang der Siebziger trugen, das mit dem grünen und dem schwarzen Längsstreifen. Ich wünschte es mir zu Weihnachten.

Dieses Trikot von Gladbachs Günther Netzer (r.) sollte es werden. (Archivbild)
Dieses Trikot von Gladbachs Günther Netzer (r.) sollte es werden. (Archivbild)© dpa | dpa

Stattdessen lag unterm Christbaum das Trikot einer anderen Borussia, nämlich das der Dortmunder. Gelb mit schwarzem Bund, meine Mutter hatte per Hand auf die Rückseite die Nummer 9 gestickt, weil ich ja auch Mittelstürmer werden wollte. Ein Gladbach-Trikot, meinten meine Eltern bedauernd, sei nicht aufzutreiben gewesen. So war das damals, als die Klubs noch keine professionellen Fan-Shops hatten.

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Ich war tief enttäuscht. So eine Pleite. Was sollte ich mit dem BVB? Ich war doch ein Gladbacher! Natürlich hab‘ ich das gelbe Leibchen dann trotzdem beim Fußballspielen getragen, aber so richtig toll fühlte es sich nicht an. Etwa 15 Jahre später zog ich für meinen Job nach Dortmund. Das war die Zeit, als der schwarz-gelbe BVB in der Bundesliga durchstartete. Wohingegen meine Gladbacher… aber lassen wir das. Vielleicht war das Trikot damals ja doch nicht so falsch.

Die Badematte, die schreit: „Ich bin eine Badematte!“

Laura Lindemann

Als Kind konnte ich es kaum erwarten, die hübsch verpackten Päckchen unter dem glitzernden Baum zu plündern. Heute ist die Vorfreude etwas gedämpfter. Nicht, weil ich undankbar wäre. Nein, es liegt an einem ganz bestimmten Phänomen, das sich seit einigen Jahren hartnäckig unter unseren Weihnachtsbaum verirrt: Geschenke, die einem ins Gesicht schreien, was sie sind.

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Ich rede hier nicht von offensichtlichen Dingen wie einem Buch. Ich spreche von der Kategorie „Badematte, auf der ‚Bath‘ steht“. Oder die Tasse, die unmissverständlich mit „Kaffee“ beschriftet ist. Ganz irritierend sind auch Aufsteller, die einem versichern, dass „Home, sweet home“ doch wirklich ein ganz wundervolles Konzept ist.

Geschenke wie diese kommen meist von meiner Mutter, Mitte 50, und sie erinnern mich an den Stil, der in ihrer Generation recht beliebt wirkt. Es scheint ein Bedürfnis zu geben, die Dinge noch einmal zu benennen. Als ob die Badematte ohne den Schriftzug „Bath“ einfach nur ein Stück Teppich wäre, das zufällig im Badezimmer liegt.

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Nicht falsch verstehen: Ich schätze schöne Keramik. Ich mag flauschige Badematten. Aber bitte, bitte: schlicht und reduziert. Die Lehre, die ich daraus gezogen habe? Seitdem schicke ich Wunschlisten mit exakten Links zu den jeweiligen Produkten. Keine vagen Andeutungen mehr, keine „Ich hätte gern eine Badematte“-Aussagen. Nur noch präzise Angaben.

Sicher ist sicher.

Tausch das um!

Andreas Boehme

Wir haben Hunde. Das muss ich vorausschicken. Mit denen müssen wir raus. Morgens und abends. Schön im Sommer, nicht vergnügungssteuerpflichtig im Winter. Auch weil es hier bei uns am Rande des Sauerlandes immer eine Strickjacke kälter ist als sonstwo. Und noch etwas müssen Sie wissen. Meiner Frau fröstelt es leicht. Vorsichtig ausgedrückt. Alles unter 25 Grad ist „frisch“, fünf Grad weniger und es kommt die Frage: „Haben wir eigentlich noch genug Holz für den Kamin?“

Eine beheizbare Jacke für wärmere Spaziergänge – unser Autor hielt es für ein durchdachtes Geschenk. Seine Frau war da anderer Meinung. (Symbolbild)
Eine beheizbare Jacke für wärmere Spaziergänge – unser Autor hielt es für ein durchdachtes Geschenk. Seine Frau war da anderer Meinung. (Symbolbild)

Was liegt da näher, als ihr eine beheizbare Jacke zu schenken? Jetzt tun Sie nicht so, als hätten Sie so etwas noch nie gesehen. Da sind im Innenfutter dünne Heizdrähte im Bereich von Brust und Rücken eingearbeitet. Wieder aufladbar per USB natürlich. Kurzum: Tolles Teil! Und nicht ganz billig.

Leider wird der Wärmespender am Heiligabend eher frostig aufgenommen. „Ist unsere Heizung kaputt, oder fahren wir zum Nordpol?“ Ein erster Erklärungsversuch macht die Sache nur schlimmer. „Wärmt auch, wenn man sich nicht bewegt.“ Kopfschütteln bei meiner Frau. „Denk doch mal mit. ICH bewege mich, wenn ich spazieren gehe.“ Später ist sogar von „Schwitzen“ beim Spaziergang die Rede. „Tausch das um.“

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Mein fragender Blick an die Kinder. „Nichts für uns. Zieh selbst an“, sagen Sohn und Tochter, wohlwissend, dass ich nicht hineinpasse. Also Rücksendung gegen Gelderstattung. Stattdessen gab es dann einen Raummeter Kaminholz.

Wer ist dieses lachende Kind?

Jana Beringer

Zum ersten Mal schenkte mir eine Freundin etwas zu Weihnachten. Ich zog den Klebestreifen vom gepunkteten Geschenkpapier. Darunter kam ein silberner Rahmen zum Vorschein. In ihm steckte das Foto eines Kindes. Ich starrte darauf und fragte mich, wen ich da ansah.

Firefly_Illustriertes Bild, silberner Bilderrahmen mit feinen Reflexionen, darin ein Foto
Ein Selbstporträt als Notfallgeschenk: Plötzlich wird unsere Autorin von einem unbekannten Kleinkind angelächelt. (Symbolbild) © Firefly | Marcello Mazza

Was ich ihr damals schenkte, ist mir entfallen. Wahrscheinlich war es nichts Besonderes. Kurz nachdem sie mein Geschenk ausgepackt hatte, sprang sie auf und lief aus dem Zimmer. Minuten später kam sie zurück und sagte etwas wie: „Ich habe auch etwas für dich.“ Wir waren etwa elf oder zwölf Jahre alt, kannten uns seit der ersten Klasse und verbrachten fast jede freie Minute miteinander.

Bis dahin hatten wir nur zu unseren Geburtstagen Geschenke getauscht, meist ausgewählt und besorgt von unseren Müttern. Dieses Jahr war es anders. Ich hatte ihr eine Kleinigkeit mitgebracht. Später erzählte sie mir, dass sie sich dadurch verpflichtet fühlte, ebenfalls etwas zu schenken. In der Eile griff sie zu einem silbernen Bilderrahmen, in dem ein Foto von ihr als Kleinkind steckte. Mit winzigen Zöpfen und hellen Milchzähnen lachte sie in die Kamera. Der Rahmen war bereits verkratzt.

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Ihr improvisiertes Geschenk verschwand lange in einer Kiste. Vor wenigen Monaten zog ich um, öffnete sie wieder – und das vierjährige Mädchen blickte mir erneut entgegen. Heute steht der verkratzte Rahmen in meinem Regal. Ich laufe oft daran vorbei. Und bleibe kurz hängen. Die meisten Geschenke von damals existieren nicht mehr.