Es ist Mitte September 1944. In der ostungarischen Stadt Debrezin steht der mit Menschen prall gefüllte Zug zur Abfahrt bereit. Ziel ist es, zunächst unversehrt die österreichisch-ungarische Grenze zu passieren. Fast nur Frauen und Kinder sind im Zug, dazu ein paar alte und kranke Männer, die es geschafft haben, nicht an die Ostfront gesandt zu werden. Die Angst vor der Invasion der Sowjetischen Armee in ihr rumänisches Zuhause und die vor den Gräueltaten Hitlerdeutschlands ist nicht die einzige Gemeinsamkeit der Zuginsassen. Sie sind fast alle Siebenbürger Sachsen – Deutschstämmige, die seit Ende des 12. Jahrhunderts weite Teile Zentralrumäniens besiedelten.
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Die Ausreise nach Österreich wird von den Bombenflugzeugen überschattet
In dem Zug sitzt auch mein Großvater, der sechsjährige Michael Schuster mit seinen beiden Schwestern Maria (12) und Katharina (10) sowie seiner Mutter Maria – der Familienvater Michael fehlt, er musste an der deutschen Front dienen. Die Mitfahrer sitzen nicht nur in klassischen Passagierwaggons, als die Eisenbahn in Richtung Westen losgefahren ist – auch die Viehwaggons sind bis auf den letzten Platz mit Frauen und Kindern besetzt. Begleitet vom Brummen der mit Bomben beladenen Flieger der Kriegsparteien im Minutentakt machen sich hunderte Rumäniendeutsche auf den Weg zur nächsten Etappe ihrer Flucht: Österreich.
„Wir hatten immer wieder Angst. Der Zug hat viermal während der Fahrt angehalten, weil wir dachten, dass sie Bomben auf uns herabwerfen“, erinnert sich der heute 88-jährige Michael Schuster an den zweiten Tag seiner Flucht zurück. Am Tag zuvor musste alles schnell gehen, „wir mussten alles liegen lassen, packen und unser Haus hinter uns lassen. Wir hatten die Wahl, uns entweder auf die Flucht zu begeben oder verschleppt zu werden.“

Ausgehend von ihrer Heimat, dem Dorf Dürrbach südlich gelegen der Stadt Bistritz, ging es innerhalb eines Tages bis ins ungarische Debrezin. „Meine Schwestern, meine Mutter und ich hatten Glück, weil wir einen Platz auf einem Ochsengespann bekommen haben. Andere sind auf den Tieren geritten oder mussten zu Fuß bis nach Ungarn gehen“, berichtet Michael Schuster. Die Entfernung aus den rumänischen Dörfern in der Region bis nach Debrezin beträgt etwa 300 Kilometer. In den Tagen vor ihrem Aufbruch seien Soldaten der Wehrmacht durch Siebenbürgen gezogen und hätten sie vor der Ankunft der Russen gewarnt – diese waren aufgrund der Taten der Nationalsozialisten „den Deutschstämmigen gegenüber sehr schlecht gestimmt. Sie sagten, wegzugehen sei unsere einzige Überlebenschance.“
Sowjetische Operation bringt die Familie in eine gefährliche Situation
Seit dem 20. August 1944, wenige Wochen bevor Familie Schuster die Flucht ergreifen musste, war die sowjetische Operation Jassy-Kischinijow in Gange. Ihr Ziel: Bulgarien und Rumänien aus dem Zweiten Weltkrieg auszuschalten. Binnen weniger Tage eroberten die aus Moskau gesteuerten Truppen enorm viel Land und sorgten für den Rückzug großer Teile der deutschen Armee über die Karpaten bis nach Ungarn. Eben jenes Gebiet, das seit hunderten Jahren von den Siebenbürger Sachsen bewohnt wurde.
Die zu dem Zeitpunkt vaterlose Familie erreichte das nächste Land, der Zug und seine Insassen blieben von Bomben verschont. Eine österreichische Familie bei Mariazell in der Steiermark nahm die drei Kinder und ihre Mutter auf. Während der letzten Monate des Zweiten Weltkrieges erlebte Familie Schuster eine „sorgenfreie Zeit, verglichen mit unserer Rückkehr nach Rumänien“. Sie erhielten Essensmarken, die sie gegen Grundnahrungsmittel wie Brot eintauschen konnten. An den Tod Adolf Hitlers und das Kriegsende erinnert sich der 88-Jährige nur noch verschwommen: „Ich war ein kleiner Junge, gerade sieben Jahre alt geworden. Wir saßen zusammen, und alle haben sich gefreut, denn Krieg bringt immer nur Scheiße mit sich.“

Hitlers Taten hallen auch nach seinem Tod weiter
Eine richtig harte Zeit stand der Familie aber erst nach ihrer Rückkehr im Herbst 1945 nach Rumänien bevor. Der Familienvater überlebte, sein Versuch, nach Hause zu kommen, kam aber zu spät: Die kommunistischen Nachbarländer Österreichs, Ungarn und die Tschechoslowakei, begannen, den Eisernen Vorhang zu errichten, und erschwerten Grenzübertritte enorm. Zurück in Dürrbach angelangt, folgte das bittere Erwachen: „Unser Haus und die Häuser der anderen Siebenbürger waren besetzt.“ Die rumänische Regierung hatte die Besitztümer der Deutschstämmigen enteignet und sie an Viehhirten vergeben, die zuvor in den Bergen und Wäldern gelebt hatten. Erst 13 Jahre später sollte die Familie ihr eigenes Haus wiederbekommen.
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„Sie haben uns gesagt, dass wir Pech gehabt haben und dass wir zurückgehen sollen. Für die Russen und Rumänen haben wir zu Hitler gehört“, erinnert sich Michael Schuster. Kein Zuhause mehr, kein Geld, der Vater in Österreich und durch die Urteile der Menschen in Rumänien fremd im eigenen Herkunftsland – für einen Siebenjährigen und seine wenig älteren Schwestern keine komfortable Ausgangslage. Ein kleines Zimmer für alle vier konnte aufgetrieben werden, „aber der Hunger hat uns immer wieder Sorgen bereitet. Ich habe betteln müssen, um Milch, Mais, Kartoffeln oder Bohnen zu bekommen. Das ist mir nie leicht gefallen, meine Schwestern haben das oft übernommen, ich stand dabei und habe geweint.“
Kommunismus erlebt, gelebt und vorgegeben
Durch die Flucht und die wechselnde Wohnsituation nach der Rückkehr konnte er nicht im üblichen Kindesalter zur Schule gehen: „Im Alter von zehn Jahren kam ich in die erste Klasse. Die Rumänen haben zu den Russen gehalten und mich ausgeschlossen, weil ich ja zu Hitler gehören würde.“ Russisch und Rumänisch seien die wichtigsten Fächer gewesen – an jeder Wand habe es große Gemälde von Stalin, Lenin, Marx und Engels gegeben, die die Schülerinnen und Schüler an die kommunistischen Werte erinnern sollten. Dazu mussten alle ein rotes Halstuch tragen, um ihre kommunistische Erziehung zu symbolisieren.

Geprägt durch den Einfluss der Sowjetunion wuchsen Michael und seine Schwestern auf. Nach und nach begann sich die Lage für die Siebenbürger Sachsen aber zum Positiven zu verändern: „Der Krieg hat alles durcheinandergebracht. Unsere Mentalität, fleißig zu sein, war die Grundlage, um wieder auf die Beine zu kommen.“ 1958 bekam die Familie per behördlichem Dekret ihr Haus zurück. Seine Frau Katharina, mit der er heute bereits „63 stolze Jahre verheiratet ist“, lernte er wenig später in einem Nachbardorf kennen. Sie kam im November 1944 auf der Flucht in der Nähe von Wien auf die Welt und erlebte von da an ein ähnliches Schicksal wie ihr Mann.
Helmut Schmidt und Nicolae Ceauşescu: Ein Handschlag ebnet ein neues Leben
Obwohl sie sich wieder ein erfülltes Leben in Siebenbürgen aufgebaut haben und ihre beiden Kinder dort auf die Welt gekommen sind, zog es sie Ende der 1970er Jahre nach Deutschland. Nach der Machtübernahme des rumänischen Diktators Nicolae Ceauşescu 1965 öffnete sich das Land zunächst gegenüber dem Westen, bevor sich die wirtschaftliche Lage Rumäniens massiv verschlechtern sollte. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt einigte sich per Handschlag mit dem Despoten auf den „Freikauf“ der Siebenbürger Sachsen, der ihnen ein neues Leben in ihrem ursprünglichen Herkunftsland ebnen sollte. Bis zu 10.000 Mark pro Kopf sollen an das kommunistische Regime gezahlt worden sein.
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Die gesamte Familie, die es an jenem Tag im September 1944 unversehrt bis nach Österreich geschafft hat, hat in Nordrhein-Westfalen Fuß gefasst und feste Wurzeln geschlagen. Als letzter lebender Zeitzeuge dieser Flucht ist sich Michael Schuster sicher: „Krieg ändert alle Pläne. Wären Hitler und Ceauşescu nicht gewesen, wären wir alle in Siebenbürgen geblieben.“






