Von klein auf interessiert sich Lydia Benecke für Verbrechen, sammelte Zeitungsartikel und schaute einschlägige Fernseh-Dokus. Hauptberuflich arbeitet die 42-Jährige in einer Ambulanz für Menschen, die Sexualstraftaten begangen haben und mit männlichen Gewaltstraftätern in einer sozialtherapeutischen Anstalt. Zudem ist Benecke als Sachbuchautorin und TV-Expertin (u.a. „Der Fall“ und „Aktenzeichen XY... gelöst“) bekannt. Nun tourt sie mit wissenschaftlichen Vorträgen wieder durch die Region. Worauf sich Interessierte freuen können, erklärte sie uns vorab.
Was motiviert Sie, an Ihren Wochenenden Vorträge über Kriminalpsychologie zu halten?
Einerseits interessieren sich viele Menschen für Verbrechen, andererseits sind Fehlannahmen über die psychologischen Hintergründe von Verbrechen weit verbreitet. Ich versuche durch Wissenschaftskommunikation im Bereich der Kriminalpsychologie, Einblicke in die Erkenntnisse dieses spannenden Wissenschaftsbereiches zu bieten, Fehlannahmen auszuräumen und aufzuzeigen, wie Erkenntnisse aus der Forschung dazu beitragen können, Verbrechen zu verhindern. Dabei verbinde ich das theoretische Wissen mit meiner praktischen Arbeitserfahrung: der Kriminaltherapie bei Sexual- und Gewaltstraftaten.
Worum geht es im Vortrag „Die Psychologie des Bösen“?
In diesem Vortrag gehe ich der Frage nach, was Psychopathie aus wissenschaftlicher Sicht eigentlich ist. Deshalb ist der Untertitel des Vortrags auch „Was sind und tun eigentlich Psychopathen?“ Viele Menschen haben von Psychopathie klischeehafte, unzutreffende Vorstellungen, die durch Thriller und True-Crime-Produktionen geprägt sein können. Ich erkläre, wie in meinem Arbeitsbereich festgestellt wird, ob eine straffällige Person eine stark psychopathische Persönlichkeit aufweist und wie wir in solchen Fällen dann vorgehen. Anhand internationaler Kriminalfälle illustriere ich, nach welcher Logik psychopathische Menschen Verbrechen begehen und zeige auf, wo man ansetzen kann, um die Entwicklung bis zum Verbrechen zu verhindern.
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In einigen Vorträgen sprechen Sie am 8.11. über die „Psychologie der Manipulation – Von Hochstapelei, Betrug und Gaslighting“. Wie kam es zu dieser Themenidee?
Den Vortrag habe ich entwickelt, um Menschen vor gefährlicher Manipulation zu schützen, durch die sie emotional, finanziell oder gesundheitlich geschädigt werden können. Wer glaubt, solchen Manipulationen selbst nicht zum Opfer fallen zu können, unterliegt einem schweren Irrtum, der bereits vielen zum Verhängnis wurde. Denn Manipulation basiert auf dem gezielten Auslösen und Steuern von Emotionen, was bei Menschen unabhängig von ihrer Lebenserfahrung oder ihrem Bildungsgrad funktionieren kann. Der beste, effizienteste Schutz vor Manipulation ist der, die psychologischen Mechanismen verstehen und dadurch erkennen zu können. Genau dieses Wissen vermittle ich anhand unterschiedlicher Fallbeispiele. Außerdem rege ich die Menschen dazu an, über sich selbst nachzudenken und bisherige Überzeugungen zu hinterfragen. Ich erkläre auch, warum man Lügen nicht mithilfe von Körpersprache, Mikromimik oder sogenannten „Lügendetektoren“ erkennen kann.
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Der neuste Vortrag befasst sich mit der „Kriminalpsychologie des Serienmordes“. Was vermitteln Sie darin?
Die meisten Menschen können und möchten sich nicht vorstellen, einen anderen Menschen zu töten. Daher erscheint es umso unbegreiflicher, warum eine kleine Gruppe von Menschen sich immer wieder entscheidet, genau dies zu tun. Seit Jahrzehnten wird erforscht, welche psychologischen Faktoren Menschen, die Serienmorde begehen, von anderen unterscheiden. Welche Motive stecken hinter ihren Taten? Was beeinflusst ihre Entwicklung? Warum gibt es immer weniger Serienmorde? All diesen Fragen gehe ich in meinem Vortrag nach.
Wie kamen Sie auf die Idee, diesen Vortrag zu entwickeln?
Mir ist aufgefallen, dass leider medial immer wieder einige Fehlannahmen über Serienmorde verbreitet werden. Um einige Beispiele zu nennen: Erstens würden Serienmorde niemals im Rahmen von psychotischen Störungen, bei denen die Realitätswahrnehmung krankhaft verändert ist, begangen. Zweitens würden psychopathische Menschen nicht in Krankenhäusern, Pflege- oder Altenheimen Serienmorde begehen, weil es grundsätzlich nicht mit ihrer Zielfantasie im Einklang stehen würde, eine hilflose oder von ihnen abhängige Person in einem solchen Setting zu töten. Drittens: Ein Täter wie Fritz Honka, der auf der Grundlage von langjährigen Kränkungen und aufgestauten Aggressionen vier Frauen tötete, habe durch seine Taten das Gefühl, angekommen, gemeinsam und sehr verbunden mit seinen Opfern zu sein. Viertens: Anstatt Serienmorde zu begehen, könne eine solche Person doch einfach Rapper werden und sich den ganzen Hass von der Seele rappen. In meinem Vortrag erkläre ich den Menschen anhand von Fallbeispielen den wissenschaftlichen Erkenntnisstand zum Thema Serienmord, wodurch auch solche Fehlannahmen ausgeräumt werden. Wer sich dafür interessiert, wie Taten mithilfe der Kriminalpsychologie eingeordnet – jedoch nicht entschuldigt! – werden, was in Menschen vorgeht, die entsprechende Taten begehen und wie wir solche Taten verhindern können, wird in meinem Vortrag sehr viel interessantes Wissen erwerben. Denn was ich mache, ist Wissenschaftskommunikation.
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Warum ist es Ihnen so wichtig, das zu betonen?
Aufgrund der Entwicklungen im Bereich „True Crime“ erwarten manche Menschen möglichst emotional dargebotene Geschichten, bei denen sie sich gruseln wollen, möglichst illustriert durch Schock- oder Ekelbilder. Nichts davon verwende ich in meinen Vorträgen. Ich finde es ethisch problematisch, dass im Bereich „True Crime“ der Fokus immer stärker auf Effekthascherei und Unterhaltung gelegt wird. Dies nehme ich sowohl durch Rückmeldungen des Publikums wahr, als auch durch Anfragen für Medienproduktionen, die ich immer häufiger ablehne, da meine Vorstellungen von ethischen und fachlichen Grundsätzen nicht mit den sich zuspitzenden Vorstellungen einiger Produktionsfirmen und Sendern auf der Jagd nach möglichst hohen Einschaltquoten kompatibel sind. Dieses Problem nimmt meiner Wahrnehmung nach zu.
Lydia Beneckes schlechte Erfahrungen mit TV-Produktionen: „Nicht bilden, sondern unterhalten“
Haben Sie Beispiele dafür?
Vor wenigen Monaten hatten mein Manager Jan Diercksen und ich ein Gespräch mit der Mitarbeiterin einer Produktionsfirma, die von einem großen Privatsender beauftragt worden war, mich bezüglich der Mitwirkung bei einer Fernsehproduktion zu kontaktieren, in der es um schwerwiegende Verbrechen geht. Als ich ihr erklärte, welche ethischen und fachlichen Standards mir bei Medienprojekten, an denen ich mitwirke, wichtig sind, sagte sie wörtlich: „Wir wollen die Leute nicht bilden, wir wollen unterhalten.“ Ob die Frau das auch so vertreten würde, wenn in einer solchen Sendung über ein Verbrechen an einer ihr nahestehenden Person vermeintlich „unterhaltsam“ berichtet würde, wage ich zu bezweifeln. Der Mitarbeiter einer anderen Produktionsfirma empfand es dieses Jahr bereits als unverschämt, dass ich die Einhaltung entsprechender Standards ihm und seiner Kollegin gegenüber überhaupt thematisiert habe. Selbstverständlich stehe ich solchen Produktionen nicht als Expertin zur Verfügung. Besonders in einer solchen Zeit finde ich es wichtig, weiter seriöse Wissenschaftskommunikation im Bereich der Kriminalpsychologie zu betreiben und damit im Bereich „True Crime“ einen seriösen Gegenpol zu diesem Trend zu vertreten.
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Daher werden Sie im Frühjahr in Arnsberg und Duisburg einen weiteren Vortrag halten: „Sadisten: BDSM vs. Verbrechen“.
In diesem über die Jahre immer wieder überarbeiteten Vortrag erkläre ich, dass mit dem Wort „Sadisten“ zwei völlig unterschiedliche Personengruppen beschrieben werden: Einerseits Täter wie „Jack the Ripper“ oder „Ted Bundy“, die im Rahmen des gefährlichen sexuellen Sadismus immer wieder grausam töteten, um sich hierdurch sexuelle Befriedigung zu verschaffen. Andererseits Menschen, die einvernehmlich mit anderen BDSM praktizieren, wobei ein positives, gemeinsames Erlebnis das Ziel ist, bei dem das Wohlergehen aller Beteiligten im Vordergrund steht. In diesem Zusammenhang erkläre ich auch, warum „Shades of Grey“ keineswegs eine BDSM-Beziehung darstellt und warum Christian Grey eher ein gefährlicher als ein einvernehmlicher sexueller Sadist ist. Außerdem schildere ich, was ich in zwei Jahrzehnten durch Gespräche mit Menschen gelernt habe, die sexuelle Tötungsfantasien aufweisen, sich aber bewusst entscheiden, niemals Straftaten zu begehen. Im Vortrag erläutere ich auch, wie mir dieses Wissen bei einem Kriminalfall half, bei dem ich eine ungewöhnliche Rolle spielte.
Was auffällt: Einige Ihrer Vorträge sind ab 14, andere erst ab 16 Jahren. Warum?
Bei der letzten Aktualisierung meiner Vorträge habe ich entschieden, diese Altersgrenzen verbindlich einzuführen, um Eltern damit eine wirklich klare Orientierung zu geben, welche der Themen für welche Altersgruppen geeignet erscheinen. Hierbei geht es mir vor allem darum, in welchem Alter sich die meisten Jugendlichen mit dem jeweiligen Thema vernünftig auseinandersetzen können. Daher sind die Vorträge „Die Psychologie des Bösen“ und „Psychologie der Manipulation“ ab 14 Jahren, die Vorträge „Kriminalpsychologie des Serienmordes“ und „Sadisten: BDSM vs. Verbrechen“ ab 16 Jahren.
Haben Sie auch Interessen, die nichts mit Verbrechen zu tun haben?
Ja, ich interessiere mich für unterschiedliche Bereiche der Wissenschaft. Daher habe ich das Wissens-Format „WTF - Wissenschaft trifft Freundschaft“ gegründet und bin Gründungsmitglied von „Skeptix – Verein für kritisches Denken e.V.“
Lydia Benecke live in der Region:
4.9.26 Wuppertal (Die Börse, „Die Psychologie der Manipulation“, ausverkauft), 5.9.26 Oberhausen (Ebertbad, „Kriminalpsychologie des Serienmordes“, ausverkauft), 12.9.26 Kleve (Stadthalle, „Die Psychologie des Bösen“), 8.11. Unna (Lindenbrauerei, „Kriminalpsychologie des Serienmordes“), 12.12. Gelsenkirchen (Heilig-Kreuz-Kirche, „Die Psychologie des Bösen“), 13.12. Essen (Weststadthalle, „Ungesunde Liebesbeziehungen: Romantische Träume, gefährliche Realität“), 6.3. Schwerte („Die Psychologie der Manipulation“), 3.9.27 Kleve („Kriminalpsychologie des Serienmordes“). Karten ab ca. 35 Euro auf lydiabenecke.de








