Wenn Karl Lauterbach in Talkshows Krankheiten aufzählt, fühlen sich viele an dunklere Zeiten erinnert. Doch diesmal spricht der ehemalige SPD-Gesundheitsminister und Corona-Erklärer über den Zucker und seine Folgen für die Gesundheit.
Vielleicht ist manchem Zuschauer die Schokolade im Hals stecken geblieben, als Lauterbach aufzählt, welche Krankheiten zu viel Zucker auslöst oder begünstigt: „Übergewicht, Typ-2-Diabetes, aber auch Schlaganfälle hängen mit Zucker zusammen. Seit Kurzem wissen wir auch, dass Demenz bei hohem Zuckerkonsum schneller auftritt“, erklärt Lauterbach.
Der Gesundheitspolitiker spricht sich deshalb klar für eine Zuckersteuer aus. Damit könnte man die Hersteller dazu bringen, den Zuckergehalt in ihren Produkten zu reduzieren. Lauterbachs Gegenpart ist an diesem Abend Nicole Büttner von der FDP. Die bislang noch unbekannte Generalsekretärin der Liberalen legt einen unglücklichen und teilweise verwirrten Auftritt hin.
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Das könnte daran liegen, dass ihr thematischer Schwerpunkt eher bei digitalen Themen liegt. So sieht sie sich gezwungen, mantraartig die Eigenverantwortung zu predigen und jeglichen möglichen Lösungsansatz wie staatlich gefördertes gesundes Essen an Schulen oder eine eingeschränkte Werbung zum Schutz von Kindern als „Bevormundung“ zu bezeichnen.

In Lauterbach und dem Arzt und Moderator Eckart von Hirschhausen hat Büttner an diesem Abend jedoch zwei Kontrahenten, die sich exzellent mit der Materie auskennen und ihr Hauptargument von der „Eigenverantwortung“ permanent angreifen.
Hirschhausen macht es besonders deutlich: „Die Entscheidung, ob man gesund aufwächst, beginnt bereits im Mutterleib. Da ist nichts mit freiem Willen“, erklärt der Arzt und Moderator. Er zählt verschiedene Maßnahmen der FDP auf, die den Staat Steuergeld gekostet haben, wie zum Beispiel klimaschädliche Subventionen oder die Mövenpick-Steuer. „Und jetzt sagen sie, günstiges, gesundes Essen an Schulen ist eine Bevormundung? Das möchte ich besser verstehen.“
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FDP-Politikerin vergleicht Zuckersteuer mit Partnerwahl
Besonders skurril wird Büttners Argumentation, als sie die Zuckersteuer mit der Partnerwahl vergleicht. Da wolle man schließlich auch nicht, dass da der Staat reinregiert. „Am Küchentisch hat der Staat nichts verloren“, wettert sie. Luise Molling von der Verbraucherorganisation Foodwatch führt Großbritannien als Vorbild an. Dort habe die Zuckersteuer zu weniger Karies und weniger Adipositas bei Mädchen geführt.
Dass die Zuckersteuer allein allerdings das Problem nicht löst, wird durch den Auftritt von Ana Maria Salomon klar. Die Erzieherin war jahrelang stark übergewichtig und hatte zwischenzeitlich einen BMI von 50. Wenn Zucker teurer wäre, hätte das sie damals nicht vom Konsum abgehalten: „Ich hatte einen Dämon in meinem Kopf“, erklärt Salomon ihre Krankheit.
Abnehmspritze: Medizinische Versorgung oder Lifestyle-Medikament?
Mithilfe einer Abnehmspritze schaffte es die junge Frau schließlich, deutlich an Gewicht zu verlieren. Selbstbewusst wirbt sie dafür, die Spritze ohne Vorurteile zu betrachten: „Die Spritze wird oft als Lifestyle-Medikament abgestempelt, aber das ist sie nicht. Sie hilft mir, gesund zu werden.“ Sie würde sich daher wünschen, dass die Spritze künftig von der Krankenkasse übernommen wird, aktuell muss sie 383 € im Monat zahlen, wenn sie die Spritze so dosiert, wie vom Hersteller vorgesehen.
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Lauterbach und Büttner erklären in einem seltenen Moment der Einigkeit aber, dass die Studienlage in Bezug auf die Nebenwirkungen und die Kosten-Nutzen-Relation der Spritze dafür bisher nicht eindeutig genug sei. In ein paar Jahren könnte das aber der Fall sein. Vielen Betroffenen, die sich die Spritze aktuell noch nicht leisten können, könnte das helfen, hofft Salomon.
Hirschhausen dankt Salomon für den Mut, in der Sendung zu sprechen: „Das ist ein sehr schambesetztes Thema. Sie werden bestimmt viel Hass und Häme abkriegen. Toll, dass sie ihre Erfahrungen mit den Menschen teilen.“
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Prävention für Hirschhausen am wichtigsten
Allerdings sieht der Arzt den größten Hebel weiter bei der Prävention: „Unser Gesundheitssystem kostet uns 500 Milliarden jedes Jahr. Wenn wir mehr Geld in die Prävention von zuckerbedingten Krankheiten stecken, zahlt sich das am Ende aus.“
Der Arzt, der für die ARD auch eine Dokumentation zum Thema Zucker produzierte, will dabei auch die Kinder schützen, zum Beispiel indem die Werbung für stark zuckerhaltige Produkte deutlich eingeschränkt wird: „Wir werden geprägt durch die Welt, in der wir aufwachsen – ob wir wollen oder nicht. Der gesunde Weg muss der günstigere, der einfachere Weg sein.“
Am Ende kann sich Hirschhausen einen Seitenhieb auf Kanzler Friedrich Merz, der sich über zu viele Krankmeldungen beklagt hatte, nicht verkneifen: „Wir haben den hohen Krankenstand nicht, weil es so leicht ist, sich krank zu melden, sondern weil es so leicht ist, krank zu werden in diesem Land.“








