„Auch dich kriegt der IS“: Mit diesem Satz kündigt das „ARD“-Format „Klar“ seine neue Folge an – und sucht die Bedrohung dort, wo sie in den Alltag einsickern kann. Die Reportage mit Julia Ruhs, vom Bayerischen Rundfunk (BR) unter dem Titel „Wo Islamisten Deutschland unterwandern“ angekündigt, setzt auf starke Bilder, auf drohende Sätze, auf Fälle aus Berlin, München und dem Netz. Das ist wirkungsvoll inszeniert, aber die Sendung muss sich daran messen lassen, ob sie ihre zugespitzte These auch trägt.  

Die Folge kommt bereits mit einer Vorgeschichte. Die erste „Klar“-Ausgabe zum Thema illegale Migration hatte im Frühjahr 2025 heftige Kritik ausgelöst. Ruhs wurde vorgeworfen, einseitig und unsauber zu arbeiten. Der Norddeutsche Rundfunk lässt Klar inzwischen von der einstigen „Bild“-Chefredakteurin Tanit Koch moderieren. Ruhs moderiert aber weiter die Folgen, die vom BR produziert werden. Das macht die neue Folge automatisch zum Prüfstein: Geht es hier um Aufklärung, oder um die Fortsetzung einer öffentlich ausgetragenen Debatte über Ton und Haltung?

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Ramadan im Klassenzimmer: Wenn Mitschüler das Essen verbieten

Ein Schwerpunkt der aktuellen Folge liegt auf Berlin-Neukölln. Dort trifft Ruhs die ehemalige Verfassungsschützerin Gülden Hennemann. „Ich finde, dass der Hermannplatz leider eine Trennlinie geworden ist“, sagt sie – zwischen einem demokratisch geprägten Teil und einem, „der Ideologien beherbergt, die nicht unbedingt mit unserer Demokratie vereinbar sind“. 

Die Reportage zeigt Szenen aus einer Schule, in der während des Ramadans Konflikte entstehen. Eine Schülerin berichtet: „Es fasten ganz schön viele aus unserer Klasse.“ Andere erzählen, dass Mitschülern das Essen verboten wurde. Die Schulleiterin ordnet das als Ausdruck religiöser Intoleranz ein, betont aber zugleich die Bedeutung von Prävention. Diese Passagen sind konkret und nachvollziehbar. Sie zeigen, wo gesellschaftliche Spannungen sichtbar werden – ohne sie abschließend einzuordnen.

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Problematisch wird die Folge dort, wo sie ihre These mit suggestiven Übergängen auflädt. Wenn etwa islamistische Symbole im Laden zur bildlichen Bestätigung einer bereits formulierten Gefahr werden. Auch wenn eine Expertin dazu anleitet, Islamismus „zu entdecken“, rückt die Sendung näher an eine Art Indizienmontage als an belastbare Analyse. Ob sich durch halboffene Alltagsbeobachtungen auf eine gesellschaftliche Unterwanderung schließen lässt, bleibt zumindest fragwürdig. Hier hätte die Reportage präziser arbeiten müssen: mit Zahlen, Einordnung und dem saubereren Trennen von Einzelfall und Struktur.

Islamismus in Deutschland und eine verpuffte Konfrontation

Besonders deutlich wird das in den Social-Media-Sequenzen. Es wird der Prediger Mohammad Najjar gezeigt, wie er über „Erziehungsmaßnahmen“ von Männern gegenüber Frauen spricht und Sätze fallen lässt wie „Independent Woman? Nein“. Als das Team ihn konfrontiert, blockt er ab: „Es gibt keine Fragen.“ Auf Nachfragen beendet er das Gespräch mit dem Satz: „Die Gleichberechtigung ist dahingehend, dass Sie jetzt das Grundstück verlassen.“ Die Szene zeigt Ablehnung – liefert aber kaum Erkenntnis. Da hilft auch nicht das schriftliche Statement. Was bleibt, ist ein Moment der Eskalation, aber keine journalistische Vertiefung.

Gerahmt wird die Reportage vom Anschlag in München vom 13. Februar 2025, bei dem ein Mann mit seinem Auto in eine Menschenmenge fuhr, zwei Menschen starben und zahlreiche verletzt wurden. Ruhs sitzt im Gerichtssaal, die Sendung spricht von einer „übersteigerten religiösen Motivation“ des Täters. Der Überlebende Erhan Er, Moslem, sagt: „Wegen solcher Menschen werde ich gehasst.“ Das ist einer der stärksten Momente der Folge – weil er die gesellschaftliche Dimension sichtbar macht.

Die unsichtbare Hostin: Warum Julia Ruhs kaum eine Rolle spielt

Am Ende formuliert Ruhs selbst die These: Die Gefahr beginne „nicht erst mit Gewalttaten, sondern dann, wenn sich ihre Ideologie schrittweise in der Gesellschaft verbreitet“. Die Sendung liefert dafür einzelne Belege – Schulen, Bedrohungen, Einzelschicksale. Was ihr fehlt, ist die Verbindung dieser Punkte zu einem belastbaren Gesamtbild. Vieles bleibt fragmentarisch.

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Auffällig ist zudem, wie klein die Rolle der Hostin in der eigenen Sendung bleibt. Julia Ruhs ist präsent, aber oft eher als Bindeglied denn als echte Ermittlerin zu sehen; die Reportage könnte in dieser Form auch ohne sie funktionieren. Das schwächt die Idee einer hostgetriebenen Recherche. Wer eine Person ins Zentrum einer öffentlichen Debatte rückt, sollte ihr auch eine klar erkennbare journalistische Funktion geben.