„Zocken die Gemeindewerke Mieter ab?“ Mit dieser provokativen Frage betitelt Wolfgang Schulte seinen Beitrag in der Facebook-Gruppe „Dorfplatz Hünxe“. Er erhält zahlreiche Likes und zustimmende Kommentare. Seine Kritik: Die Preispolitik der Gemeindewerke benachteilige die Bürger.

Täglich (außer Samstag)

Dinslaken-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Wolfgang Schulte kritisiert in seinem Facebook-Beitrag drei Hauptaspekte der Preisgestaltung: Die höheren Grundgebühren bei Mehrfamilienhäusern im Vergleich zu Nachbarkommunen, den hohen Anteil der Grundgebühr an der Gesamtrechnung und die Konzessionsabgabe an die Gemeinde. Er schlägt als Alternative die Versorgung durch benachbarte Wasserversorger vor.

Mehrfamilienhaus als Rechenbeispiel

Wolfgang Schulte rechnet mit einem Mehrfamilienhaus mit sieben Wohneinheiten. Solche Gebäude sind in Hünxe mit 0,9 Prozent der Wohngebäude, laut Zensus Wohnen NRW, selten. Auf Nachfrage erklärt der Unternehmer, sein Beispiel sei keine Theorie, sondern eine reale Immobilie – eine, die seine Kritikpunkte besonders deutlich zeigt.

Sein Ergebnis: Die Gemeindewerke berechnen für jeden Haushalt eine Grundgebühr, was die Immobilie teurer macht als bei Wasseranbietern der Umgebung. In Dinslaken kostet die Wasserversorgung des Hauses laut Schultes Rechnung 83,72 Euro Grundgebühr und 1,92 Euro pro Kubikmeter Wasserverbrauch. Die Gemeindewerke Hünxe verlangen 1303,68 Euro Grundgebühr (sieben Haushalte mit je 186,24 Euro) und 1,82 Euro je Kubikmeter – der „Gipfel bei den Grundgebühren“, so Wolfgang Schulte.

Ein Beispiel zum Nachteil der Gemeindewerke

Zocken die Gemeindewerke Mieter ab? Die Antwort ist komplexer, als es die Beispielrechnung vermuten lässt. Die Besonderheiten der Berechnung benachteiligen die Gemeindewerke Hünxe im Vergleich: Die verlangen einen Grundpreis pro Haushalt in einem Haus, während die Vergleichsanbieter nur einen pro Hausanschluss nehmen.

Mehr aus Hünxe

Alle Nachrichten aus Hünxe finden sie auf unserer Übersichtsseite zur Kommune.
Weitere Nachrichten aus Dinslaken, Voerde und Hünxe lesen Sie hier. +++ Abonnieren Sie den Newsletter per Mail der Redaktion Dinslaken oder folgen Sie uns bei Whatsapp, Instagram und Facebook +++
Alle Nachrichten aus Wesel, Hamminkeln und Schermbeck lesen Sie hier. +++ Abonnieren Sie den Newsletter per Mail der Redaktion Wesel oder folgen Sie uns bei Whatsapp, Instagram und Facebook +++

Für die Immobilie in Hünxe fällt die Grundgebühr daher siebenmal an. Der Wasserversorgungsverband Wittenhorst und die Stadtwerke Dinslaken berechnen diese hingegen einmalig für den Hausanschluss. Bei den Stadtwerken Wesel und der Rheinisch-Westfälische Wasserwerksgesellschaft (RWW), die Wolfgang Schulte ebenfalls benennt, gibt es eine Staffelung: Je mehr Wohneinheiten im Gebäude sind, desto weniger Grundgebühr wird pro Haushalt fällig.

Unterschiedliche Strukturen in den Netzen

Wolfgang Schulte scheint bei seiner Betrachtung die unterschiedliche Struktur der Anbieter und ihrer Wassernetze zu übersehen. Gemeindewerke-Geschäftsführer Michael Häsel erklärt: „Wir sahen und sehen die bisherige Grundpreisgestaltung als nachvollziehbar an, da unter anderem der Fixkostenanteil aus dem gesamten Trinkwasserversorgungsnetz unabhängig von der abgenommenen Menge an den Gesamtkosten überwiegt.“

Innerhalb der letzten 15 Jahre haben die Gemeindewerke beispielsweise jährlich rund 1,2 Prozent des Leitungsbestandes ausgetauscht, was deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt.

Michael Häsel, Der Geschäftsführer der Gemeindewerke erklärt den hohen Grundpreis bei der Hünxer Wasserversorgung.

Er betont den erhöhten Aufwand der Gemeindewerke Hünxe durch die ländliche Struktur, die geringere Abnehmerdichte und einen hohen Anteil an erneuerungsbedürftigen Rohrleitungen. „Innerhalb der letzten 15 Jahre haben die Gemeindewerke beispielsweise jährlich rund 1,2 Prozent des Leitungsbestandes ausgetauscht, was deutlich über dem Bundesdurchschnitt liegt. Erhebliche Preissteigerungen im Bereich Lohn, Tiefbaudienstleistungen sowie Energie in den letzten Jahren gilt es zu beachten“, erklärt Michael Häsel.

Die geringe Abnehmerdichte zeigt sich in Zahlen: Die Gemeindewerke Hünxe unterhalten ein 230 Kilometer langes Netz für 14.000 Menschen. Die Wasserwerke Wittenhorst versorgen mit 617 Kilometern Netz 57.000 Menschen. Während in Hünxe ein Kilometer Wassernetz 61 Menschen versorgt, kommen bei Wittenhorst 92 Menschen auf dieselbe Strecke. Bei der RWW nutzen sogar 300 Menschen einen Kilometer Wasserleitung. Die anderen Wasseranbieter können dadurch ihre Netzkosten auf mehr Verbraucher verteilen. Das dürfte ein Grund für ihre niedrigeren Grundpreise sein.

Eine alternative Berechnung

Eine alternative Berechnung offenbart ein interessanteres Bild: In Hünxe wohnen rund 90 Prozent der Bürger in Ein- oder Zweifamilienhäusern. Für diese typische Wohnform zeigen sich differenziertere Wasserkosten. Ein Zwei-Personen-Haushalt im Einfamilienhaus mit Durchschnittsverbrauch (40 Kubikmeter pro Person) zahlt nach den Tarifen der Wasserversorger jährlich:

  • Wasserversorgungsverband Wittenhorst: 235,92 Euro (106,32 Euro Grundpreis + 129,60 Euro Arbeitspreis)
  • Stadtwerke Dinslaken: 237,32 Euro (83,72 Euro Grundpreis und 153,60 Euro Arbeitspreis)
  • Stadtwerke Voerde: 286 Euro (118,80 Euro Grundpreis + 167,20 Euro Arbeitspreis)
  • Stadtwerke Wesel: 301,80 Euro (149,80 Euro Grundpreis + 152 Euro Arbeitspreis)
  • Gemeindewerke Hünxe: 331,84 Euro (186,24 Euro Grundpreis + 145,60 Euro Arbeitspreis)
  • RWW: 415,69 Euro (290,89 Euro Grundpreis und 124,80 Euro Arbeitspreis)

Der Vergleich zeigt: Die Gemeindewerke Hünxe sind nicht der teuerste Anbieter. Sie liegen über einigen Nachbarversorgern, bleiben aber günstiger als die RWW. Die Zahlen bestätigen Wolfgang Schultes Kritik der hohen Grundgebühr. Gleichzeitig bieten die Gemeindewerke Hünxe nach Wittenhorst und der RWW den drittniedrigsten Arbeitspreis. Bei größeren Haushalten wie Familien fällt der Preisvergleich daher zunehmend zugunsten der Gemeindewerke aus. Die vom Unternehmer aus Drevenack dargestellte enorme Preisdifferenz schmilzt in dieser Betrachtung erheblich.

Forderungen an die Hünxer Politik

Wolfgang Schulte leitet aus seiner Rechnung politische Forderungen ab. Seine Hauptforderung: „Verzicht auf die Haushaltsgrundgebühr, wenn nur ein Gemeindewerke-Wasserzähler im Haus ist, weil der Vermieter ja für die eichgerechte Verteilung der Einzelmengen zuständig ist.“ Anders ausgedrückt: Mehrfamilienhäuser mit nur einem Wasserzähler sollen die Grundgebühr nur einfmal statt mehrfach zahlen.

Der Vorschlag klingt plausibel. Wolfgang Schulte verknüpft die Grundgebühr jedoch mit Leistungen, die die Wasserwerke nicht erbringen (zusätzliche Zähler und individuelle Haushaltsabrechnung). Die Gemeindewerke erheben die Grundgebühr pro Haushalt allerdings hauptsächlich zur Finanzierung des Wassernetzes.

Alternative Wasserversorger für Hünxe

Wolfgang Schulte macht einen weiteren Vorschlag: Der Rat sollte den Gemeindewerken die Konzession entziehen „und Hünxe-Süd von den Stadtwerken Dinslaken und Hünxe-Nord (Drevenack-Krudenburg) von den Wasserwerken Wittenhorst versorgen lassen: Das wäre Politik im Sinne der Bürger“, schreibt er.

Die Preistabelle suggeriert günstigere Anbieter als bessere Option. Die Einsparungen blieben jedoch relativ gering: Ein Zwei-Personen-Haushalt würde bei den Wasserwerken Wittenhorst 95,92 Euro jährlich sparen, im Rest der Gemeinde mit den Stadtwerken Dinslaken 94,52 Euro. Dies entspricht etwa acht Euro monatlich. Diese Kalkulation setzt allerdings voraus, dass andere Wasserversorger trotz der herausfordernden Infrastruktur des Hünxer Wassernetzes ihre Preise nicht anpassen müssten – eine unwahrscheinliche Annahme.

Verzicht auf Einnahmen zugunsten der Bürger

Wolfgang Schultes dritte Forderung: Die Gemeinde möge auf die 200.000 Euro Konzessionsabgabe verzichten. Dies würde die Wasserkosten um etwa fünf Prozent senken, kalkuliert er. Die Gemeinde müsste jedoch diese Einnahmen durch andere Quellen ersetzen. Gleiches gilt bei alternativer Wasserversorgung: Da die Gemeinde 51 Prozent der Gemeindewerke besitzt, fließen ihr mehr als die Hälfte der Gewinne zu. Dazu kommen Steuereinnahmen. Der wahrscheinlichste Ausgleich wäre eine Steuererhöhung. Die zentrale Frage: Profitieren Bürger von niedrigeren Gebühren, wenn gleichzeitig die Steuern steigen könnten?

Als Fazit bleibt: Wolfgang Schultes Betrachtungen übersehen wichtige Unterschiede. Und die Preisunterschiede bei typischen Hünxer Wohnformen fallen geringer aus als er darstellt. Die Frage nach der optimalen Gebührenstruktur bleibt dennoch berechtigt. Ein „Abzocken der Mieter“ lässt sich jedoch nicht bestätigen, wenn man die Preisgestaltung und ihre Hintergründe genauer analysiert.