Das Kolonialkriegerdenkmal steht mitten in Düsseldorf. Genauer gesagt: am Frankenplatz in Derendorf. Täglich laufen Hunderte bis Tausende Menschen daran vorbei, ohne zu beachten, was es eigentlich zeigt. Es ehrt deutsche Soldaten, die freiwillig an den deutschen Kolonialkriegen in Deutsch-Südwestafrika – dem heutigen Namibia – teilgenommen haben. Ein Krieg, der heute weitestgehend als Genozid an den Herero und Nama eingeordnet wird.

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Es sind vergessene beziehungsweise verdrängte Stadtgeschichten wie diese, die Tim Dürre in Düsseldorfs erstem regelmäßigem Live-Podcast erzählen und diskutieren will. „Düsseldorfer Eckgeschichten“ heißt sein Format, mit dem der 33-Jährige, wie er sagt, „Geschichte dorthin zurückbringen will, wo sie eigentlich hingehört – zu den Menschen.“
„Akademischer Elfenbeinturm“ – Dürre übt Kritik an der HHU und deutschen Unis
Dürre selbst hat Geschichte und Politikwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität studiert und dort später auch geforscht. Das Wissen, welches der gebürtige Düsseldorfer in Bilk mithilfe öffentlicher Gelder produziert habe, würde zu oft im „akademischen Elfenbeinturm“ bleiben und keinen Eingang in den breiten gesellschaftlichen Diskurs finden, meint er. „Ich möchte dieses Wissen wieder der Öffentlichkeit zurückgeben.“
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Auch jenes Wissen, das zwickt, wehtut und Widersprüche hervorruft: „Es geht weniger um reine Faktenvermittlung als darum, zu zeigen, wie Stadtgeschichte, Erinnerung und Selbstbild einer Stadt funktionieren“, erklärt Dürre sein Konzept.
Es geht weniger um reine Faktenvermittlung als darum, zu zeigen, wie Stadtgeschichte, Erinnerung und Selbstbild einer Stadt funktionieren.
Tim Dürre, Host des neuen Live-Podcasts „Düsseldorfer Eckgeschichten“
Ihm gehe es dabei ausdrücklich nicht um Selbstdarstellung und moralische Belehrung: „Meine Ambition ist nicht, mich vors Mikro zu setzen und irgendwas zu behaupten.“ Er wolle recherchierte Inhalte gemeinsam mit Expertinnen und Experten sowie dem Publikum diskutieren. Ein reines Streitformat soll der Podcast allerdings nicht werden: „Wir wollen erst einmal eine gemeinsame Perspektive erarbeiten.“ Konflikte und unterschiedliche Sichtweisen seien jedoch ausdrücklich Teil des Konzepts: „Das Endurteil kann auch sein: Ich sehe das anders.“
„Düsseldorfer Eckgeschichten“: Wo und wann der neue Live-Podcast in der Altstadt stattfindet
Ausgetragen wird der Podcast jeden Sonntag um 17 Uhr bei freiem Eintritt im Kreuzherreneck in der Altstadt – einem Ort, den Dürre bewusst gewählt habe. Für ihn ist die klassische Eckkneipe ein Symbol gesellschaftlicher Begegnung – das gelte insbesondere für das Kreuzherreneck: „Es wurde immer gesagt, hier trinke der Malermeister mit dem Meistermaler ein Bier zusammen.“ Heute seien Aufeinandertreffen verschiedener Klassen und Milieus immer seltener geworden.
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Dem will Dürre mit seinem Podcast entgegenwirken: „Wir wollen Zusammenkunftsorte schaffen, die nicht nur auf das reine Biertrinken basieren, sondern eben auch Kultur anbieten.“ Hintergrund sei auch der Wandel städtischer Ausgeh- und Trinkkultur. Eine Kneipe müsse heute mehr sein, als nur ein Ausschankort, meint Dürre.

Das Kreuzherreneck sei davon nicht ausgenommen. Das legendäre Lokal auf der „längsten Theke der Welt“ stand im Sommer vergangenen Jahres selbst vor dem Aus, nachdem die Pacht für das Lokal dem Vernehmen nach verdoppelt worden war. Doch zur Erleichterung vieler besorgter Düsseldorferinnen und Düsseldorfer fand man einen neuen Betreiber für das Kultlokal.
Schlacht von Worringen bis zur NS-Zeit: Tim Dürre will Düsseldorfer „Meistererzählungen aufbrechen“
Dort wurden die ersten Folgen des Podcasts bereits aufgenommen und sind zukünftig bei Spotify abrufbar. Host Dürre beginnt bewusst weit vor der eigentlichen Stadtgründung Düsseldorfs. So beschäftigt sich die erste Folge mit geologischen und biologischen Ursprüngen des Rheinlands. Die zweite Folge behandelt die Neandertaler. Erst nach und nach soll der Podcast zu moderneren und kontroverseren Themen übergehen.
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Später wolle er dann, klassische historische „Meistererzählungen“ aufbrechen – wie die klassische Düsseldorfer Ursprungserzählung rund um die Schlacht von Worringen. Auch die Düsseldorfer NS-Zeit – ein Thema, zu dem er bereits selbst geforscht hat – wolle er in mehreren Episoden aus konkreten und menschlichen Perspektiven beleuchten. „Düsseldorf hatte 1944 ungefähr 400 Lager mit rund 35.000 Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen. Das zeigt, wie sichtbar und alltäglich das NS-System eigentlich mitten in der Stadt war.“
Das zeigt, wie sichtbar und alltäglich das NS-System eigentlich mitten in der Stadt war.
Geschichtswissenschaftler Tim Dürre, über die Düsseldorfer NS-Zeit
Gleichzeitig dominierte nach 1945 zunächst vor allem die Erinnerung an die Bombennächte, die Zerstörung und das eigene Leid – also Trümmer, Luftangriffe, Wiederaufbau und Verlust. „Das war natürlich real und traumatisch, aber dadurch wurden Themen wie Deportation, Zwangsarbeit oder die Beteiligung lokaler Strukturen am NS-System lange eher in den Hintergrund gedrängt.“




