An den 30. Juni mag Ivo Panowski noch nicht denken. Dann wird er morgens ein letztes Mal die Glastür seines Kiosks aufschließen. Ein letztes Mal verkauft er dann Zeitungen, Zigaretten und Schreibwaren. Ein letztes Mal hat er ein offenes Ohr für die kleineren und größeren Probleme seiner Stammkunden. „Das ist ein ganz komisches Gefühl“, sagt der 72-Jährige.

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Wenn er am kommenden Dienstag die Holzrollläden seines kleinen Geschäfts an der Duisburger Straße 97 herunterlässt, bleiben sie unten. Für immer. Bis die Bagger anrollen. Ivo Panowski muss seinen Kiosk in Pempelfort schließen, der Mietvertrag wurde ihm gekündigt – weil das gesamte Gebäude abgerissen wird. Geschäftsräume sind in dem geplanten Neubau nicht mehr vorgesehen.

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Damit verschwindet nicht nur ein Büdchen. Damit verschwindet für viele Pempelforter eine Institution: Seit knapp 41 Jahren betreibt Panowski den Kiosk. Und noch heute wirkt es so, als wäre die Zeit hier ein bisschen stehengeblieben. Die Kasse ist knapp 40 Jahre alt, ein EC-Kartenlesegerät gibt es nicht. Auf dem Tresen steht eine Schale mit Lollis für Kinder, an den Wänden hängen Fortuna-Fahnen. Blinkende Reklame sucht man hier vergebens.

Kiosk Düsseldorf
Ein Bild aus alten Zeiten: Ivo Panowski in seinem Kiosk in Düsseldorf-Pempelfort.© Ivo Panowski | Privat

An den Wänden hängen dafür mehrere Hundert Postkarten – mit Motiven aus Rom, Formentera oder sogar Las Vegas. Stammkunden schickten ihrem Ivo Urlaubsgrüße aus aller Welt. Einige sind schon etwas verblichen. In den letzten Jahren sind allerdings nur noch wenige neue Karten hinzugekommen. „Viele meiner Stammkunden sind ja schon tot“, sagt Panowski.

Vom bulgarischen Profisportler zum Kioskbesitzer in Düsseldorf

Ivo Panowski stammt ursprünglich aus Bulgarien, war erfolgreicher Ringer und Juniorenmeister im griechisch-römischen Stil. 1980 lernte er seine zukünftige Frau, eine Düsseldorferin, die dort regelmäßig Urlaub machte, kennen. Sie verliebten sich, heirateten und zogen 1984 nach Düsseldorf. „Am 6. Oktober bin ich nach Deutschland gekommen“, erinnert sich Panowski noch ganz genau.

Knapp ein Jahr später – am 1. September 1985 – hat der damals 31-Jährige den Kioskbetrieb von seiner ehemaligen Vermieterin Ilse Käusen übernommen. Über eine Zeitungsanzeige ist er auf das Büdchen und die Nachfolger-Suche aufmerksam geworden. Einfach sei der Start nicht gewesen. „Ich konnte ja gerade mal rund 300 deutsche Wörter.“

Mit Händen und Füßen verständigte er sich zunächst mit seinen Kunden. Doch das änderte sich in kürzester Zeit. „Wenn man täglich mit Menschen zu tun hat, lernt man die Sprache schnell“, sagt Panowski. In den Anfängen verkaufte er nur Schreibwaren. Später kamen Getränke, Zigaretten, Zeitschriften, Eis, Süßigkeiten und sogar Eier hinzu. Das Geschäft boomte. „Das war ein richtiger Treffpunkt hier. Ich war wie ein Pastor. Ich habe Kunden getröstet, die einen Angehörigen verloren haben, und ich habe gratuliert, wenn eine Frau ein Kind bekommen hat.“

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Mit den Jahren hat sich das Kiosk-Geschäft allerdings verändert. Schwerer sei es geworden, gibt Panowski zu. „Die Leute kaufen nur noch das, was sie wirklich brauchen.“ Einmal wollte der Bulgare sogar freiwillig sein Lädchen schließen. Das war vor rund zehn Jahren. In kurzer Zeit wurde zweimal bei ihm eingebrochen. Zig Zigarettenpackungen wurden gestohlen, der finanzielle Schaden war groß.

Aber die Rechnung hat er ohne seine Nachbarn gemacht. Die haben für ihren Lieblingskioskbesitzer gesammelt. Mehrere tausend Euro kamen zusammen. „Sogar die Kinder haben die Münzen ihres Taschengeldes gegeben“, erzählt Panowski noch heute sichtlich gerührt. Und auch jetzt sind es die Nachbarn, die Ivo Panowski nicht einfach gehen lassen, ohne Danke zu sagen.

Allen voran Gaëlle und Eugénie Chéné. Denn Mutter und Tochter haben für Ivo Panowski eine Spendenkampagne auf der Plattform „GoFundMe“ gestartet. „Ivo ist unser Opa im Herzen“, sagt Eugénie Chéné. Vor 16 Jahren hat die Familie aus Frankreich den Kioskbesitzer kennengelernt. Die drei Kinder besuchten Panowski seitdem fast täglich. Heute helfen sie ab und an im Laden aus, tragen für Panowski die schweren Kisten oder begleiten ihn zur Bank. Mit der Spendenaktion soll der 72-Jährige einen kleinen finanziellen Puffer haben. Seine Rente ist klein. Knapp 1500 Euro sind bereits zusammengekommen, 4000 Euro sollen es im besten Fall werden.

Kiosk Düsseldorf
Haben die Spendenaktion für Ivo Panowski organisiert: Gaëlle, Hippolyte, Anatole und Eugénie Chéné (v.l.).© NRZ | Jasmin Ohneszeit

Im Kiosk läuft mittlerweile der Ausverkauf, die Regale leeren sich. Am Schaufenster prangt ein Plakat: „Räumungsverkauf – alles muss raus!“ Für Ivo Panowski ein beklemmendes Gefühl. Zwei, drei Jahre hätte er sein Geschäft gerne noch weiterbetrieben. „Der Kiosk ist doch mein Leben. Ich habe hier mehr Zeit verbracht als in meiner Wohnung. Zu Hause war ich nur zum Schlafen.“ Eine Träne kullert ihm übers Gesicht. „Es tut so weh“, sagt der Kioskbesitzer.

In den ersten 25 Jahren hat der heute 72-Jährige montags bis samstags mehr als zwölf Stunden in seinem Kiosk verbracht. Heute sind es immer noch gut neun Stunden, sechs Tage die Woche. Mitarbeiter hatte Panowski nie. Einzig seine Frau unterstützte ihn bei der Buchhaltung, doch die starb bereits vor 16 Jahren.

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Was Ivo Panowski ab Juli mit seiner neugewonnenen Freizeit macht, weiß er noch nicht. „Vermutlich viel spazieren gehen“, sagt der Rentner, der in Unterrath lebt. Und seine Freunde in Pempelfort besuchen, davon hat er ja über die Jahrzehnte einige gewonnen, wie die vielen Fotos in den Bilderrahmen hinter der Bedientheke des Kiosks zeigen.

Die „GoFundMe“-Spendenaktion läuft noch. Weitere Infos dazu gibt es online unter: https://www.gofundme.com/f/fur-ivo-das-gesicht-der-duisburgerstrae-seit-40-jahren.