Es ist gerade erst dunkel über Duisburg an diesem historischen Dienstagabend, als sich Aktivisten an einem unscheinbaren Parkplatz an der Rheindeichstraße im linksrheinischen Stadtteil Baerl versammeln. Sie stellen Banner auf, blicken immer wieder auf die benachbarte A42-Brücke über den Rhein. Und sie haben dicke Jacken dabei, um notfalls die ganze Nacht auf das zu warten, was sie seit Jahren verhindern wollen.

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Der erste Castor-Transport ist in der Nacht zu Mittwoch quer durch NRW und in Duisburg über den Rhein gerollt – schneller als erwartet, nach Angaben der Behörden ohne Zwischenfälle. Mehrere Initiativen hatten zuvor entsprechende Hinweise erhalten und Protestaktionen organisiert. So rief der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) zur Mahnwache an der A42 auf.

Castor-Transport rollt durch NRW und über die A42 in Duisburg

Um 20.30 Uhr zählte die Duisburger Aktivistin Kerstin Ciesla etwa 40 Teilnehmende auf dem Parkplatz in Baerl, unweit der Beeckerwerther Rheinbrücke. „Für eine so spontane Aktion sind viele Menschen hier“, meinte die Sprecherin der Kreisgruppe Duisburg und stellvertretende BUND-Landeschefin. Ihre Mitstreiter haben einen Pavillon aufgebaut und Banner mit Aufschriften wie „Stopp Castor! Stopp Atomkraft!“ aufgehängt.

Mahnwache in Duisburg
„Atommüll-Transporte stoppen: Keine Castoren nach Ahaus.“ In Duisburg-Baerl warten Demonstranten auf das, was sie verhindern wollten.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

Langjährige Klimaaktivisten, mehrere Lokalpolitiker von den Grünen und Linken sowie einige Anwohner aus Baerl sind vor Ort. Unter ihnen ist Dietmar Beckmann, der fast 15 Jahre für die Grünen im Stadtteilparlament von Homberg/Ruhrort/Baerl saß. „Ich finde es schrecklich, dass so ein Wahnsinn nach den ganzen Protesten durchgezogen wird“, kommentiert er den Atommüll-Transport.

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Er kritisiert, dass nicht längst eine bessere Lösung für ein Zwischen- oder Endlager gefunden wurde, und spricht von einem „Politik- und Verwaltungsversagen“. Beckmann meint: „Das schlimmstmögliche Szenario, wenn etwas bei diesen Transporten schiefgeht, ist absolut nicht tragbar. Und die Anwohner werden mit dieser Ohnmacht alleingelassen.“

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Anwohner aus Baerl findet Castor-Transport „völlig unnütz“

In diese Kerbe schlägt auch Gernot Fischer aus Baerl: „Die 152 Transporte bergen ein immenses Risiko und sind dabei völlig unnütz, weil der Atommüll in ein paar Jahren schon wieder an den nächsten Ort gebracht werden muss.“ Eine konkrete Angst, dass nah an seiner Haustür wirklich ein Unglück passiert, verspürt er zwar nicht. Aber den Worst Case will er trotzdem nicht riskiert sehen. „Dafür steht zu viel auf dem Spiel.“

Mahnwache in Duisburg
Anwohner aus Baerl waren bei der Mahnwache in Duisburg dabei, zum Beispiel (von links) Gernot Fischer, Cordula Kalthoff und Jörg Walter.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

Die Umweltschützer des BUND kämpfen seit Jahren gegen die umstrittenen Atommüll-Transporte von Jülich nach Ahaus. Rund 300.000 kugelförmige Brennelemente aus einem früheren Versuchsreaktor lagern derzeit im Jülicher Forschungszentrum. Weil die Genehmigung für das Zwischenlager bereits 2013 ausgelaufen ist, soll der Müll nach Ahaus ins Münsterland gebracht werden.

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Strecke führt an sieben Duisburger Stadtteilen vorbei

Die Strecke führt über etwa 170 Kilometer quer durch Nordrhein-Westfalen. Die genaue Route und die Transport-Termine unterliegen der Geheimhaltung. Klar ist aber nach der Premiere, dass die Route der Konvois durch das Ruhrgebiet und wie erwartet auch über die nördlichste Autobahnbrücke über den Rhein führt – die Beeckerwerther Rheinbrücke.

Das bestätigte sich um kurz nach Mitternacht: Die Kolonne mit über 80 Fahrzeugen rollte auf der A42 vorbei an Baerl, Beeckerwerth, Beeck, Bruckhausen, Alt-Hamborn, Obermeiderich und Neumühl – teilweise liegen Wohnhäuser in der Nähe.

BUND will weiter gegen Transporte kämpfen

Der BUND und andere Anti-Atom-Initiativen halten die Transporte für unnötig und riskant. Der Atommüll werde quer durch dicht besiedelte Regionen gefahren, ohne dass sich an der grundsätzlichen Problematik etwas ändere. Dabei warnen die Aktivisten vor möglichen Unfällen, technischen Problemen und gezielten Angriffen auf die Transporte.

„Die Transporte sind völliger Irrsinn. Es geht nur darum, Geld zu sparen, weil der Bau eines neuen Zwischenlagers in Jülich teurer sein soll als die Fahrten nach Ahaus“, sagt Aktivistin Kerstin Ciesla bei der Mahnwache.

Mahnwache in Duisburg
„Wir jammern nicht, wir klagen“, sagt Kerstin Ciesla, Duisburger BUND-Chefin und stellvertretende Landesvorsitzende.© FUNKE Foto Services | Gerd Wallhorn

Michael Zerkübel vom BUND Moers ergänzt: „Die Castoren haben ein gewisses Alter erreicht, das Material ermüdet von Jahr zu Jahr und es wird nicht besser, wenn man es von A nach B transportiert. Das ist ein erhebliches Sicherheitsrisiko.“

Der BUND NRW hatte versucht, die Transporte gerichtlich zu stoppen, unter anderem mit Eilanträgen gegen den Sofortvollzug der Genehmigung. Diese Anträge wurden bislang abgelehnt, die Gerichte sehen die Erfolgsaussichten einer Klage aber weiterhin als offen an. Der Verband will den Widerspruch jetzt vorantreiben und setzt gleichzeitig auf den Protest. Kerstin Ciesla betont am Dienstagabend: „Wir werden nicht aufgeben. Wir jammern nicht, wir klagen. Und das hier ist nicht das Ende der Fahnenstange, sondern erst der Anfang.“

Die Protestaktion verlief „ruhig und störungsfrei“, teilte ein Polizeisprecher am Mittwochmorgen mit.

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