Es ist eine bedrückende Szenerie: Etwa 50, 60 Menschen – die Hälfte Kinder – sitzen, planschen und schwimmen im Rhein. Sie suchen an diesem Samstagnachmittag in Duisburg-Marxloh bei 37 Grad Abkühlung. Ein Mann steht fast bis zum Hals im Fluss, auf dem Arm trägt er ein Kleinkind. Zwei Jungen im Grundschulalter hüpfen 15, 20 Meter vom Ufer entfernt im Wasser auf und ab, während hinter ihnen ein etwa 100 Meter langes Lastschiff flussaufwärts fährt. Genau hier, am Strand der Alsumer Rheinaue, wurden am 16. Juni 2021 drei Mädchen von der Bugwelle eines Schiffes erfasst, als sie sich im seichten Wasser aufhielten.

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Die Mädchen aus bulgarischen Familien – 13, 14 und 17 Jahre alt – wurden hinausgezogen auf den Fluss und abgetrieben. Zwei der Leichen fand man erst Tage später in den Niederlanden. Die Trauer im Viertel war groß, das furchtbare Unglück beschäftigte Medien und Menschen deutschlandweit.

Ein paar Wochen später stellte die Stadt mithilfe des Marxloh-Forums fünf Schilder in Rheinnähe auf, auf denen mit einem Piktogramm und in fünf Sprachen gewarnt wird, auch auf Türkisch: „Ölüm tehlikesi: Yüzmek yasaktir!“ „Lebensgefahr: Schwimmen verboten!“ Ob jemand jemals die drei Mädchen vor der unscheinbaren Gefahr gewarnt hatte, in die sie sich begaben?

Eines der Warnschilder steht an dem Trampelpfad, den an warmen Wochenenden wohl Hunderte nutzen. An diesem späten Nachmittag halten sich binnen einer Stunde geschätzt 150 Menschen rund um den Rheinkilometer 789 am Alsumer Berg auf, um zwischen den Bäumen zu grillen und sich im Wasser kostenlos zu erfrischen. Beides ist verboten.

Der Strand von Duisburg-Marxloh: Die Rheinaue Alsum ist ein beliebtes Ausflugsziel

Trotz des Badeverbots und trotz des Unglücks vor fünf Jahren ist der Kies- und Sandstrand von Duisburg-Marxloh ein über die Stadtgrenzen hinaus beliebtes Ausflugsziel. Viele der angereisten Familien stellen ihre Autos mit Kennzeichen aus Duisburg, Herne, Gelsenkirchen und Bulgarien am Ende der Straße „Alsumer Steig“ ab, die an der Kokerei Schwelgern hinunter zum Rhein führt. Andere Familien kommen aus der näheren Umgebung und ziehen Bollerwagen hinter sich her.

An diesem Warnschild kommen die meisten auf dem Weg zum Rhein vorbei. Es warnt in fünf Sprachen: „Lebensgefahr: Nicht Schwimmen und Baden!“
An diesem Warnschild kommen die meisten auf dem Weg zum Rhein vorbei. Es warnt in fünf Sprachen: „Lebensgefahr: Nicht Schwimmen und Baden!“© WAZ | Philipp Wahl

Einige Besucher haben aufblasbare Badetiere mitgebracht. Ein junger Mann lässt sich in einem Einhorn treiben. Einige ältere Kinder nutzen den Kanal, über den südlich des Thyssenkrupp-Werksgeländes Abwasser in den Fluss geleitet wird, als Wasserrutsche und Spielplatz. Ihre Eltern halten sie nicht davon ab. Die in Kleidern badenden Frauen und kleinen Kinder halten sich im Wasser fünf bis zehn Meter vom Strand entfernt auf. Die Vermutung liegt nahe, dass die meisten von ihnen nicht schwimmen können und die Baderegeln nicht kennen.

Die Flachwasserbereiche zwischen den Buhnen, in denen sie sich lachend tummeln, nennt die Wasserschutzpolizei „Todeszonen“. Sie wirken still und sicher, sind aber besonders gefährlich, weil sich an den Spitzen der Kribben gefährliche Strudel und Strömungen bilden. An den Köpfen der Buhnen wirken enorme Kräfte durch vorbeifahrende Schiffe. Der Sog mächtiger Frachter zieht auch geübte Schwimmer an. Die Rückwellen können – nicht nur Kinder – von den Beinen holen und hinaus aufs Wasser ziehen.

Wissen diese Väter und Mütter, dass sie ihre Kinder in Gefahr bringen?

Wissen diese Väter und Mütter, dass sie ihre Kinder in Gefahr bringen? Haben die jahrelangen Appelle der Polizei, die vielsprachigen Warnungen der Stadt oder die Todesmeldungen deutschsprachiger Medien sie jemals erreicht? Oder nehmen die Anwesenden die Warnungen nicht ernst?

Die Alsumer Rheinaue am 16. Juni 2021: Drei Mädchen (13/14/17) kamen an einem Abend ums Leben.
Die Alsumer Rheinaue am 16. Juni 2021: Drei Mädchen (13/14/17) kamen an einem Abend ums Leben.© dpa | Marcel Kusch

„Wir passen gut auf“, sagt eine Frau, die mit zwei Freundinnen und mehreren Kindern im Wasser sitzt. Von der Gefahr durch die Schiffe aber hat sie offenbar noch nichts gehört. Sie wohnt in Kamen und besucht ihre Eltern in Oberhausen, ein Tipp hat sie hierher verschlagen.

Viele Männer und Jugendliche wagen sich weiter hinaus ins Wasser. Weist man sie freundlich auf die Gefahren und Badetoten hin, sind die Reaktionen unterschiedlich. Mit einigen jungen Männern ist kein Austausch möglich, weil sie weder Deutsch noch Englisch verstehen. Ein Familienvater dagegen signalisiert Einsicht und kommandiert seine Kinder sofort aus dem Wasser. Fühlt er sich ertappt?

Ein Freibad für 200.000 Menschen

Etwas abseits, im ruhigen Wasser zwischen zwei Dämmen, hüpfen und tauchen die beiden Schuljungen. Sie sind allein und unbeaufsichtigt. Ob sie schwimmen können, bleibt unklar. Den gewaltigen Frachter, der sie gerade passiert, beachten sie nicht. Auf Rufe reagieren sie nicht.

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Plötzlich schaltet sich wie aus dem Nichts ein Mann ein, mutmaßlich der Vater. Er hatte gerade noch zwischen den Sträuchern oberhalb des Kiesstreifens gedöst. Er ruft die Jungs näher an den Strand, sie meckern. Spaßverderber.

Der Mann ist interessiert, ein längerer Austausch scheitert jedoch an der Sprachbarriere. Warum er hier und nicht im Schwimmbad ist? „Teuer. Voll“, sagt er. In den drei Bezirken im Duisburger Norden, in denen fast 200.000 Menschen leben, gibt es mit dem Allwetterbad Walsum lediglich ein städtisches Freibad. Es ist obendrein das einzige in ganz Duisburg, das bei bis zu 40 Grad geöffnet hat. Das Freibad Homberg wird noch immer repariert.

Keine Ordnungshüter in Sicht

An diesem Nachmittag ist von der Wasserschutzpolizei oder vom Ordnungsamt der Stadt an der so beliebten Problemzone bei Marxloh niemand zu sehen, der das Badeverbot durchsetzen und Unwissende aufklären könnte. Wobei unbestritten ist: Weder der Polizei noch der Stadt ist es möglich, über 70 Duisburger Rheinkilometer zu kontrollieren, sie können nur stichprobenartig reagieren und bei Anrufen besorgter Augenzeugen.

Der Weg zum Strand bei Rheinkilometer 789.
Der Weg zum Strand bei Rheinkilometer 789.© WAZ | Philipp Wahl

Ende Mai rief ein solcher die Polizei zur Alsumer Rheinaue, weil er gesehen hatte, wie Väter mit ihren Kindern ins Wasser gegangen waren. Die erwischten Männer zeigten sich uneinsichtig, kassierten Ordnungswidrigkeitenanzeigen. Die Stadt erklärte der Redaktion: In solchen Fällen prüfe das Jugendamt, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt.

Bis dahin wurden der Generaldirektion Wasserstraßen und Schifffahrt (GDWS) seit 2021 von der Polizei Duisburg nur sechs Anzeigen weitergeleitet. Wer diese Statistik kennt und die sorglos badenden Menschen von Duisburg-Marxloh vor Augen hat, kann sich nur dankbar wundern, dass in der Alsumer Rheinaue seit dem Tod der drei Mädchen nicht noch mehr Menschen ums Leben gekommen sind.