Wenn man Kurt Niestegge nach seinem Geheimnis für sein hohes Alter fragt, muss der Duisburger erst einmal überlegen. Hundert Jahre alt zu werden – dafür gibt es schließlich kein einfaches Rezept. Dann fällt ihm doch etwas ein. „Ich habe viele Eier gegessen“, sagt er und lacht. Jeden Tag habe er früher eine Dose mit vier Eiern mit zur Arbeit genommen. Kurz überlegt er, dann fängt Kurt wieder an zu lachen. „Ich war immer gut gelaunt, das hat bestimmt geholfen.“

Am Samstag, 25. Juli, hat er seinen besonderen Geburtstag im Awo-Kranichhof gefeiert. Zu seiner Party im Wohnheim sind über fünfzig Leute gekommen – darunter Familie, Freunde und Bürgermeisterin Sylvia Linn. Für Niestegge ist es ein besonderer Tag – und einer, an dem Musik nicht fehlen darf.
Kurt aus Duisburg ist 100: Musik ist eine große Leidenschaft
Musik begleitet ihn seit Jahrzehnten. Der Duisburger hat gesungen, Akkordeon gespielt, Keyboard gespielt, ist als Alleinunterhalter aufgetreten. In drei Chören sei er gewesen, erzählt er. Besonders gern erinnert sich Niestegge an den Shantychor. Das ist ein Chor, der traditionelle Seemannslieder singt. „Das war eine gute Zeit“, sagt er. „Mir hat das Spaß gemacht.“

Geboren wurde Kurt Niestegge 1926 in Wesel. Als er ein Jahr alt war, zog die Familie nach Duisburg. Sein Vater hatte bei der Bahn Arbeit gefunden. Niestegge wuchs mit zwei Geschwistern auf, besuchte die Volksschule und später die Mittelschule.
Bruder fiel im Krieg in Russland – Schwester wurde 89 Jahre alt
Der Bruder fiel im Krieg in Russland. Seine Schwester wurde 98 Jahre alt und starb im vergangenen Jahr. Wenn Niestegge von seiner Familie erzählt, werden seine Augen feucht, und er muss schlucken.
Auch er selbst erlebte den Krieg als Jugendlicher, musste als Schüler an der Kanone stehen und später zum Arbeitsdienst. Mit 15 habe er eine kurze Ausbildung bekommen, erzählt er. Später ging es an Flakgeschütze. „Das ist heute unvorstellbar, zu Recht“, sagt er.
Duisburger bewahrt sich seine Leichtigkeit – trotz düsterer Kriegserinnerungen
Von den Kriegserinnerungen hat sich bei ihm besonders eingebrannt, dass seine Gruppe damals aufgeteilt wurde. Ein Teil musste nach Russland, ein anderer nach Frankreich. „Ich hatte das Glück, dass ich nach Frankreich ging“, sagt Niestegge. „Da bin ich am Leben geblieben.“ Von denen, die nach Russland kamen, habe er keinen wiedergesehen.

Täglich (außer Samstag)
Duisburg-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!
Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Es sind Sätze, die kurz fallen und doch schwer wiegen. Trotz allem hat sich Niestegge seine Leichtigkeit bewahrt. „Ich kann nicht ärgerlich werden“, sagt der Duisburger, der später als Betonbauer arbeitete. „Ich stehe morgens auf und bin fröhlich.“
Wenn er von Musik spricht, beginnen seine Augen zu leuchten. Schon als Jugendlicher begleitete er die Fußballmannschaft von ETuS Bissingheim zu Spielen und spielte Akkordeon. Sein Bruder hatte ein Akkordeon in der Ecke stehen, erzählt er. „Ich habe mir das selbst beigebracht“, erzählt er stolz. „Einen Lehrer hatte ich nicht.“
Großer Fußball-Fan
Bis heute spielt Musik eine große Rolle. In seiner Wohnung hat er ein Keyboard, an dem er täglich spielt, hört gern Musik und erinnert sich an CDs, die mit dem Chor aufgenommen wurden. Auch Sport schaut er gern im Fernsehen, vor allem Fußball.
Erst seit einem Jahr lebt er im Awo-Wohnheim. Den Großteil seines Lebens, rund 50 Jahre, verbrachte er in Bissingheim. Ein persönlicher Einschnitt war die Erkrankung seiner Ehefrau an Demenz. Die Situation wurde für beide zunehmend belastend, sodass sich das Paar schließlich trennte.
Noch sehr selbstständig im Alltag
Heute lebt Kurt Niestegge mit seiner Lebensabschnittsgefährtin zusammen, die ihn im Alltag begleitet und ihm zur Seite steht. Er ist im Alltag aber noch sehr selbstständig. Er steht morgens um sieben Uhr auf, kocht Kaffee und macht sich selbst Frühstück. Früher habe er mehr selbst gekocht, heute werde manches etwas schwerer. „Einkaufen gehe ich nicht mehr selbst, ich fahre kein Auto mehr, deshalb ist das etwas schwierig“, sagt er. „Meine Lebensabschnittgefährtin kauft für mich ein, das weiß ich sehr zu schätzen.“
Was er jungen Menschen raten würde? Niestegge muss nicht lange überlegen. „Nichts übertreiben“, sagt er. „Alles sollte in normalen Maßen stattfinden. Trinken, sich Spaß gönnen, viel an der Luft sein.“ Auch Sport findet Niestegge wichtig. Musik machen, falls man ein Talent dafür hat, würde auch helfen.
Auf die Frage, wie lange er noch leben möchte, lacht Niestegge und zuckt mit den Schultern. „Solange ich noch darf.“




