Die Verwandlung dauert nur wenige Minuten. Erst kommt das weiße Gewand, danach die rote Stola und die goldene Kette mit dem Kreuz. „Jetzt muss ich mit dem Bart anfangen“, sagt Klaus Venhofen und zieht den Rauschbart aus einer Box hervor, um ihn sich geschickt übers Gesicht zu ziehen. Routiniert klebt er noch den Schnurrbart über seinen Mund, setzt die Perücke sowie die Mitra auf seinen Kopf und legt sich den roten Mantel mit goldenen Verzierungen über die Schultern. Zuletzt stülpt er sich die weißen Handschuhe über, legt einen prachtvollen Ring an und nimmt sich den goldenen Bischofsstab. Und dann ist er endlich fertig: der Nikolaus!

Sie sind ja quasi der geborene Nikolaus... im wahrsten Sinne des Wortes!

Tasächlich (lacht). Ich habe am 6. Dezember 1955 im alten Klever Krankenhaus das Licht der Welt erblickt. Dadurch hatte ich von Klein auf einen besonderen Bezug zu Nikolaus. Wobei meine Eltern das streng getrennt haben. Am Abend des 5. Dezember, dem traditionellen Nikolausabend, habe ich ein kleines Geschenk und Süßigkeiten bekommen und am 6. Dezember gab es ein Geschenk zu meinem Geburtstag.

Können Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit dem Nikolaus erinnern?

Nicht so wirklich. Früher kam er ja auch in den Kindergarten oder in die Schule. Und es gibt ein Foto von mir, wie ich mal die Ehre hatte, den Bischofsstab zu halten. Meine Erinnerungen daran sind aber schwammig. Meine Eltern haben mir nur nie Angst mit dem Nikolaus oder Knecht Ruprecht gemacht.

Wie kam es dazu, dass Sie selbst nun schon seit einigen Jahren in die besondere Rolle schlüpfen?

Ich habe mich seit meiner frühen Jugend in der Kirche engagiert, bis ich irgendwann Diakon wurde. Eines Tages, da war ich um die 20 Jahre alt, fragte mich meine damalige Nachbarin, ob ich für ihre Enkelin Christina nicht mal den Nikolaus spielen könnte. Allerdings musste ich mir erstmal alle Kostümteile zusammensuchen. Die Mitra und den Bart bekam ich beispielsweise vom Pfarrer, den Bischofsstab bastelte mir mein Vater aus Holz. Ich spielte den Nikolaus dann scheinbar mit Erfolg, denn danach bekam ich noch andere Anfragen. Das erste Nikolauskostüm nähte mir meine Frau, mittlerweile habe ich drei Kostüme. Das hier (zeigt auf den roten Mantel) trage ich beispielsweise, wenn ich am 5. Dezember über den Spoykanal fahre.

Klaus Venhofen hat mittlerweile mehrere Schnurrbärte, die er für sein Nikolauskostüm abwechselnd nutzen kann.
Klaus Venhofen hat mittlerweile mehrere Schnurrbärte, die er für sein Nikolauskostüm abwechselnd nutzen kann. © FUNKE Foto Services | Christian Creon

Und wann tragen Sie die anderen Kostüme?

Wenn der Nikolaus besonders schön aussehen muss, beispielsweise in Kindergärten. Moment (holt sein Smartphone hervor und versucht es mit seinem Gesicht zu entsperren...) Jetzt erkennt es mich natürlich nicht... (tippt seinen Code ein und zeigt dann ein Foto von sich in noch prachtvollerem Gewand) Was ich über die Jahre gelernt habe: Kinder scannen einen von oben bis unten. Früher musste ich mich immer alt machen, damals habe ich beispielsweise noch keine Brille getragen und hatte dann extra fürs Kostüm eine ohne Glas. Das haben die Kinder sofort gesehen. Man darf mit ihnen keinen Schwindel betreiben!

Wie reagieren die Kinder auf Sie?

Unterschiedlich. Es gibt die ganz Stillen, die sich vor Scheu nicht regen. Sie sind nicht uninteressiert, aber distanziert. Dann gibt es die unheimlich Mitteilsamen, die nach dem Motto agieren: Wer fragt, führt! Also wenn ich viel frage, kann mich der Nikolaus nichts fragen. Und dann gibt es noch die, die ängstlich auf dem Schoß der Erzieherin sitzen. Die Erzieherinnen sammeln ja immer die Socken ein, befüllen sie und der Nikolaus bringt sie zurück. Manche brauchen beim Abholen der Socken dann Begleitschutz (lacht).

Klaus Venhofen ist Diakon... und im Dezember auch der Nikolaus in Kleve. Die Nikolaus-Augenbrauen hat er bereits aufgeklebt.
Klaus Venhofen ist Diakon... und im Dezember auch der Nikolaus in Kleve. Die Nikolaus-Augenbrauen hat er bereits aufgeklebt.© FUNKE Foto Services | Christian Creon

Bringen Sie auch Knecht Ruprecht mit?

Nein, weil sich viele Kinder vor Knecht Ruprecht fürchten. Wenn ich bei Familien bin, vereinbare ich immer mit ihnen, dass jemand, vielleicht der Nachbar, die Geschenke im Flur deponieren soll. Den Kindern sage ich dann: ‚Ich glaube, ich habe etwas gehört... Vielleicht war das Knecht Ruprecht? Wollt ihr mal im Flur nachschauen?‘ Das macht nie jemand, weil sie alle Angst vor ihm haben.

Was bringt „der Nikolaus“ denn mittlerweile für Geschenke?

Die Tendenz ist, dass die Geschenke immer größer werden. Früher gab es vielleicht mal ein kleines Spiel und einige Süßigkeiten. Bei manchen steht auch immer noch das Zusammensitzen im Vordergrund, bei anderen kommt aber die ganze Familie und jeder hat ein großes Geschenk dabei. Da frage ich mich immer: Was soll noch an Weihnachten kommen? Das ist too much!

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Wie reagieren Sie, wenn ein Kind sagt: „Den Nikolaus gibt‘s doch gar nicht!“?

Für die Kleineren bin ich einfach der Nikolaus. Bei den Älteren kommt es darauf an, wie sie erzogen sind. Es gibt einige, die mit ihrem Wissen vor den Kleinen prahlen, aber auch einige, die den kleineren Geschwistern nicht die Illusion rauben wollen. Da fällt mir ein lustiges Erlebnis aus meiner Anfangszeit ein. Ich kam mal als Nikolaus am Jugendheim in Kellen vorbei, an dem sich immer die Jungs und Mädchen getroffen haben. Zuerst haben sie gelacht und gerufen: ‚Da kommt der Nikolaus!‘ Aber als sie merkten, dass der Nikolaus wirklich zu ihnen kommt, standen sie plötzlich alle in einer Reihe und sagten brav: ‚Guten Abend, Nikolaus.‘ (lacht) Einen gewissen Respekt haben die Leute immer.

Gibt es eine Situation, an die Sie sich gern zurückerinnern?

Ich war mal bei einer Familie in Emmerich und die Kleine lutschte schon sehr lange am Schnuller. Die Eltern fragten mich dann, ob der Nikolaus den Schnuller nicht mitnehmen könne. Ich erklärte dann der Kleinen, dass das für die Zähnchen nicht gut sei und ob sie mir den Schnuller geben möchte. Ich habe ihn dann später natürlich der Familie dagelassen (lacht)... Aber als ich irgendwann nochmal gefragt habe, hatte es die Kleine tatsächlich akzeptiert, dass der Nikolaus den Schnuller mitgenommen hatte.

Der Nikolaus aus Kleve

Der Nikolaus fährt am Freitag, 5. Dezember, um 17.15 Uhr mit einem Boot des THW über den Spoykanal, begleitet von mehreren Kanuten und Ruderern. Am Königsgarten geht er an Land und fährt mit einer Kutsche weiter am Wasser entlang. Auf dem Weihnachtsmarkt hält er eine kleine Ansprache und verteilt 500 Weckmänner.

Das komplette Honorar, das Klaus Venhofen für sein Nikolausspiel bekommt, spendet er für wohltätige Zwecke. Aktuell unterstützt er das Hilfsprojekt „Tor zum Leben – Lifegate Rehabilitation e.V.“ im Westjordanland.

Wie verbringen Sie den Nikolaustag, Ihren Geburtstag?

Wenn ich am 5. Dezember abends nach Hause komme, schminke ich mich ab und schütte mir dann ein Glas Rotwein ein. An meinem Geburtstag selbst bin ich natürlich auch unterwegs... Moment (schaut im Kalender seines Smartphones nach), um 15 Uhr bin ich auf Haus Riswick, um 16 Uhr in Materborn... Sonntags bin ich beim Schützenverein, montags im Kindergarten... Mein letzter Auftritt ist am 21. Dezember.

Fällt Ihnen die Verwandlung eigentlich schwer?

Nein, ich gehe ganz darin auf. Wenn ich das Kostüm anhabe, bin ich der Nikolaus!