Fast hat man das Gefühl, der ursprüngliche Zweck des Treffens ist hier Nebensache. Oder anders ausgedrückt: Vom Klappern der Strick- oder Häkelnadeln ist hier kaum etwas zu hören, stattdessen bestimmt ein harmonischer Dauer-Plauderton die Zusammenkunft der Frauen im Außencafé der Mediathek. Handarbeiten liegen nicht erst seit Corona schon lange wieder im Trend. Und zum Glück können alle, die mögen, ihrem Lieblings-Hobby auch wieder in Gemeinschaft nachgehen. Genau das machen die Frauen, die sich seit einem Jahr im Kreativtreff „Wolle & Garn“ gefunden haben.
Kreativtreff in Kamp-Lintfort ist ein Selbstläufer geworden
Etwa drei Jahre ist es her, dass Ruth Schütz gemeinsam mit Mitstreitenden des Kamp-Lintforter Vereins Lesart überlegte, wie man die Mediathek zusätzlich als dritten Ort nutzen könnte – und schließlich auf das Hobby Handarbeiten kam. Als dann im letzten Sommer Nägel mit Köpfen gemacht wurden, war sie sich erst unsicher, ob sich überhaupt Interessenten finden würden. „Zum ersten Treffen habe ich dann wenigstens meine Freundin mitgenommen.“ Die Sorge erledigte sich schnell: Mittlerweile sind es bis zu 19 Frauen, die sich jeden zweiten und vierten Dienstag im Monat von 15 bis 17 Uhr treffen, um gemeinsam zu stricken, zu häkeln oder zu sticken.
120 Euro für einen Pulli, der mit guter Wolle gestrickt ist - das ist heute normal.
Ruth Schütz über die Kosten
„Ob wir zuhause stricken oder hier, ist ja egal“, sagt Ruth Schütz und lacht. Man plaudert, tauscht sich aus oder holt sich Tipps: Wo gibt es gute Wolle, was kann man für die Enkel stricken, wer hat neue Ideen? Carolin ist mit ihren 27 Jahren die jüngste im Kreis. Warum sie mitmacht? „Ich bin ursprünglich nicht aus Kamp-Lintfort. Deshalb fand ich es schön, hier Leute mit dem gleichen Hobby kennenzulernen.“

Zum Beispiel Nadine (47), die seit knapp vier Monaten dazugehört. „Ich komme zuhause zu wenig zum Handarbeiten“, erzählt die Kamp-Lintforterin, die an diesem Tag ein Mandala für den Weihnachtsbaum stickt. An diesem festen Tag im Monat nehme sie sich die Zeit für sich. Dazu könne man im Austausch mit den anderen auch Tricks und Kniffe rund um das gemeinsame Hobby lernen.
Beim Stricken in Kamp-Lintfort den Kopf frei kriegen und sich entspannen
„Jeder macht das, was er kann“, sagt die 72-jährige Angelika. Den Kopf frei kriegen und sich entspannen - auch das sind für sie Gründe, regelmäßig zu den Stricknadeln zu greifen. Dass letztendlich so viele zu dem Treff kommen und sich die Zusammenkunft als so beständig erwiesen hat, damit habe sie anfangs nicht gerechnet. „Es ist unverbindlich, aber doch ein fester Kreis geworden“, freut sie sich.

Die Geselligkeit sei sicherlich ein Erfolgsfaktor, „und dass es gratis ist“, findet Nadine. Wobei: Ob Stricken, Häkeln oder Sticken: Dass wie früher aus Kostengründen gehandarbeitet wird, ist schon lange Vergangenheit: „120 Euro für einen Pulli, der mit guter Wolle gestrickt ist – das ist mittlerweile normal“, weiß Ruth Schütz. Deshalb sei so eine Textil-Handarbeit heute kaum noch zu bezahlen, „der Arbeitslohn ist ja noch nicht einmal eingerechnet“. Dadurch bekämen selbst gearbeitete Kleidungsstücke oder Accessoires aber auch einen ganz besonderen Wert, findet die Runde.
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Gabi (65) strickt gerade an einem Dreiecksschal. „Ich stricke am liebsten für mich, weil ich sehr langsam stricke. Oder Socken für meinen Mann, der immer kalte Füße hat.“ Ihre Generation habe das Handarbeiten noch in der Schule gelernt. „Ich über YouTube“, sagt Carolin, die sogar ihren eigenen Brautstrauß selbst gehäkelt hat. „Eine schöne Erinnerung, die nie verschwindet“, findet sie.
Mediathek in Kamp-Lintfort ist als Treffpunkt sehr beliebt
Gequatscht wird eigentlich ununterbrochen. Worüber? „Über alles“, sagt Ruth Schütz. „Über neue Restaurants, was sich in der Stadt so tut, aber auch über Privates“, ergänzt Nadine. „Oder über unsere Wehwehchen“, sagt Angelika.
Die Mediathek als Treffpunkt schätzen sie sehr. Der sei zentral, koste nichts, und das Bistro-Team der Caritas-Werkstätten verwöhne alle auf Wunsch mit leckeren Getränken und Kuchen. „Besser geht es nicht“, ist sich die Runde einig.


