Achterbahnfahren, Dosenwerfen, Zuckerwatte und mehr: Am Freitag, 5. September, startet mit der Moerser Kirmes 2025 das größte Volksfest am Niederrhein. Die Traditionsveranstaltung ist mehr als 170 Jahre alt. Wie fing der Kirmes-Spaß in Moers an? Die Redaktion hat beim Moerser Stadtarchiv nachgefragt.
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Wann genau zum ersten Mal eine Kirmes in Moers gefeiert wurde, lässt sich nicht ohne Weiteres rekonstruieren, teilt Stadtsprecher Klaus Janczyk mit. Gemeint sei der „moderne“ Gedanke von Kirmes, nicht das historische Kirchweihfest. Aber: bereits in den frühesten Ausgaben des „Grafschafters“ sind Anzeigen zur Kirmes zu finden. Der früheste Nachweis, der dem Stadtarchiv hier vorliegt, ist von 1849. „Aus den vielen Anzeigen in den Tageszeitungen der folgenden Jahre lässt sich ableiten, dass die Kirmes schon damals immer Anfang September stattfand“, erklärt der Stadtsprecher. Meist für einen Zeitraum von vier Tagen zwischen dem 1. und dem 10. September.
Moerser Kirmes im Wandel der Zeit: Ursprünglich fand sie vor dem Bahnhof statt
Die damalige Kirmes ist mit dem heutigen Volksfest nicht mehr zu vergleichen, ihr Erscheinungsbild war grundlegend anders. „Kirmes wurde mehr als solides gesellschaftliches Ereignis verstanden“, sagt Janczyk. So beteiligten sich beispielsweise Gastwirte an der Kirmes, indem sie Festzelte aufstellten, in denen Bälle, Konzerte und „Harmonie“, also gesellschaftliches Zusammensein, angeboten wurden. „Einige Jahre später gesellten sich zu den gesellschaftlichen Veranstaltungen heute auch bekannte Attraktionen zur Kirmes hinzu wie die Schiffschaukel, Karussells, Schießbuden und Bäckereien.“

Ursprünglich wurde die Moerser Kirmes auf dem Platz am Bahnhof aufgebaut, ab zirka 1897 dann auch auf dem Neumarkt und auf dem Altmarkt. Den Auftakt zum Volksfest machte traditionell der Schweinemarkt, der immer donnerstags veranstaltet wurde. Und: „Montage waren Trauertage: in langem Zug ging es durch die Stadt mit einer Strohpuppe voran, um die Kirmes symbolisch zu Grabe zu tragen“, teilt der Stadtsprecher mit. Besonders beliebt war in den frühen Jahren zudem das sogenannte Ringstechen beim Karussellfahren. Dabei wurde ein Ring hin und her bewegt. Wer ihn während der Fahrt durchstach, der durfte einmal umsonst fahren. In den 1930ern gab es mit dem „Partieschnappen“ ein vergleichbares Spiel: Hier musste der Ring bei voller Fahrt aus einem Holzklotz herausgezogen werden.
Moerser Kirmes war schon früher ein Publikumsmagnet
Dass die Kirmes schon früh als Publikumsmagnet galt, konnte das Stadtarchiv ebenso rekonstruieren. Davon zeuge allein die stetige Ausdehnung in der Stadt. In einem Grafschafter-Artikel von September 1912 heißt es dazu: „Unsere diesjährige Kirmes hat eine ganz stattliche Ausdehnung gehabt: Auf dem Neumarkt und auf dem Altmarkt, so wie auf dem freien Platz am Staatsbahnhof drängt sich eine Bude neben der anderen.
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Der Besuch, den all die Herrlichkeiten fanden, war trotz des nicht gerade glänzenden Wetters „sehr stark“. Und weiter: „Unaufhörlich strömte es aus der Umgebung nach Moers, um die Kirmes, die ihrem alten guten Ruf auch diesmal wieder Ehre machte, gehörig mitzufeiern. Auf den Festplätzen und auf der Stein- und der Homberger Straße entwickelte sich um Mittag ein äußerst lebhaftes Treiben“.
Unaufhörlich strömte es aus der Umgebung nach Moers, um die Kirmes, die ihrem alten guten Ruf auch diesmal wieder Ehre machte, gehörig mitzufeiern.
Der Grafschafter anno 1912
Die Ton änderte sich zehn Jahre später. Auch vom September 1924 liegt dem Archiv ein Artikel des Grafschafter vor, der einen sentimentalen Rückblick auf die Kirmes von früher beinhaltet. Die Moerser Kirmes bezeichnet der Artikel als „hochentwickelte Technik [...] Rummel mit Maschinenbetrieb und schreienden Orchestrions, Sirenen und elektrischen Lichtkünsten, Jazzbands und sonstigen Errungenschaften der Neuzeit. Vielleicht, wenn einst wieder bessere Zeiten kommen, wenn wir uns aus dem politischen und wirtschaftlichen Trubel herausgerettet haben, daß dann auch die neuzeitliche Kirmes wieder nach der gemütvollen Seite hin gewinnt“.
Moerser Kirmes: Diskussionen um den Neumarkt
1924 fand die Kirmes erstmals auch auf der „Leyendeckerschen Wiese“, seit 1958 der Friedrich-Ebert-Platz, statt. Ein Umstand, der auch in den folgenden Jahren immer wieder thematisiert wird. Nachdem es während des 2. Weltkrieges kein Volksfest gab, folgte 1954 ein klares Votum für den Erhalt der Leyendeckerschen Wiese und des Neumarkts als Platz für die Kirmes. Hintergrund war der „Bebauungszwang“ wegen starkem Bevölkerungswachstum, erklärt Janczyk. „Zwar wurde auf dem Gelände der Leyendeckerschen Wiese ein Kino („Lichtspieltheater“), an der Front der Homberger Straße Geschäftshäuser und auf dem Hintergelände das neue Knappschaftsgebäude errichtet, aber es verblieb ein 70 Meter breiter Eingang. Indem ein Teil des Gartens der Leyendeckers zur Wiese hinzukam, wurde der durch die Neubauten entstehende Verlust ausgeglichen.“

Die Diskussion riss nicht ab. 1956 ging es mit Blick auf die zwei Plätze um den „zugenommenen Verkehr“ der vergangenen Jahre sowie das „Risiko von Unfällen für Kirmesbesucher“. Zwei Jahre später war klar: Der Neumarkt hat als Haupt-Kirmesplatz ausgedient. Vor allem Schausteller übten Kritik am Standort. Der Friedrich-Ebert-Platz sei drei Mal so groß, der Neumarkt zu schmal zum Aufbau von attraktiven Fahrgeschäften. Zudem sei die Stromspannung trotz Investitionen der Stadtwerke hier nicht ausreichend gewesen. „Des Weiteren hat sich das Zentrum der Kirmes immer mehr zum großen Friedrich-Ebert-Platz hin verschoben, der die meisten Menschen anlockte, der Neumarkt zählte aber weiterhin zur Fläche der Veranstaltung“, erklärt der Stadtsprecher. Erst viel später, im Jahr 1983, fand die Kirmes erstmalig auch auf dem Kastell einen Platz.
Dieser Artikel ist erstmals im August 2024 erschienen.



