Gefühlt ist es so: Die Altersarmut steigt. Die Schuldnerberaterinnen Sylvia Plotzke-Kern und Caroline Hagedorn erleben es täglich. Das kann so schnell gehen. „Ehepaare kriegen das meist noch gut gewuppt mit der Rente“, sagt Sylvia Plotzke-Kern. Bis etwas passiert. Der Ehemann war ein Pflegefall, das Pflegegeld und zwei Renten reichten, um Schulden abzubezahlen. Der Partner verstarb. Die Ehefrau verlor nicht nur ihren Lebensinhalt, sondern auch noch zwei regelmäßige Einkommen. Ein Fall von vielen, die die beiden und ihre Kolleginnen und Kollegen bearbeiten.

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Wer dann auch noch schlecht zu Fuß ist, sollte keine stundenlangen Himmelfahrtskommandos unternehmen müssen, um einen Weg aus den Schulden zu suchen, findet man bei der Diakonie. Seit September des vergangenen Jahres gibt es das Angebot der aufsuchenden Schuldnerberatung. Die Fachkräfte kommen dann ins Haus. Das Echo ist zunächst noch verhalten. Sieben Mal rückte eine der beiden Beraterinnen bis jetzt aus. „Schulden zu offenbaren ist ja schon schambehaftet genug, aber dann noch jemand Fremdes in die Wohnung lassen?“ Caroline Hagedorn hat Verständnis für die verzwickte Lage der Menschen.

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Aber manchmal geht es eben nicht anders. Wie bei dem Mutter-und-Tochter-Gespann, das weit vor den Toren der Stadt wohnt. Das Kind ist auf eine Heiratsschwindlerin reingefallen und hat auf diese Weise viel Geld verloren. Die schwerbehinderte Mutter hat in aussichtsloser Lage immer noch versucht zu helfen. Beides überstieg die Möglichkeiten. Und weil die Tochter auch noch das Auto verpfändet hatte, war guter Rat teuer - und das Angebot der Diakonie für den Hausbesuch genau das Richtige.

Wenn im Alter der Überblick verloren geht

Ebenso für eine Rentnerin, die nach einem Schlaganfall regelmäßig Unterstützung braucht: beim Sichten, Sortieren und Abheften der Unterlagen, beim Überblick über die Terminüberweisungen. Dinge, die oftmals ohne großes Aufhebens innerhalb der Familie geregelt werden. Aber in diesem Fall klappt das eben nicht.

Was es mit dem P-Konto auf sich hat

Wer in die Insolvenz gehen muss, sollte wissen, was ein P-Konto ist. Auf dem Pfändungskonto landen die Beträge des regelmäßigen Einkommens, die nicht pfändbar sind. Je nach Lebensumständen gelten 1500 Euro als lebensnotwendig. Auf dieses Geld hat dann kein Gläubiger Zugriff. „Das wissen viele nicht, dass es diese Möglichkeit gibt“, sagt Caronline Hagedorn von der Diakonie. Deshalb gibt es in den Räumen an der Konradstr. 86 regelmäßig eine offenen Sprechstunde zu dem Thema. Der genaue Termin sollte jeweils erfragt werden. Wer das Angebot einer Schuldnerberatung in Anspruch nehme möchte, muss sich in Geduld üben. Nach dem Erstgespräch geht es erstmal auf eine Warteliste.

Was den beiden mit jahrelanger Erfahrung in der Schuldnerberatung auffällt: Mittlerweile gehören Menschen zu ihrer Klientel, die früher eher nicht bei der Diakonie angeklopft haben. Eigenheimbesitzer etwa. Auf einmal arbeitslos oder horrende Strom- und Heizkostennachzahlungen - schon wird es knapp mit der Rate. Auch ehemals Selbstständige stehen immer häufiger auf der Matte, sagen sie. „Armut kommt in der Mitte der Gesellschaft an“, ist der Eindruck von Caroline Hagedorn.

Wie dann mit der persönlichen Pleite umgegangen wird, ist durchaus unterschiedlich. Sylvia Plotzke-Kern berichtet von einem Bürgergeldempfänger, der von seinen 500 Euro, die ihm zum Leben blieben, auch noch monatlich 200 Euro Ratenzahlungen abzwacken wollte. „Sowas kann ja nicht gut gehen. Aber er sagte, die Schulden habe ich gemacht, also zahle ich auch dafür.“

Ehrlich von Anfang an, sonst wird es schwierig

Und dann gibt es solche, die erst, wenn es gar nicht mehr anders geht, einen Gläubiger nach dem anderen nennen, im schlimmsten Fall den letzten, wenn die Räumungsklage bevorsteht. Sowas macht die Arbeit natürlich schwer. Und dann gibt es noch die Sorte Unbekümmerter, die darauf setzen, dass es mit der Privatinsolvenz dann schnell getan ist. „Weit gefehlt, so einfach ist das nicht“, warnen die beiden Beraterinnen. Bei Suchtproblematiken zum Beispiel muss erst dieses Thema angegangen werden. Und überhaupt: Zunächst wird meist mit den Gläubigern verhandelt, wie es klappen könnte. Erst danach wird eine über drei Jahre laufende Insolvenz in Betracht gezogen.

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Was die beiden immer ein bisschen fuchst, ist die Tatsache, dass es manche Unternehmen vor allem jungen Menschen sehr leicht machen, in die Schuldenfalle zu tappen. „Buy now, pay later“ (kaufe heute, zahle später) sei eine Einladung dazu. Sie hatten schon jemanden im Gespräch, der hatte dabei komplett den Überblick verloren. 50, 60 offene Rechnungen - „von Schuhen bis zur Pizza“. Auch Telefonanbieter sind den beiden Fachfrauen schnell ein Dorn im Auge. „Es kann doch nicht sein, dass wir jemanden treffen, der 120 Gläubiger hat, davon 100 Telekommunikationsunternehmen“, sagen sie und schütteln den Kopf.

„Die glauben doch nicht, dass das gut geht“

Auch große Elektronikunternehmen ließen sich, koste es, was es wolle, auf unsichere Deals ein. „Da stehen doch an den Geräten schon nur noch die Ratenpreise. Der Fernseher oder das Laptop werden dann auf Pump abgegeben, noch eine hübsche Kreditkarte dazu. Das ist doch zu verlockend, so finanzielle Engpässe vermeintlich zu überbrücken“, erzählt Caroline Hagedorn. Beim Blick in ihren Aktenschrank sagt sie: „Alles Konsumkredite, die in die Pleite getrieben haben.“ Und sie ärgern sich über manche Kreditinstitute: „Die geben einem 70-Jährigen mit 1400 Euro Rente einen Kredit, den er mit 800 Euro im Monat abstottern soll. Die glauben doch nicht wirklich, dass das gut geht.“

Die beiden machen ihren Job trotzdem gern. Denn sie bekommen etwas, das heute in der Arbeitswelt immer seltener wird: „Wertschätzung“. Die drücke sich manchmal in Blume oder Kaffee aus, manchmal in unendlich erleichterten Blicken. „Wir können oft einfach als erstes die große Angst nehmen.“ Denn am Ende wird alles gut. Sonst ist es noch nicht zu Ende. Manchmal begleiten die Schuldnerberaterinnen ihre Leute über viele Jahre.