Als ich das Wohnzimmer der Familie betrete, beäugt mich Nele intensiv. Kurz darauf fängt sie an über roten Nagellack zu sprechen. Den trug ich zum Zeitpunkt des Interviews. „In fünf Jahren könnten sie wieder hier auflaufen, dann wüsste Nele, sie waren die Frau mit dem roten Nagellack“, sagt Ralf Bicking. Der Nagellack war beim Gespräch öfter Thema, denn Nele liebt Nagellack. Und Routinen. Sie ist Autistin und lebt in ihrer eigenen Wohnung in Moers. Doch allein kann sie das nicht, weil sie eine Rundumbetreuung benötigt. Diese ist aktuell nicht gegeben, denn wie überall mangelt es auch hier an Pflegepersonal. Wer kompensiert das? Heike Bicking-Kretsch. Und ihr Mann Ralf Bicking.
Weitere aktuelle Nachrichten aus Moers, Kamp-Lintfort und Neukirchen-Vluyn:
- Halloween in Moers: Die besten Gruselkostüme 2026 – Partykrake-Chef gibt Tipps
- Trauringe selbst schmieden: Kamp-Lintforter Goldschmied bietet Paaren Kurse an
- Schock in Neukirchen-Vluyn: Freizeitbad muss bald lange schließen – der Grund
- Dönerladen eröffnet in historischem Kiosk in Kamp-Lintfort: „Denkmal lebt weiter“
- Und hier bekommen Sie alle News im Überblick.
Im Autismusspektrum ordnet man Nele dem frühkindlichen Autismus zu. Bald wird sie 24 Jahre alt. Ihre geistige Entwicklung entspricht etwa der eines sechs- bis achtjährigen Kindes – sie benötigt Unterstützung in allen Lebensbereichen. „Sie muss geduscht werden, braucht Hilfe beim Essen, beim Trinken – eigentlich bei allem. Nele kann nicht lesen, nur wenig schreiben, nicht rechnen“, sagt Mutter Heike. Gleichzeitig sei ein eigenständiges Leben in gewissen Grenzen wichtig: „Sie soll so viel wie möglich am normalen Leben teilnehmen.“
Nele lebt aktuell im sogenannten „selbstbestimmten Wohnen“. Sie hat eine eigene Wohnung, die unweit der ihrer Eltern liegt. Vor zwei Monaten hat die Familie den Träger gewechselt, da der Personalmangel beim alten Träger zu zunehmenden Problemen und damit auch zu zunehmender Unzufriedenheit geführt hat. Der neue Träger, die Jugendhilfe mobil, überzeugte die Familie – doch auch dort ist das Team stark unterbesetzt – seit Monaten wird dringend Personal gesucht.
Leben mit Autismus: Kein Alltag ohne Unterstützung
Heike Bicking-Kretsch und ihr Mann Ralf Bicking, ein Polizeibeamter kurz vor der Pensionierung, springen immer wieder ein, wenn Betreuerinnen ausfallen. „Wir merken, wie unsere Kräfte uns verlassen“, sagt Ralf Bicking. Denn beide seien gesundheitlich angeschlagen. Mutter Heike ist vor ein paar Jahren an ihre körperlichen Grenzen gekommen. „Man würde wohl Burnout dazu sagen“, ergänzt sie.

Täglich (außer Samstag)
Moers-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!
Nachrichten, Service, Reportagen: Jeden Tag wissen, was in unserer Stadt los ist.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die beiden kennen viele Elternpaare, die die Pflege von ihren schwerbehinderten Kindern zum Teil selbst übernehmen. Bei einem Wiedersehen nach längerer Zeit zeigt sich oft, wie sehr die Pflege von Angehörigen an den Kräften zehrt. „Mensch, haben die Federn gelassen“, denkt sich Stiefvater Ralf Bicking oftmals. Es gehe nicht darum, wieder ein aktives Leben ohne Verantwortung führen zu wollen. Vielmehr brauche es verlässliche Planung. „Es geht nicht darum, dass wir ausgehen wollen – aber man braucht im Leben Planungssicherheit.“
Ein Wohnheim komme für die Familie nicht in Frage: „Individuelles Leben findet dort nicht statt“, sagt die Mutter. Einen Einblick haben sich die Eltern dort schon verschafft. „Es würde mir das Herz brechen“, so die Mutter. In diesen Einrichtungen sind Menschen mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen untergebracht – viele davon schwerer beeinträchtigt als Nele selbst.
Bei Personalmangel, der vor keiner Einrichtung Halt macht, würde das bedeuten, dass Nele hinten runterfällt, da es einfach Menschen gebe, die noch pflegeintensiver betreut werden müssen. „Ich musste schon meine Mutter in ein Pflegeheim geben“, so Heike Bicking-Kretsch. Bei dem eigenen Kind sei das unvorstellbar. „Die Bindung zu einem Kind, welches man pflegt, ist sowieso nochmal ein anderes Level“, so Stiefvater Ralf Bicking. „Man kann diesen Menschen niemals loslassen“, meint Heike Bicking-Kretsch.
Autistin Nele Kretsch – eine besondere junge Frau
Das wichtigste für Nele sind Routinen. Jeden Freitag gibt es für sie einen Energydrink und ein Stück Schokolade. „Das vergisst sie auch nie – nicht mal im Urlaub“, lacht Heike Bicking-Kretsch. Sie liebt Luftballons, Gummihandschuhe und Kostüme – bei ihr ist das ganze Jahr über Karneval. Außerdem: Kein Geburtstag ohne Benjamin-Blümchen-Torte – ein festes Ritual für Nele. Sie verfügt zudem über sehr feine Sinne, hört und sieht Dinge, die anderen entgehen. „Sie sieht Spinnennetze aus der Entfernung, das könnte ich nicht sehen“, staunt Ralf Bicking.

Menschen mit Autismus brauchen Struktur – aber wer hilft mit?
Nele arbeitet in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Sie sortiert Schrauben, schraubt Gläser zu – begleitet von Betreuungspersonal. Zusätzlich gibt es Physiotherapie zweimal pro Woche, Tanzen und Kochen über die Lebenshilfe, sowie einen Gruppentreff bei der Caritas. Die Nachmittagsbetreuung und auch die Betreuung der Wochenenden liegen aktuell in den Händen der Eltern. „Sie benötigt jemanden, der als ihr verlängerter Arm agiert“, erklärt Heike Bicking-Kretsch. Die Wohnung, in der Nele lebt, liegt nur eine Straße entfernt von der Familie. Zweimal die Woche ist sie regulär zuhause bei ihrer Mutter und ihrem Stiefvater.
Aber für den Alltag braucht es dringend Unterstützung. Schon allein, damit auch die Eltern von Nele einem geregelten Alltag nachgehen können. Gesucht werden verantwortungsbewusste, zuverlässige und liebevolle Betreuerinnen, auch im Quereinstieg. Von Betreuern wollen die Eltern absehen, denn Nele ist oftmals distanzlos, was den Umgang mit Menschen angeht. Außerdem kann sie keinerlei Gefahren einschätzen. „Natürlich möchten wir niemandem zu nahetreten“, so Ralf Bicking, aber „das fühlt sich für uns nicht richtig an“, ergänzt Heike Bicking-Kretsch.
Hier können sich Intressierte melden
Die Familie sucht im Raum Moers über den Träger Jugendhilfe mobil verantwortungsvolle Betreuerinnen für die 23-jährigen Autistin Nele.
Interessierte wenden sich bitte direkt an:
Jugendhilfe mobil Beck/Hoever
elkebeck@mail.de
„Wir haben bei Ebay geschaut, beim Arbeitsamt – das Team beim Träger muss vervollständigt werden“, berichtet die Familie. Einfühlungsvermögen, Verlässlichkeit und Geduld – das sind die wichtigsten Voraussetzungen. Die Familie hofft auf Menschen, die sich dieser Aufgabe stellen wollen – für Nele, für ein Leben mit möglichst viel Normalität und Würde. „Unser Wunsch: Solange wir noch leben, Nele das beste Leben bieten.“
Ein Blick in die Zukunft
Im kommenden Januar wird Heike Bicking-Kretsch 60 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrem Mann plant sie eine Reise – endlich einmal wieder zu zweit. Damit dieser Urlaub für alle entspannter wird, wünscht sich die Familie eine verlässliche Pflegeplanung. Zwar wäre eine Unterbringung in der Kurzzeitpflege möglich, doch das soll nur die Ausnahme bleiben. Viel besser wäre es, wenn Nele in ihrem gewohnten Alltag zu Hause bleiben könnte – mit vertrauten Abläufen und Menschen an ihrer Seite.
Keine Nachrichten mehr aus Moers verpassen:
- Mit unserem Moers-Newsletter kommen die wichtigsten Artikel des Tages jeden Abend direkt ins Mail-Postfach. Hier geht’s zur kostenlosen Anmeldung!
- Folgt der Moerser Redaktion jetzt auch bei WhatsApp und Instagram!
Damit Nele die Tage besser überblicken kann, hat die Familie sich zu vergangenen Reisen etwas ganz Persönliches überlegt: „Jeden Tag ein Briefumschlag. Wenn man Nele sagt, dass wir in sieben Tagen wieder da sind, dann kann sie das nicht einordnen. Die Briefumschläge sind dann wie ein Weihnachtskalender“, erklärt Heike Bicking-Kretsch. Jeden Tag ein bisschen mehr Vorfreude – für alle.
Bis dahin zählt jeder Tag, den Nele in Würde und mit vertrauten Menschen verbringen kann. Und jeder Mensch, der bereit ist, Teil dieses Lebens zu werden.





