Mitten im Griechenland-Urlaub wird Paula P. in der Nacht wach. Etwas stimmt nicht. Die schwangere Moerserin geht schlaftrunken auf die Toilette und sieht – eine Menge Blut. Ihr Mann Stefan wacht ebenfalls auf. Schnell trifft das Ehepaar die Entscheidung, ins Krankenhaus zu fahren. Gegen ein Uhr nachts sitzt das Paar mit der zweijährigen Tochter im Auto. Vor Ort steht rasch fest: Die Plazenta hat sich abgelöst. In der 27. Schwangerschaftswoche, viel zu früh und vollkommen unerwartet.

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Die junge Familie befindet sich auf der wunderschönen Urlaubsinsel Korfu, mitten im Ionischen Meer. Was als zweiwöchiger idyllischer Familienurlaub geplant war, endet für das Ehepaar in einem Albtraum. Am fünften Urlaubstag muss bei Mutter Paula in einem ihr fremden Land ein Notkaiserschnitt durchgeführt werden. Der kleine Leon kommt am Samstag, dem 9. Mai, zur Welt. Der angedachte Geburtstermin: 10. August. Leon ist knapp drei Monate zu früh. Geschwächt, 785 Gramm schwer und an ein Beatmungsgerät angeschlossen.
Familienurlaub auf Korfu endet im Albtraum: „Es kam alles Mögliche zusammen“
Aber zurück zum Anfang: Geplant war ein ruhiger Familienurlaub im Mai auf Korfu. Paula war schwanger. Die jungen Eltern hatten sich vor der Reiseplanung ausführlich informiert. Da es zuvor keine Komplikationen gab, bekamen sie das Einverständnis der Gynäkologin und der Hebamme, zu verreisen. Das zweite Trimester sei ein guter Zeitpunkt, da die Schwangerschaftsübelkeit größtenteils überwunden und die Geburt noch in einigermaßen weiter Ferne sei. Scheinbar der perfekte Augenblick für eine gemeinsame Auszeit, bevor es so richtig losgeht.
So kann man Leons Familie unterstützen
Über die Spendenplattform GoFundMe hat Vater Stefan einen Spendenaufruf für Leons Ambulanzflug eingerichtet. Über www.gofundme.com kommen Interessenten auf die Webseite der Spendenplattform. Dort gibt es links ein Suchfeld (Lupen-Symbol). Wer spenden möchte, kann „Helft Leon auf seinem Weg nach Hause“ eingeben und gelangt so auf den Aufruf.
Also flogen Stefan, Paula, die zweieinhalb Jahre alte gemeinsame Tochter des Paares und Paulas Eltern auf die griechische Insel. Zunächst verbrachte die Familie ein paar schöne Tage. Doch mit der Notoperation von Paula waren die idyllischen Tage gezählt und es begann die wohl nervenaufreibendste Zeit, welche die Familie bis dahin durchgestanden hat.
Keine Frühchenstation auf Korfu: Papa flog mit Sohn im Ambulanzflug auf das Festland
„Auf der Insel selbst gibt es keine Frühchenstation“, sagt Stefan. Während Paula noch im Operationssaal war, sei Leon bereits untersucht worden. „Paula konnte ihn nur einmal ganz kurz sehen.“ Dann sei bereits alles eingeleitet worden, um das Extremfrühchen in eine Frühchenstation auf dem Festland zu bringen, in der die Versorgung sichergestellt werden konnte. „Um acht Uhr morgens sind wir noch am selben Tag in Ioannina angekommen“, erinnert sich Stefan an seinen Flug mit dem kleinen Leon, der im Inkubator lag. Paula blieb weitere vier Tage im Krankenhaus auf Korfu. Die Großeltern kümmerten sich in dieser Zeit um die Tochter und um Paula.
„In Ioannina hatte ich nur mein Telefon und Portemonnaie dabei“, erzählt Stefan. Alles sei so schnell gegangen. Ständig telefonierte er mit Paula und den Schwiegereltern. „Und dann war der Akku alle.“ Eine Krankenschwester nahm sein Handy zum Laden mit. „Alles war dann völlig zeitlos. Es gab vor Ort auch irgendwie kaum Uhren oder die liefen nicht richtig.“ Kurz habe er in dieser Zeit des Schwebezustandes einen Blick auf seinen Sohn werfen können. „Das war ein Anblick. Da hat man kurz geweint. So war das alles nicht geplant“, erzählt der zweifache Vater bewegt. Seine Frau lag getrennt von ihm im Krankenhaus auf Korfu.
Halbe Stunde Besuchszeit am Tag ohne Körperkontakt: „Die Kindbindung war uns so wichtig“
Allein sei er durch das Krankenhaus geirrt. „Ich machte mich auf die Suche nach etwas zu essen und zu trinken“, erzählt er. „Ich bin ewig lang herumgelaufen. Ich war sehr aufgelöst.“ Als er nach ungefähr zwei Kilometern Fußmarsch einen kleinen Laden fand, in dem er sich mit dem Nötigsten eindeckte, setzte er sich aufgelöst und übernächtigt vor das Geschäft. Dort gabelte ihn ein griechisches Ehepaar auf. Dieses Paar habe Stefan auch an einen Bekannten vermittelt, der eine Wohnung hat.
Einmal am Tag sei zwischen 12 Uhr und 12.30 Uhr Besuchszeit gewesen. Auf den Arm nehmen durfte der Papa seinen Sohn dabei nicht. Im Anschluss habe es immer ein Gespräch mit dem Arzt gegeben. „Technisch und medizinisch ist das eines der besten Krankenhäuser in Griechenland. Aber die Kindbindung war uns so wichtig“, erzählt Stefan mit Nachdruck und Bedauern in der Stimme. „Die gab es dann quasi gar nicht.“
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Nach vier Tagen kam Paula mit der gemeinsamen Tochter und ihren Eltern nach. In der durch das griechische Ehepaar vermittelten 25 Quadratmeter großen Wohnung verbrachte die Familie einen Monat. „Wir haben die ganze Zeit gehofft, dass wir früher zurück nach Deutschland kommen“, erzählt Stefan. Allerdings verlaufe die Entwicklung bei Frühchen sehr unterschiedlich und Leon habe sich Zeit gelassen. Wiederholt seien mutmachende Prognosen der Ärzte gekommen, die sich letztlich durch die individuelle Entwicklung Leons doch nicht bewahrheitet hätten. „Die Fortschritte waren sehr langsam.“
Eltern durften ihr Kind kaum in den Arm nehmen: „Das war für uns das Schlimmste“
Nach einiger Zeit war klar, dass der Aufenthalt in Griechenland länger andauern würde. „Wir konnten dann in eine Wohnung ganz in der Nähe der Klinik“, erzählt Stefan. Die Wohnung sei ebenfalls durch das griechische Ehepaar vermittelt worden. „Der Alltag war ziemlich schwierig.“ Der gesamte Tagesablauf habe sich um das Abpumpen gedreht. „Alle drei Stunden musste abgepumpt werden“, erzählt Stefan. Vor der Besuchszeit, nach der Besuchszeit. In der Klinik wurde dem kleinen Leon die Milch über eine Magensonde zugeführt. Aber das Schwierigste sei für die junge Familie gewesen, dass sie ihr Neugeborenes in der täglich halbstündigen Besuchszeit kaum berühren durften. „Die ersten eineinhalb Monate haben wir das wegen der Keime und dem Schutz vor Infektionen verstanden. Aber danach war es nur noch schlimm“, erinnert sich Stefan.
„Es ist psychologisch nachgewiesen, wie wichtig die ersten zwei Jahre für die Bindung zwischen Eltern und Kind sind, wie wichtig Berührung für die Psyche ist“, erzählt Stefan bewegt. Vieles, was ihnen vor Ort als normal erklärt wurde, sei in Deutschland nicht normal. „Wir haben in deutschen Kliniken angerufen und nachgefragt.“ Als dann noch ein Infekt dazukam und Leon nicht an Gewicht zunahm, wie erwartet, sei der Moment nach drei Monaten erreicht worden, in dem die Familie nicht mehr konnte. „Wir hatten keine Chance mehr“, sagt Stefan. „Wir mussten nach Hause.“
Ambulanzflug von Griechenland nach Deutschland: 26.857 Euro wurden bislang gespendet
Stefan informierte sich über Ambulanzflüge von Griechenland nach Deutschland. „Die Kosten belaufen sich auf 35.000 Euro. Das muss privat gezahlt werden.“ Selbstständig habe die junge Familie nicht die finanzielle Möglichkeit gehabt, diesen Betrag zu zahlen. Deshalb entschieden sie sich, am 17. August einen Aufruf auf der Spendenplattform GoFundMe zu machen. „Innerhalb kürzester Zeit kam so viel zusammen. Wir sind den Menschen so unglaublich dankbar, dass es funktioniert hat. Wir wissen noch nicht, wie wir danke sagen können.“
Eine anonyme Spende in Höhe von 19.000 Euro sei getätigt und zurückgenommen worden. Dennoch sind 26.912 Euro (Stand Donnerstag, 27. August um 14.00 Uhr) zusammengekommen. Weil die Resonanz so groß gewesen sei und er eine Firma gefunden habe, die den Ambulanzflug durchführen würde, entschied sich Stefan, den Ambulanzflug zu buchen, obwohl das Spendenziel noch nicht erreicht war. „Ich habe alles an Geld geplündert, was noch da war. Da ist nichts mehr. Und ich habe einen Kredit aufgenommen“, erzählt Stefan. Der Flug musste sein: „Wir gingen nur noch auf dem Zahnfleisch.“
Paula und Leon konnten am Montag, 24. August, sicher zurück nach Deutschland transportiert werden und befinden sich nun in einem Krankenhaus in Moers. Mit im Flieger seien ein Kinderarzt und eine Krankenschwester gewesen, die den Intensivflug begleiteten. Stefan sei mit der Tochter mit einem regulär selbst gezahlten, normalen Linienflug in der Nacht von Sonntag auf Montag in Deutschland angekommen. „Das Erste, was wir gemacht haben, war, am Montag direkt ins Krankenhaus zu gehen.“
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Endlich können die Eltern ihren Sohn Leon berühren und mit ihm kuscheln. „Wir haben Leon direkt in den Arm genommen. Es ist etwas ganz anderes“, erzählt der Vater erleichtert. Leon würde nun noch einmal völlig neu untersucht werden. „Die Ärzte gucken jetzt nochmal ganz genau: Was hat er? Was hat er nicht?“ Rückblickend sei einiges in Griechenland „schwierig gewesen“, sagt Stefan. „Die psychische Belastung war schlimm, aber wir hatten trotzdem viel Glück, dass unsere Tochter und meine Schwiegereltern mit dabei waren.“ Nun hoffen Paula und Stefan, dass auch nachträglich noch der Betrag von 8.000 Euro an Spenden zusammenkommt, um die finanziellen Sorgen zu mindern – und endlich in vollen Zügen das neue Familienglück genießen zu können.




