Der Croupier trägt schwarze Weste überm schwarzen Hemd und spricht Deutsch. Zwei Frauen stellen sich an den Roulettetisch. Gerade haben sie zwei 50-Euro-Scheine in frische Chips eingetauscht, nun verteilen sie ihre Plastikplättchen auf dem filzbezogenen Spielfeld. Sie wollen ihr Glück erzwingen und setzen auf mehrere Zahlen gleichzeitig. Irgendeine wird schon abräumen, hoffen sie. Der elegante Croupier wirft eine weiße Kugel in den sich drehenden Kessel, dann malt er mit dem rechten Arm einen Strich in die Luft: Nichts geht mehr, soll das heißen. Die Kugel bleibt in der Kammer mit der „25“ liegen. Ausgerechnet die haben die Besucherinnen nicht abgedeckt. Die Spielbank gewinnt. Wieder mal. Die Frauen ziehen enttäuscht ab.

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Wer unter der Woche zur Mittagszeit ins Casino am Stadtrand von Venlo fährt, betritt eine flauschige Parallelwelt. Draußen lärmt die nahe Autobahn, drinnen dämpft roter Teppich jedes Geräusch. Abendstimmung den ganzen Tag: Schmeichelndes Schummerlicht im fensterlosen Saal, in der Mitte befindet sich eine schicke Rundbar. Sieht aus wie im Nobelhotel. Vorne am Eingang stehen 45 Spieltische, bis auf ein halbes Dutzend sind sie verwaist. Im hinteren Bereich mehr als 700 blinkende Spielautomaten. Es gibt ein Restaurant und eine Sportbar, die Preise sind moderat – ein Cheeseburger mit Pommes kostet 13 Euro. Vor den Automaten sitzen auffallend viele käffkentrinkende Senioren.

Die Niederlande sind ein Paradies für Glücksspieler – noch

Viele Deutsche fahren in der Hoffnung auf den Jackpot regelmäßig aus der Rhein-Ruhr-Region über die Grenze. Denn die Niederlande sind ein Paradies für Glücksspieler. 13 große Spielbanken locken mit der Aussicht auf plötzlichen Reichtum. Sie gehören zu Holland Casino, einem staatlichen Unternehmen, das das Monopol besitzt aufs Geschäft mit dem Glück.

Zum Vergleich: In NRW leben genauso viele Menschen wie in den Niederlanden, es gibt aber nur fünf Spielbanken – in Duisburg, Dortmund, Monheim, Aachen und Bad Oeynhausen. „In Deutschland liegt die Spielbankregulierung in den Händen der Bundesländer, die Erlaubnisse an staatliche oder private Anbieter vergeben“, sagt Florian Tautz vom Institut für Glücksspiel und Gesellschaft in Bochum zur NRZ. Die NRW-Konzession hat sich vor einigen Jahren die Merkur Group des ostwestfälischen Automatenkönigs Paul Gauselmann (91) gesichert.

Ins Casino nach Bad Oeynhausen? Wer fix in Nimwegen, Eindhoven oder eben Venlo ist, fährt lieber nach Holland, dort ist die Auswahl groß. Tautz zufolge ist die Zockerpendelei „die Konsequenz aus der grundsätzlichen nationalen Regelungsautonomie für den Bereich des Glücksspielrechts“.

Mehr Nachrichten aus den Niederlanden

Jeden Tag kommen Glücksspiel-Touristen in die Niederlande

Die Frage ist, wie lange Spieltouristen den Nachbarn treu bleiben. Denn die Holland-Casinos stehen unter Druck, vor allem aufgrund einer kräftigen Erhöhung der niederländischen Glücksspielsteuer, die der Betreiber auf Einsätze zahlen muss. Im vergangenen Jahr machte der Staatskonzern 10,4 Millionen Euro Verlust. Holland Casino muss sparen.

Mit dem Abbau Hunderter Arbeitsplätze in der Zentrale in Hoofddorp ist es nicht getan: Die bei Nordsee-Urlaubern beliebte Filiale in Zandvoort hat das Unternehmen im Februar dicht gemacht, die Preise in den Casino-Restaurants sollen steigen. In der Spielbank in Enschede experimentieren sie sogar mit Roulettetischen, deren Zahlenring um eine zweite Null erweitert wurde – was die Gewinnchancen der Spieler senkt. Bei Holland Casino sind sie sich darüber klar, dass diese Schritte einige der rund 2,6 Millionen Spieler, die in den ersten sechs Monaten des Jahres 2025 in einen der Standorte kamen, verprellen werden. Ändert aber nichts, die Filialen brauchen mehr Umsatz.

Der „Holland Casino“-Standort in Venlo residiert in einem 2021 eröffneten Prunkgebäude.  
Der „Holland Casino“-Standort in Venlo residiert in einem 2021 eröffneten Prunkgebäude.  © Funke | Jonas Erlenkämper

Wenn die Croupiers in Venlo wissen wollen, wie sich ein halbleeres Casino anfühlt, können sie einfach die frühe Schicht ab 10.30 Uhr übernehmen. Die beiden glücklosen Roulettefrauen sind weg, zurück bleiben fünf Herren und eine Dame in Schwarz, die an ihren Tischen stehen und auf die nächsten Kunden warten. Sie beherrschen die hohe Kunst, trotzdem beschäftigt zu wirken – lassen die Kugel sinnlos rollen, sortieren Chips, gehen auf und ab. Nur ab und zu gähnt einer verstohlen. Erst am Abend wird es richtig voll, dann öffnet das Casino die „High Limit“-Separees für Spieler mit besonders locker sitzender Geldbörse. Nachts kreist die Kugel bis vier Uhr.

Am anderen Hallenende sucht ein älteres Paar das kleine Abenteuer am Automaten. Er und sie sitzen nebeneinander vor der „Mighty Pyramid“, den Rollator hat er im Gang geparkt. Immer wieder werfen sie Münzen ein und warten, dass etwas passiert. Stundenlang. Ums Geld geht es ihnen nicht. Sie kommen ins Casino, damit der Tag nicht so lang wird.

Glücksspiel kann süchtig machen. Wenn Sie selbst unter Spielsucht leiden, kontaktieren Sie bitte umgehend die kostenfreie und anonyme „Infoline Glücksspielsucht“ unter 0800-0776611.