Der Industriebau passt auf den ersten Blick nicht zum Standort Texel, Urlauber-Insel im Norden der Niederlande 30 Fähr-Minuten jenseits des Hafens Den Helder. Der Bau ist funktional, das Äußere metall-grau. Seine Adresse: IJsdijk 7 in Oudeschild, ein Dorf direkt am Wattenmeer. Gegenüber vom Gebäude verläuft der Deich, nebenan liegt ein kleiner Fischer- und Yachthafen. Auf dem vom Gras grünen Deich weiden Schafe – im Angesicht von Watt und Wasser je nach Ebbe und Flut. Im Hafen starten auch Krabbenkutter zur Waddenzee und Noord Zee; je nachdem können Touristen mit. Vom Eiland, 24 Kilometer lang und maximal neun Kilometer breit, steht ein Drittel unter Naturschutz. Weit und breit keine Hochhäuser, dafür Hunderte Vogelarten.  

Bettdecken, Matratzen und mehr

Dass die Fabrik dennoch zur Insel-Idylle passt, liegt daran, was im Gebäude produziert wird: Kuschelig-Feines aus der Wolle heimischer Schafe, konkret Bettdecken, Unterdecken, Matratzen, Topper, Futons, Kopfkissen. @TexelWool steht am 13.500 Quadratmeter großen Gebäude. Die Wolle kommt als Rohware: nachdem die Schafsbauern ihre Vierbeiner, die ganzjährig draußen leben, geschoren und ihres Wollkleides entledigt haben; nachdem der erfahrene Wol-Keurmeester Sjef Beers die „Woll-Ernte“ begutachtet, nach Qualität sortiert und für TexelWool Top-Ware eingekauft hat. „Slaapkomfort van Texeler - beter kun je niet slapen“ ist die Devise von Martijn de Veij, dem Eigentümer von TexelWool.

Senior Martijn de Vries mit Sohn Mats, der TexelWool fortführen soll.
Senior Martijn de Vries mit Sohn Mats, der TexelWool fortführen soll.© Ulrike Wirtz | Ulrike Wirtz

Auf seiner Businesskarte steht „Directeur“. Sein Team besteht aus 20 Kräften. Gattin Diana und Sohn Mats, 20, arbeiten im Betrieb mit. Ein Familienbetrieb, und das soll er bleiben. Für Mats und seine Eltern steht nämlich fest, dass der Junior das Unternehmen mal übernimmt. „Ich fahre gern aufs Festland, gehe dort zur Schule und habe dort Freunde. Aber auf Texel bin ich Zuhause.“ Wie Abertausende von Schafen. Wie sagen die Insulaner heute noch gern: Auf Texel leben mehr Schafe als Menschen. „Das stimmt nicht mehr ganz“, sagt Martijn de Veij. „Aber es sind immer noch 10.000 Schafe. Und 14.000 Einwohner.“ Nicht gerechnet die Lämmer, die alljährlich auf Texel geboren werden und oft als leckerer Lammbraten enden.

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Die Wolltiere sind nicht wegzudenken aus dem täglichen Insel-Leben, begegnen einem auf Deichen am Meer, auf Wiesen im Inselinnern oder bei Schafsbauern wie Lennart Witte, der auf seinem Gehöft Zweibeinern das Lämmerknuddeln ermöglicht, Schafskäse produziert und im Hofladen verkauft. Oder der Hof De Waddel, gegründet 1625, nun bewirtschaftet von Jan Willem Bakker und Wolllieferant von TexelWool. Schafshaltung und Wollverarbeitung haben seit Jahrhunderten Tradition auf Texel, nachdem Bauern die Urahnen der heutigen Tiere einst herbrachten, da genügsamere Nutztiere als Kühe. In Spitzenzeiten kam das Eiland auf 40.000 Schafe. Jan Willem Bakker: „Aktuell haben wir rund 25 Schafsbauern plus einige Hobby-Bauern. Insgesamt produzieren wir hier 20 bis 25 Tonnen Schafswolle pro Jahr.“

Nachhaltige Wärme

Die Insulaner machen daraus Socken, Wärmflaschen-Hussen, dekorative Felle, aus dem Lanolin, dem Fett der Schafswolle, Kosmetik der Marke Noordkroon, und eben Bettdecken etc. in Premiumqualität, fabriziert von TexelWool: „Wir sind der einzige Betrieb vor Ort, der Texeler Wolle im großen Stil verarbeitet. Wir verkaufen unsere Ware in rund 1000 Shops europaweit.“ Er fährt fort: „ Früher war alles Handarbeit. Da haben Frauen auf Texel aus der Wolle Quilts gemacht und dafür vier bis fünf Wochen gebraucht.“ Die generellen Vorzüge von Wolle lägen auf der Hand, meint Sohn Mats: „Sie wärmt und ist nachhaltig, weil die Wolle bei den Schafen immer wieder nachwächst.“ Was die Texeler Wolle besonders gut macht? Der Sohn: „Die Schafe auf Texel leben das ganze Jahr draußen in unserem Klima mit der salzhaltigen Luft, bei Wind, Regen und im Sommer mit der starken Nordsee-Sonne. Das sorgt dafür, dass ihre Wolle auch weiterverarbeitet im Winter schön wärmt und im Sommer angenehm kühlt.“

Wenn Schafswolle zu wärmendem Vlies wird.
Wenn Schafswolle zu wärmendem Vlies wird.© Ulrike Wirtz | Ulrike Wirtz

Zudem stamme die Wolle von einer eigens auf Texel gezüchteten Schafsrasse, Texelaars genannt. Junior Mats: „Die Bauern begannen im 19. Jahrhundert damit, die Schafsrasse de Pielsteert, die seit Generationen auf Texel lebte, mit den Rassen Leicester und Wensleydale aus England zu kreuzen. Die hatten feinere Wolle.“ 1909 war die offizielle Rasse de Texelaar geboren. Vater und Sohn lassen nicht verarbeitete Wollfasern durch ihre Finger gleiten. Der Senior:„Fühl‘ mal, wie soft die sind.“ Stimmt. Er geht ins Detail: „Das Wollkleid der Texelaars ist sehr dick. Die einzelnen Fasern sind aber sehr fein, sehr lang, haben viele Kräuselungen und mikroskopisch kleine Lufttaschen. Die machen sie so leicht und luftig.“

Viel Handarbeit

Doch bevor aus der Wolle der Texelaars im Betrieb von Martijn de Vrij kuschelige Bettware wird, sind diverse Verarbeitungsschritte nötig, die meisten maschinell. Chef Martijn: „Doch manches machen wir noch von Hand.“ Erledigt etwa von Elvira, die mittels Nähmaschine die Reißverschlüsse in Bettdecken und Kissen näht. Das geschieht in der oberen Etage, wo auch alles gefaltet und verpackt wird. In Parterre startet die Fertigung mit Verarbeitung der Rohwolle, die zuvor mit nachhaltigen Mitteln gewaschen und getrocknet wurde. Danach lockern Maschinen, auch made in Germany, die Wollmassen; blasen sie in einer Röhre in eine Richtung, um die Fasern in eine Richtung zu bringen; rauen die Fasern auf, sodass sie aufgeteilt, immer dünner, immer feiner werden.

Schafe gehören zu Texel wie der Wind und die Strände an der Nordsee.
Schafe gehören zu Texel wie der Wind und die Strände an der Nordsee.© Tanja Neumann, vielweib.de | Tanja Neumann

Auf dass luftige Vliese entstehen. Mats de Vrij: „Fassen Sie das Vlies mal an, wie leicht, wie luftig es in der Hand liegt Je dünner die einzelnen Vliese, umso besser die Qualität.“ Die Vliese kommen in mehreren Lagen aufeinander – „bei uns zehn, 15 Schichten. Je mehr, umso teurer“, so Martijn de Vrij. „16 Lagen hat unsere Topqualität. Als Bezugsstoff nehmen wir feine Baumwolle aus Ägypten, gewebt in Deutschland. Für unsere Premiumware Satin.“ So oder so, derart eingemummelt lässt sich nicht nur rauen Nordsee-Nächten trotzen.

Weitere Informationen

Auf der Website von TexelWool gibt es viele weitere Informationen.

Texel bietet im Westen kilometerlange Sandstrände und Dünen, im Inselinnern Wiesen und Felder, im Osten Wattenmeer; dazwischen Dörfer und Gehöfte in typisch-alter Architektur. Weitere Infos zur Insel hier.