Zum Abschied Krawall. So einen Abend werden die Niederlande nicht mehr erleben. Ein ganzes Land macht Schluss mit dem traditionellen Geknalle zum Jahreswechsel. Ein letztes Mal durften die Menschen tun, was viele für ihr Recht halten: Böllern, bis die Ärztin kommt. Ab Silvester 2026/27 soll private Pyrotechnik verboten sein.

Dienstags
Der NRZ-Niederlande-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!
Wichtige Nachrichten und spannende Berichte aus unserem Nachbarland - einmal pro Woche direkt in ihr Postfach.
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Die Regierung wusste, dass ihre – noch nicht umgesetzte – Verbotsankündigung eine Wutwelle auslösen würde. In den letzten Jahren sind Niederländer immer wieder auf die Barrikaden gegangen, um gegen Corona-Beschränkungen, Umweltauflagen für Bauern oder Migration zu protestieren. Die Silvesterfeiern wurden nun zu einem Demokratietest, der ganze Stadtteile ins Chaos stürzte. Chronologie einer dramatischen Nacht.
Auch interessant
Silvester in den Niederlanden: Tumulte im ganzen Land
21.30 Uhr, Breda. Lange vor Mitternacht rückt die Polizei in der Großstadt zu einem gefährlichen Einsatz aus. Heftige Unruhen auf einer Kreuzung im Stadtteil Tuinzigt. Vermummte haben Brände gelegt, ein Auto steht mitten auf der Meidoornstraat in Flammen. Auch ein Stromkasten brennt, die Energieversorgung im Viertel bricht zeitweise zusammen.
23.05 Uhr, Venlo. Das Zentrum der Einkaufsstadt an der deutschen Grenze wirkt wie ausgestorben. In einer Seitenstraße nahe dem Rathaus stehen ein paar Raucher vor einer der wenigen geöffneten Kneipen, drinnen wummert niederländischer Partyschlager. Zwei vielleicht zehnjährige Jungen werfen Knallerbsen auf die Straße. Ein Streifenwagen fährt in Schrittgeschwindigkeit durch die Fußgängerzone. Kein Grund zur Beunruhigung, jedenfalls nicht in Venlo.
23.30 Uhr, Breda. Die Situation spitzt sich zu. Das Auto auf der Straße ist ausgebrannt, auch mehrere Holzpaletten lodern. Die Beamten versuchen mithilfe eines Wasserwerfers, die Ordnung wiederherzustellen. Sie werden mit Raketen beschossen, Unbekannte werfen Steine und Molotowcocktails.
Mehr über Silvester in den Niederlanden
Ein Wahrzeichen Amsterdams geht in Flammen auf
Mitternacht, Venlo. In den Wohnvierteln südlich des Bahnhofs strömen Menschen aus ihren Häusern, um das neue Jahr zu begrüßen. Einige wenige werfen übermütig Böller in Richtung vorbeifahrender Autos, wie die NRZ beobachtet. Andernorts brechen Tumulte aus. Die Notrufnummer ist landesweit überlastet, fast alle Rettungskräfte sind unterwegs. Die Niederländer bekommen eine Alarmnachricht auf ihre Smartphones: „Rufen Sie nur in lebensbedrohlichen Situationen die 112 an.“

0.30 Uhr, Nimwegen. Im Stadtteil Lindenholt ereignet sich ein schlimmes Unglück. Mehrere Menschen stehen auf einer Straße, als eine Explosion einen 16-Jährigen tötet. Wie das passieren konnte, ist unklar. Der beste Freund des Jungen berichtet der Regionalzeitung „De Gelderlander“ später, es gebe Gerüchte: „Manche sagen, es seien Feuerwerkskörper geworfen worden und er sei das Opfer gewesen. Andere sagen, er habe zu nahe dran gestanden.“ Es sei schrecklich. „Ich kann es einfach nicht fassen.“ Die Polizei nimmt einen möglicherweise Beteiligten fest.
0.45 Uhr, Amsterdam-Zentrum. Die Feuerwehr der Metropole erhält einen aufwühlenden Anruf: Der 50 Meter hohe Turm der Vondelkirche brennt lichterloh. Schaulustige beobachten das Inferno. Viele Konzerttouristen kennen das als Veranstaltungszentrum genutzte ehemalige Gotteshaus, dort treten internationale Singer-Songwriter auf. Die „Brandweer“ sperrt die Straße und versucht, das Feuer zu löschen. Zunächst vergeblich. Am Morgen stürzt der Turm mit lautem Knall ein.
1.20 Uhr, Amsterdam-Floradorp. Die Kirche ist nicht der einzige Brandherd in Amsterdam. Die Polizei wird in einen nördlichen Stadtteil gerufen, in dem bereits seit Wochen randaliert wird. In Floradorp protestieren renitente Anwohner gegen eine Entscheidung der grünen Bürgermeisterin Femke Halsema (59), die ein großes „Vreugdevuur“ (Freudenfeuer) aus Sicherheits- und Umweltschutzgründen abgesagt hatte, das bislang traditionell in der Silvesternacht entzündet worden war. Aus Ärger legen sie mehrere kleine Brände, angesichts der vielen Tatorte bekommen die Beamten die Anstifter nicht zu fassen. Die Zeitung „Het Parool“ schreibt von einem „Katz-und-Maus-Spiel“, das die Wutbürger mit den Uniformierten veranstalten.

2.15 Uhr, Aalsmeer. Ein weiterer Todesfall, diesmal in Aalsmeer südlich von Amsterdam. Ein 38-jähriger Mann stirbt zuhause, als ein Sprengkörper explodiert. Die Polizei ermittelt, wie es dazu kam.
Polizei zieht eine Bilanz des Schreckens
3 Uhr, Venlo. Während in einigen Orten nach Angaben von Augenzeugen kriegsähnliche Zustände herrschen, geht die Silvesternacht in Venlo friedlich zu Ende. Auch in anderen grenznahen Städten wie Winterswijk passiert wenig. Dort ist das Konzept der Verwaltungen aufgegangen. In Tilburg gab es erstmals eine Lasershow vorm Rathaus, um die Leute vom Böllern abzuhalten.
11 Uhr, Amsterdam-Zentrum. Erst jetzt gibt die Feuerwehr Entwarnung: Der Turmbrand sei vollständig gelöscht. Ein Zaun versperrt den Zutritt zur Ruine. Immerhin muss das Kirchenschiff Statikern zufolge nicht abgerissen werden. Bürgermeisterin Halsema zeigt sich betroffen. „Die Anwohner mussten mit Schock und Entsetzen ansehen, wie ihre vertraute und geliebte Vondelkerk nach anderthalb Jahrhunderten durch ein verheerendes Feuer zerstört wurde“, sagt sie. Amsterdam habe ein bedeutendes Denkmal verloren.

12 Uhr, Den Haag. Die Polizei zieht eine erschreckende erste Bilanz. „Letzte Nacht ist es zu vielen Bränden, Zerstörungen und Gewalttaten gekommen“, sagt der stellvertretende niederländische Polizeichef Wilbert Paulissen (63). „Ein Supermarkt wurde geplündert und Polizisten wurden mit Molotowcocktails, schweren Feuerwerkskörpern und Pflastersteinen beworfen.“ Zahlreiche Autos gingen in Flammen auf, bei Groningen verwüstete ein Brand eine Sporthalle. Für die Feuerwehr war es eine Rekordnacht: 4286 Einsätze – noch mehr als letztes Jahr, und da war es auch schon schlimm.
Für eine endgültige Bilanz ist es zu früh. „Die Folgen dieser Silvesternacht“, weiß Paulissen, „werden sich erst in den kommenden Tagen wirklich zeigen.“





