Ein breiter Sandstrand tief im Westen der Niederlande, in der Provinz Zeeland. Nieuwvliet-Bad ist ein Feriendorf wie aus einem Werbeprospekt des Tourismusbüros. Vor allem Familien kommen her, auch im Winter. Eltern lassen ihren Nachwuchs unbesorgt am Meer spielen, während sie selbst in einem der Strandcafés sitzen. Doch neuerdings müssen sich Urlauber fragen, ob Nieuwvliet-Bad ein lebensgefährlicher Ort ist.

Dienstags

Der NRZ-Niederlande-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Wichtige Nachrichten und spannende Berichte aus unserem Nachbarland - einmal pro Woche direkt in ihr Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Den Eindruck erwecken jedenfalls niederländische Zeitungen. Dort erschienen in den letzten Tagen beunruhigende Artikel mit Titeln wie „Kind findet ,schönen Stein‘ – dann fängt das Ding an zu brennen“. Bei besagtem Klumpen handelte es sich offenbar um Phosphor, eine gefährliche Chemikalie, die zu Kriegszeiten für den Bau von Brandbomben verwendet wurde. Die zuständige Feuerwehr von Cadzand warnt: Wer solche Brocken am Strand finde, solle sie keinesfalls einstecken, denn getrockneter Phosphor sei hochentzündlich. Was ist da los in Zeeland?

Junge findet seltsamen Stein an niederländischem Strand

Marijn van den Hemel verbringt viel Zeit an der Küste, aber so einen komischen Stein wie neulich hat er noch nie gesehen. Der Enddreißiger betreibt zusammen mit seiner Partnerin das „Woest 17“, ein gemütliches Lokal mit Blick aufs Meer. Fisch und Fritten gibt es für 23 Euro, ein kleines gezapftes Bier für 3,70. Er war dabei, als der Klumpen in Flammen aufging. Seine Hütte wäre fast abgebrannt.

Mehr Neuigkeiten für Nordsee-Fans

Es war Anfang Januar. Ein „Jongetje“, ein kleiner Junge also, sei mit einem auffälligen gelben Stein vom Strand in den Pavillon gekommen, wo seine Eltern warteten. Als der Stein überraschend anfing zu qualmen, habe der Vater dem Kind geraten, ihn raus auf die Terrasse zu legen, erinnert sich van den Hemel. Was dort passierte, haben zwei Überwachungskameras vor dem „Woest 17“ aufgezeichnet: Ein Raucher stupste das mysteriöse Teil neugierig mit der Fußspitze an – sofort fing es Feuer. Binnen Sekunden brannte der Stein ein Loch in die Bodenbretter. Der Raucher ging weg und tat, als habe er nichts gesehen.

Belgier entsorgten Munition im Meer

Marijn van den Hemel ist dieser Tage ein gefragter Gesprächspartner. In mehreren Interviews hat er seine Sicht geschildert. Nicht das erste Mal, dass so etwas in Nieuwvliet-Bad passierte. 2019 brannte plötzlich der Kinderwagen einer Familie, nachdem die Kinder merkwürdige rote und grüne Steine im Sand gefunden und im Wagen verstaut hatten. Wundersamerweise wurde niemand verletzt, das Baby saß nicht im Buggy. Die Familie war trotzdem geschockt.

Die Ursachensuche führt über die nahe belgische Grenze zu einem Untersee-Bombenfriedhof, knapp einen Kilometer entfernt von der Strandpromenade des Badeorts Knokke-Heist. Die Ozeanographin Tine Missiaen kennt sich damit aus: „Vor der Küste von Heist befindet sich verborgen im Meeresgrund eine Müllhalde für alte Munition aus dem Ersten Weltkrieg“, schrieb die Wissenschaftlerin vom Flämischen Meeresinstitut VLIZ in Ostende bereits vor einigen Jahren in einer Analyse.

Nach Kriegsende 1918 habe die belgische Regierung vor dem Problem gestanden, wie sie zigtausende Tonnen zurückgelassener Munition loswerden sollte. Also ließ sie ungezählte Kisten mit Bomben, Giftgasgranaten und anderen Waffen auf Boote packen und von dort ins Meer werfen, so Missiaen. Mindestens 35.000 Tonnen Munition, niemand weiß, wie viel genau. „Die Aktion erweckte kaum Aufsehen und geriet schnell in Vergessenheit.“

Munitionsräumung am Strand von Rerik
Diese verrostete Kriegsmunition wurde in der Ostsee gefunden.© dpa

Phosphor in Nord- und Ostsee

Nun tauchen einige der Altlasten offenbar wieder auf – in Zeeland. Bereits vor sieben Jahren kam eine belgische Behörde zu dem Schluss, dass der rostende Kriegsschrott den Sprengstoff TNT freigebe. Ob und wie sich Urlauber schützen können, wissen sie in Kiel, wo die Initiative „Expertenkreis Munition im Meer“ sitzt. Dort haben sie vor allem die Situation an der deutschen Ostsee im Blick, wo Feriengäste beim Bernsteinsammeln immer mal wieder eine heiße Überraschung erleben. Während des Zweiten Weltkriegs sollen über der Ostsee mehr als 4000 Brandbomben abgeworfen worden sein.

„Phosphor kann Bernstein zum Verwechseln ähnlich sehen“, sagt eine Sprecherin am Telefon. In Nieuwvliet-Bad schauen die bislang angespülten Teile jedoch anders aus, schillernd wie Mineralien. Das Phosphor-Problem ist in den Niederlanden im Vergleich mit Rügen oder Usedom relativ unbekannt. Der Stoff werde freigesetzt, sobald die Munitionshüllen nach langer Zeit im Wasser durchrosten, so die Expertin.

„Wenn Spaziergänger ihn in die Hosentasche stecken, entzündet er sich und wird zu einer klebrigen Masse, die kaum gelöscht werden kann.“ 1300 Grad Celsius werden diese Bomben-Innereien heiß. Wer Strandgut sammeln wolle, solle vermeintliche Steine in ein Glas oder einen Blecheimer legen – „im Notfall kann man den einfach fallen lassen“.

Bernstein an der Ostsee
Wenn Spaziergänger am Strand vermeintlichen Bernstein finden, kann es sich tatsächlich um Phosphor handeln.© dpa | Stefan Sauer

Bombenschrott ist im Meeresboden versunken

Dass der belgische Schrottfriedhof nach dem jüngsten Vorfall geräumt wird, ist unwahrscheinlich. „Die Bergung der Munition ist zwar technisch möglich, aber eine äußerst kostspielige und gefährliche Sache, die mit großen Risiken für das Personal und die Umwelt verbunden ist“, so Ozeanographin Tine Missiaen. Der Meeresboden habe die Munition im Lauf der Jahrzehnte überlagert. „Seit dem Ausbau des Zeebrügger Hafens Ende der 1970er- und Anfang der 1980er-Jahre hat sich der Strömungsverlauf drastisch verändert. Das führte zu einer bedeutenden Sedimentablagerung im Gebiet der entsorgten Munition.“

Marijn van den Hemel und die Gäste seiner Strandhütte sind mit dem Schrecken davongekommen. Als sie das starke Feuer auf der Terrasse bemerkten, stürmten sie aus dem Lokal, richteten einen Feuerlöscher auf das brennende Ding und verhinderten so, dass die ganze Bar in Flammen aufging. „Glück gehabt“, sagt van den Hemel. Er hofft, dass der Bombenfriedhof keine weiteren Höllengeschenke preisgibt. Mehr als hoffen kann er nicht.