Jedes Jahr feiern sie den Tag der Befreiung. Das Ende der Besatzung durch das Nazi-Regime und das Ende des Zweiten Weltkriegs, das sich nun jährt, ist in zahlreichen europäischen Ländern ein wichtiger Gedenktag. In den Niederlanden fiel die Erinnerung an die Befreiung auf den 5. Mai – ab September 1944 hatte sich die Front der alliierten Streitkräfte immer weiter durch Holland bewegt und nach und nach Städte und Dörfer befreit.

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Die Retter wurden von den Niederländern mit großer Freude empfangen. Fotos und Videos aus der Zeit zeigen Menschenmassen auf der Straße, die Fahnen schwenken und die Soldaten willkommen heißen. Doch mit der Befreiung begann ein anderes, dunkles Kapitel der niederländischen Geschichte: die Vergeltung. Für die sogenannten Moffenmeiden – junge Frauen, die eine Beziehung zu einem deutschen Soldaten hatten – begann ein Martyrium.

Niederländische Soldaten-Freundinnen wurden geschoren

Eine, die schon seit Beginn der 2000er-Jahre zu dem Thema forscht, ist die niederländische Historikerin Monika Diederichs. Hunderttausende Frauen seien wohl betroffen gewesen. „Es ist schwer zu sagen, wie viele Frauen es wirklich waren, weil viele nie darüber gesprochen haben. Ich schätze aber, dass es rund 130.000 bis 150.000 Frauen waren.“ Ihnen seien schlimme Dinge passiert. „Sie wurden aus ihren Häusern gezerrt und auf der Straße oft mit vorgehaltener Waffe durch die Menge zu einem öffentlichen Platz getrieben. Auf dem Weg wurden sie bespuckt und beschimpft. Danach wurden ihnen die Köpfe kahl geschoren. Oft wurden die Haare auch einfach ausgerissen.“

After the liberation NSB-ers and moffenmeiden are brought in
Niederländinnen nach Kriegsende: „Die Frauen wurden misshandelt und vergewaltigt.“© Sepia Times/Universal Images Group/Getty Images

Es gibt zahlreiche Fotografien solcher Szenen, entstanden in mehreren niederländischen Städten. Für ihre Recherchen hat Diederichs mit vielen ehemaligen Moffenmeiden gesprochen. Es blieb nicht beim Kopfrasieren, sagt Diederichs. „Die Frauen wurden misshandelt, vergewaltigt, mussten Intim-Untersuchungen über sich ergehen lassen, stellenweise mit Stöcken, tagelang. Ihnen wurde gesagt, sie müssten sich die Unterhosen gar nicht erst wieder anziehen.“

Erste Liebe mit einem Soldaten

Die meisten Frauen waren jung, im Durchschnitt Anfang 20. Laut den Untersuchungen der Historikerin waren manche erst im Teenageralter und haben in einem Wehrmachtssoldaten ihre erste Liebe gefunden. Viele seien unpolitisch gewesen. Alle Frauen, mit denen sie gesprochen habe, hätten einen klaren Unterschied gemacht zwischen den Besatzern, die sie ablehnten, und „ihrem“ Deutschen als Individuum.

Die Frauen sollten, so glaubt Diederichs, büßen für den durch Zerstörungen und Hunger entstandenen Frust der Nachkriegszeit. Sie seien ein Ventil für Rachegefühle der Gesellschaft gewesen.

Die Frauen wurden misshandelt, vergewaltigt, mussten Intim-Untersuchungen über sich ergehen lassen.

Monika Diederichs, Historikerin

Doch nicht nur das. Viele Männer, die sich an vermeintlichen Kollaborateurinnen vergingen, seien wahrscheinlich eifersüchtig gewesen. Die Frauen hatten es gewagt, niederländische Männer links liegen zu lassen und haben sich stattdessen für einen Deutschen entschieden. „Viele Frauen gaben an, bei Verhören explizit dazu befragt worden zu sein, warum es ein Deutscher sein musste anstatt eines Niederländers.“ Diederichs sagt, es könne gut sein, dass die Männer aus einer Art nationalem Anspruch auf die Frauen gehandelt haben.

Kinder von Besatzern erlebten Anfeindungen

Auch in Frankreich und Norwegen kam es nachweislich zu öffentlichen Volkstribunalen mit systematischen Übergriffen gegen Frauen und Kinder deutscher Besatzer. Die norwegische Regierung hat mittlerweile um Entschuldigung gebeten. In den Niederlanden ist man weit davon entfernt. Monika Diederichs glaubt zu wissen, warum das Land dieses Kapitel nur zurückhaltend aufarbeite: „Viele Männer, die das damals getan haben, waren im Krieg Teil des Widerstandes – und die Erinnerung an den Widerstand ist heilig. Niemand darf etwas gegen den Widerstand sagen, das kommt in den Niederlanden ganz schlecht an.“

Mehr zur Rolle der Niederlande im Krieg

In der Nachkriegszeit kam es zu Ausschreitungen, in mehreren Städten zog ein Mob durch die Straßen. Das seien keine spontanen Aktionen gewesen. Bereits in den letzten Kriegsjahren habe der Widerstand lange Listen geführt von Frauen und Mädchen, die Umgang mit deutschen Soldaten hatten, so die Historikerin, die selbst ein sogenanntes Moffenkind ist. „Es musste nicht einmal ein romantisches Verhältnis sein“, sagt sie. „Oft hat es gereicht, wenn jemand ein Gespräch zwischen einer Niederländerin und einem Deutschen auf der Straße beobachtet hat.“

Viele Moffenkinder, also Kinder, deren Väter deutsche Besatzer waren, hätten ihr Leben lang Anfeindungen erlebt und seien aus der Gesellschaft ausgeschlossen worden. Viele haben bis heute das Gefühl, nicht dazuzugehören.

Die Geschichte der Moffenmeiden ist ein blinder Fleck in der niederländischen Erinnerungskultur – einer, der lange verdrängt wurde, weil er nicht in das Selbstbild von Heldentum und moralischer Eindeutigkeit passt. Die Gewalt gegen diese Frauen war kein Randphänomen, sondern Ausdruck kollektiver Wut. Solange diese Geschichten keinen festen Platz im kollektiven Gedächtnis haben, bleibt die Erinnerung an die Befreiung für viele Niederländerinnen und Niederländer unvollständig.