Benno Tempel seufzt. Jeden Morgen, wenn er durch den Hoge-Veluwe-Nationalpark zur Arbeit fährt. Kein Wunder, der Mitte 50-Jährige hat wohl einen der schönsten Arbeitsplätze, die man sich so vorstellen kann. Mitten im Wald, umgeben von Kunstwerken, die jeden Tag viele Menschen in ihren Bann ziehen.

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Vor etwa zweieinhalb Jahren übernahm Tempel die Leitung des Kröller-Müller-Museums im niederländischen Otterlo. Damit kehrte er aus Den Haag zurück in seine Heimatregion. „Es gibt nur wenige Museen auf der Welt wie das Kröller-Müller-Museum“, schwärmte er bei Amtsantritt. „Eine wunderschöne Sammlung, eine wunderschöne Landschaft mit dem umliegenden Park.“

Kröller-Müller-Museum
So sieht das Kröller-Müller-Museum in Otterlo von außen aus.© Kröller-Müller-Museum | Marjon Gemmeke

Das Museum beherbergt nach dem Van-Gogh-Museum in Amsterdam die weltweit zweitgrößte Sammlung des niederländischen Künstlers. Was wenige wissen: Seine Existenz verdankt das Museum einer Deutschen.

Helene Kröller-Müller, geboren im 19. Jahrhundert im Ruhrgebiet, hinterließ diese bedeutende Sammlung. In Essen ist sie trotz einer nach ihr benannten Straße fast vergessen. Hinter den verglasten Wänden des Kröller-Müller-Museums ist sie allgegenwärtig.

Es gibt nur wenige Museen auf der Welt wie das Kröller-Müller-Museum.

Benno Tempel
Benno Tempel, Direktor

Ihr Name steht am Eingang, ihre Sammelleidenschaft prägt die Wände und die Philosophie des Hauses. Sie beeinflusse noch heute die Auswahl neuer Gemälde, so Benno Tempel. „Für sie war ein Künstler auf derselben Ebene wie ein Dichter oder ein Philosoph. Und das spürt man auch in der Sammlung.“ Wer ist die Essenerin, die sich mit ihrer Kunstsammlung unsterblich machte?

Wer war Helene Kröller-Müller aus Essen?

Helene Müller wird 1869 als drittes Kind von Mutter Emilie und dem erfolgreichen Unternehmer Wilhelm Müller in Essen-Horst geboren. Mit sieben zieht sie nach Düsseldorf, wo ihr Vater ein Eisenerz- und Kohleunternehmen gründet.

Van-Gogh Stifterin in Steele geboren
Helene Müllers Geburtshaus in Essen.© FUNKE Foto Services | Dirk A. Friedrich

Die junge Helene liest in ihrer Jugend Goethe, Lessing und Schiller – für Malerei interessiert sie sich kaum. Mit 18 Jahren heiratet sie den Niederländer Anton Kröller. Das Paar zieht nach Rotterdam, wo Anton einen Unternehmenszweig der Firma „Müller & Co.“ leitet. Ein Jahr später stirbt Helenes Vater – ihr Mann wird mit 27 Jahren neuer Geschäftsführer. Unter seiner Leitung wächst der Betrieb international und wirft hohe Gewinne ab.

Das Familienunternehmen macht Helene zur wohlhabenden Frau

Anton verlegt das Hauptquartier nach Den Haag. Dort genießt Helene das Leben einer reichen Unternehmergattin. Zur Jahrhundertwende zählt sie zu den wohlhabendsten Frauen der Niederlande – aber das reicht ihr nicht. Sie wünscht eine eigene Identität, unabhängig von ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter.

Im Jahr 1905, Helene ist 36 Jahre alt, nimmt sie mit ihrer Tochter Kunstgeschichte-Stunden bei dem renommierten Tutor H. P. Bremmer. Es ist ein Wendepunkt in ihrem Leben – die Kunst zieht sie in ihren Bann, mit Bremmer als persönlichem Berater startet sie ihre eigene Sammlung. „Er war mein erster Minister, und an seiner Seite fühlte ich mich wie eine Königin“, beschreibt Helene ihn später in einem Brief.

Neue Ausstellung zeigt gesamte Van-Gogh-Sammlung

Mit der Ausstellung „Van Gogh – All Our Paintings“ präsentiert das Kröller-Müller vom 15. September 2026 bis 3. Januar 2027 erstmals seit 1984 sämtliche Gemälde Vincent van Goghs aus der eigenen Sammlung gemeinsam. Die Schau vereint insgesamt 88 Werke und bietet Besucher*innen einen einzigartigen Überblick über van Goghs künstlerische Entwicklung.

Als Frau in einer männerdominierten Kunstwelt

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Kunstwelt eine Männerdomäne. Als Ausnahmeerscheinung in der Kunstsammler-Szene sammelt Helene Keramik, antike Möbelstücke und asiatische Kunst.

Weil sie ihre Sammlung durch moderne Kunstwerke ergänzen will, kauft Helene 1908 bei einer Auktion das Gemälde eines bis dahin noch unbekannten Künstlers, Vincent van Gogh. Das Gemälde „Waldrand“ erwirbt Helene für 110 Gulden, was damals wenigen Tausend Euro entspricht. Heute werden Van-Gogh-Gemälde für bis zu 100 Millionen Euro versteigert.

Helene Kröller-Müller
Helene Müller zog mit ihrem Mann Anton Kröller in die Niederlande.© Kröller-Müller Museum | HO

Die Liebe zur Kunst von Vincent van Gogh

Für Helene bleibt es nicht bei einem seiner Gemälde. In der folgenden Zeit kauft sie weitere seiner Werke, darunter „Korb mit Zitrone und Flasche“, über welches sie später schreibt: „Wenn ich Van Goghs Zitronen verstehen will, stelle ich mir einfach ein paar Zitronen daneben vor – so, wie ich sie sehe – und dann spüre ich den gewaltigen Unterschied.“

Van Goghs Arbeiten werden zum Herzstück ihrer Sammlung. Über die nächsten Jahre kauft sie insgesamt 88 Gemälde und 172 Arbeiten auf Papier. Ihr Budget ist quasi unendlich und ihre Sammlung wächst auf fast 11.500 Kunstobjekte.

Der Wunsch nach einem Vermächtnis

Als sich Helene mit Anfang 40 einer gefährlichen Bauchoperation unterziehen muss, entsteht in ihr der Wunsch nach einem Vermächtnis, das nicht nur ihr, sondern vielen Menschen dient. Überlebt sie die Operation, möchte sie ein Museum eröffnen.

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Und so kommt es. Während sie früher ihre Gemälde nach persönlichen Vorlieben erwarb, fokussiert sie sich nach überstandener OP auf eine Sammlung, die der Gemeinschaft gefällt. Gemeinsam mit ihrem Mann erwirbt sie ein gut 6000 Hektar großes Gebiet in der Veluwe, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet der Niederlande.

Dort will Helene ein eindrucksvolles Gebäude für ihr eigenes Museum bauen lassen. Als die Firma „Müller & Co.“ jedoch 1922 in finanzielle Schwierigkeiten gerät, wird der Bau abgebrochen.

Kröller-Müller-Museum
Das Kröller-Müller-Museum ist ein Geheimtipp für Kunstinteressierte.© Kröller-Müller-Museum | Marjon Gemmeke

Helene eröffnet 1938 ihr eigenes Museum

Helene lässt schließlich ein „Übergangsmuseum“ erbauen, das am 13. Juli 1938 seine Türen öffnet. Sie wird die erste Museumsdirektorin und erfüllt sich einen Lebenstraum. Lange genießen kann sie ihn jedoch nicht. Am 14. Dezember 1939, nur anderthalb Jahre nach Eröffnung, stirbt Helene im Alter von 70 Jahren. Ihr Sarg wird im Museum zwischen ihren geliebten Van-Gogh-Gemälden aufgebaut.

Heute sieht Museumsdirektor Benno Tempel täglich Hunderte Besucherinnen und Besucher durch die hellen Gänge des Kröller-Müller-Museums laufen. Über die Jahre wurde es mehrmals erweitert, im Vergleich zu seinem großen Bruder in Amsterdam ist es aber doch klein gehalten. Das verleihe dem Museum sein eigenes Flair, so Tempel. „Man kann mit der Nase ganz nah an die Gemälde heran“, sagt er. „Es ist quasi, als hätte man eine Verabredung mit Vincent.“

Transparenzhinweis: Die Recherche zu diesem Text wurde von der Tourismusagentur NBTC unterstützt.