Als Ismael Saibari (25) im mexikanischen Monterrey den siegbringenden Elfmeter verwandelte, war das fast 9000 Kilometer entfernt der Anpfiff für eine dramatische Nachspielzeit. Zahlreiche euphorisierte Marokko-Fans zog es am frühen Dienstagmorgen unserer Zeit auf die Straßen von Den Haag. Sie hatten ihre Emotionen nicht unter Kontrolle.

Dienstags

Der NRZ-Niederlande-Newsletter: Jetzt kostenlos anmelden!

Wichtige Nachrichten und spannende Berichte aus unserem Nachbarland - einmal pro Woche direkt in ihr Postfach.

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

In Schilderswijk, einem multikulturellen Stadtteil mit hoher Arbeitslosenquote, kam es zu Ausschreitungen. Fans bewarfen Polizisten mit Feuerwerkskörpern und Steinen, schossen mit einer Luftdruckpistole. Beamte setzten einen Wasserwerfer ein und nahmen 13 Personen fest, so die Polizei.

Mit Schlagstöcken bewaffnete Beamte stellen sich den randalierenden Anhängern entgegen.
Mit Schlagstöcken bewaffnete Beamte stellen sich den randalierenden Anhängern entgegen.© AP/dpa | Mouneb Taim

Krawalle nach Marokko-Sieg in den Niederlanden

Anderswo rissen harmlose Autokorsos Anwohner aus dem Schlaf. In Amsterdam, Utrecht und Den Haag fuhren Anhänger der marokkanischen Mannschaft hupend durch die Gegend. In Arnheim hatte Bürgermeister Ahmed Marcouch unter Verweis auf die nächtliche Uhrzeit Marokkaner ausdrücklich darum gebeten, das nicht zu tun. Aber Ruhestörungen waren angesichts der punktuellen Gewalt nur ein kleines Problem.

Holland ist am Dienstag (30. Juni) von dieser Fußball-Weltmeisterschaft ausgeschieden. Es war ein denkwürdiges Weiter-oder-Raus-Spiel gegen einen besonderen Gegner. Eine Paarung, bei der manche Sportkommentatoren reflexhaft „ausgerechnet“ rufen. Ausgerechnet Marokko. In dem Nordseeland leben Hunderttausende Menschen mit marokkanischen Wurzeln. Die meisten von ihnen oder jedenfalls ihre Väter und Großväter kamen während eines Anwerbeabkommens zwischen 1960 und 1973 als Gastarbeiter.

Auch interessant

Niederlande-Populist Geert Wilders hetzt gegen Muslime

Manche sind bestens in die niederländische Gesellschaft integriert. Ahmed Marcouch etwa, der Arnheimer Bürgermeister. Geboren vor 57 Jahren in einer nordmarokkanischen Küstenstadt, aufgewachsen in Amsterdam, seit neun Jahren Stadtoberhaupt von Arnheim. Andere leben von Sozialleistungen. Marokkanische Jugendbanden fallen immer wieder durch Straftaten auf, im Volksmund hat sich der Begriff „Mocros“ etabliert, umgangssprachlich und eher abwertend für Marokkaner.

In Großstädten wie Amsterdam und Utrecht haben heute mehr als acht Prozent der Einwohner marokkanische Wurzeln. Das gefällt nicht jedem. Der Rechtspopulist Geert Wilders feuerte die Rivalität zuletzt an, als er zu einem Bild betender marokkanischer Spieler auf der Plattform X pestete: „Fuck Allah“.

Ich bin stolzer Marokkaner, aber auch stolzer Niederländer.

MUNICH, GERMANY - OCTOBER 08: Noussair Mazraoui of FC Bayern München looks on during the Bundesliga match between FC Bayern München and Sport-Club Freiburg at Allianz Arena on October 08, 2023 in Munich, Germany. (Photo by Alexander Hassenstein/Getty Images)
Noussair Mazraoui, marokkanischer Nationalspieler

Ob integriert oder nicht – das WM-Spiel schauten alle. Die marokkanische Diaspora in den Niederlanden ist eine der größten in Europa. Es war, als ob Deutschland gegen die Türkei ran gemusst hätte.

Drei marokkanische Spieler wurden in den Niederlanden geboren

Drei marokkanische Spieler waren besonders motiviert. Ex-Bayern-Defensivspezialist Noussair Mazraoui (28, aus Leiderdorp), Anass Salah-Eddine (24, aus Amsterdam) und Sofyan Amrabat (29, aus Huizen) wurden in den Niederlanden geboren. Auch wenn sie in Jugendakademien großer niederländischer Vereine ausgebildet wurden, seien sie in erster Linie Marokkaner, stellte Nationaltrainer Mohamed Ouahbi (49) klar. Es sei zwar ein „sehr seltsames Gefühl“, auf ein Land zu treffen, das „einem auch etwas gegeben hat, das einem ebenfalls wichtig ist“. Sentimentalitäten zählten gegen Oranje jedoch nicht.

Kein Zufall, dass das Trio für Marokko aufläuft. In die Niederlande entsandte Späher helfen dem Fußballverband seit den 2010er-Jahren, Talente mit Migrationshintergrund zu entdecken und sie davon zu überzeugen, für Marokkos Nationalteam anzutreten. Die Entscheidung für die Heimat seiner Eltern sei keine Abkehr von seinem Geburtsland, betonte Mazraoui. „Ich bin stolzer Marokkaner, aber auch stolzer Niederländer.“

Dieser Fan im Hakimi-Trikot hat die Siegesfeier übertrieben und wird abgeführt.
Dieser Fan im Hakimi-Trikot hat die Siegesfeier übertrieben und wird abgeführt.© AP/dpa | Mouneb Taim

Sein Trainer sieht es ähnlich. Ouahbi kam im Großraum Brüssel zur Welt und kann sich in seine Spieler hineinversetzen. „Belgien ist ein Land, das mir wichtig ist.“ Die einzigen Male, da er die belgische Mannschaft als Fan nicht unterstützt habe, sei bei Spielen gegen Marokko gewesen. „Das bedeutet nicht, dass ich das Land, in dem ich geboren wurde, nicht liebe.“

Auch in Belgien wissen sie um die Brisanz

Hollands kleiner Benelux-Nachbar weiß, dass Den Haag trotz der Ausschreitungen glimpflich davon gekommen ist. Mit fast einer halben Million stellen die Marokkaner und ihre Nachkommen die größte Zuwanderergruppe in Belgien. Knapp 90 Prozent von ihnen haben einen belgischen Pass, marokkanische Läden prägen in manchen Brüsseler Vierteln das Stadtbild.

Einen sensationellen 2:0-Sieg der Nordafrikaner gegen Belgien bei der WM 2022 nahm eine randalierende Minderheit von Belgo-Marokkanern zum Anlass, richtig zu eskalieren. Autos brannten, die Polizei nahm mehr als 100 Personen fest. Im Vergleich ging es nun in Den Haag beinahe friedlich zu.