Showmaster und Genie, Kettenraucher und Choleriker: Rudi Carrell war über Jahrzehnte eine prägende Fernsehfigur. In seinen besten Zeiten versammelte er 30 Millionen Menschen vor den Bildschirmen. Hinter der Kamera galt er als schwierig. Vor 20 Jahren, am 7. Juli 2006, starb Carrell († 71).

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Sein inoffizieller Nachfolger als TV-Holländer ist der niederländische Comedian und Kabarettist Patrick Nederkoorn (42). Wie hat er Carrell wahrgenommen? Wir erreichen Nederkoorn im Zug zwischen Leipzig, wo er eine Folge von „Olafs Klub“ mit Olaf Schubert (58) aufgezeichnet hat, und seinem Wohnort Arnheim.

Herr Nederkoorn, auch zwei Jahrzehnte nach seinem Tod gilt Rudi Carrell vielen Deutschen als Held der Unterhaltungsindustrie. Wird er in den Niederlanden auch so verehrt?

Interessant, dass Ihr das so wahrnehmt. Rudi Carrell ist ein deutsches Phänomen – in den Niederlanden kennt ihn niemand unter 40. Bei den Älteren ist das anders. Carrell hat seine Karriere Ende der 50er-Jahre im niederländischen Fernsehen begonnen, dadurch ist er populär geworden. Als dann das deutsche Fernsehen auf ihn aufmerksam wurde, zog er komplett in die Bundesrepublik und ist in seiner Heimat nicht mehr oft aufgetreten. Das führte dazu, dass er bei nachfolgenden Generationen in Vergessenheit geriet. Die Älteren haben ihm seinen Wegzug aus den Niederlanden übel genommen.

Seine Abwanderung wurde zum Politikum?

Viele empfanden sie als Schlag. Carrells Verhältnis zu Holland erinnert mich an das zu einer Ex, mit der man sich zerstritten hat und nicht mehr viel zu tun haben will.

Holland-Kabarettist Patrick Nederkoorn
Patrick Nederkoorn hat sich von Carrell den Perfektionismus abgeschaut. Um in Deutschland Erfolg zu haben, hat der Comedian einen Sprachkurs am Goethe-Institut belegt und ist von Amsterdam ins grenznahe Arnheim gezogen.© FUNKE Foto Services | Christian Creon

Wird drüben überhaupt über Carrell gesprochen?

Nur ganz selten, wenn eine Straße nach ihm benannt wird oder als vor ein paar Jahren eine Carrell-Statue in seiner Geburtsstadt Alkmaar eingeweiht wurde. Wenn Medien heute über ihn berichten, geht es meistens um Enthüllungen aus seinem Privatleben. Um Vorwürfe seiner Tochter und früherer Mitarbeiter, die behaupten, Carrell habe sich ihnen gegenüber schlecht verhalten. Oder niederländische Musiker beschweren sich in der Presse, dass er sich Melodien für seine Spaßlieder ausgeliehen hat, ohne zu fragen. Heute würde man sagen: Er hat geklaut.

Weggefährten berichten von Machogehabe und Wutausbrüchen im Studio.

Ich treffe manchmal Sascha Korf und Bernd Stelter, die beide mit ihm zusammengearbeitet haben. Auch mein Agent hat früher als Autor für Carrell gearbeitet. Mit ihnen spreche ich oft über ihn. Nach meinem Eindruck war Carrell eine ambivalente Persönlichkeit. Einerseits hat er Talente gefördert und ihnen eine große Chance gegeben, wenn er sie zum Beispiel zu „Sieben Tage, sieben Köpfe“ holte. Andererseits war er ein komplizierter Mensch, der sehr aufbrausend werden konnte. Carrell war es immer wichtig, das Beste für die Show herauszuholen.

Rudi Carrell in einem Sketch für «Rudis Tagesshow»
Timing war ihm wichtig: Rudi Carrell und die Schauspielerin Beatrice Richter drehen im Sommer 1982 eine Szene für die „Tagesshow“.© dpa | Dieter Klar

Wann haben Sie realisiert, dass Ihr Landsmann hier so eine große Nummer ist?

Bei meinem ersten Auftritt in Deutschland. Das war 2019 in Bremen, wo Carrell seinen Wohnsitz hatte. Ich lief vor der Show durch die Stadt und sah in einem Geschäft einen lebensgroßen Carrell-Pappaufsteller. Menschen aus dem Publikum sprachen mich nach dem Auftritt auf ihn an. Erst da merkte ich, wie beliebt er hier ist. Vorher hatte ich Carrells Namen mal gehört, wusste aber fast nichts über ihn. Ich habe mir, als ich aus Bremen zurück nach Hause kam, seine Biografie gekauft, weil ich mehr über diesen Mann erfahren wollte. Heute ist mir klar, dass ich mir viel von ihm abschauen kann.

Inwiefern?

Er hat seinen Wechsel nach Deutschland akribisch vorbereitet. Bevor seine „Rudi-Carrell-Show“ startete, ist er sechs Wochen lang kreuz und quer durch Deutschland gefahren, um das Land kennenzulernen und zu ergründen, was die Deutschen bewegt. Das hat mich gelehrt: Ein Comedian muss das Land kennen, in dem er auftritt.

Haben Sie noch etwas von ihm gelernt?

Die Erkenntnis, dass man seinen Bühnentext auswendig kennen muss, um sich davon lösen zu können, stammt von ihm – auch wenn er sie nicht exklusiv hatte. Niemand hat es so schön gesagt wie Carrell: „Witze kann man nur dann aus dem Ärmel schütteln, wenn man sie vorher hineingesteckt hat.“ So ist das in der Entertainment-Branche – wenn die Leute denken, eine Szene sei improvisiert, steckt tatsächlich viel Arbeit dahinter.

Jemanden wie ihn wird es nie wieder geben.

Patrick Nederkoorn, Comedian, über Rudi Carrell.

Welche Rolle spielte Carrells Holländer-Deutsch für seinen Erfolg?

Eine große. Mein Akzent ist echt, ich spreche wirklich so wie auf der Bühne. Aber Carrell konnte perfekt Deutsch, seinen typischen Akzent hat er fürs Fernsehen kultiviert. Man darf nicht vergessen, dass es nach dem Krieg, als Carrells Karriere begann, kaum Ausländer im deutschen Fernsehen gab. Heute assoziieren die Deutschen mit Holland Urlaub, einen lustigen Akzent und ein sympathisches und lockeres Auftreten. Das hat auch mit dem Wirken Rudi Carrells zu tun.

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Gibt es noch etwas, das von ihm bleibt?

Ich habe darüber nachgedacht, zu genau dieser Frage eine TV-Sendung zu machen. Über die kulturelle Bedeutung, die er für Deutschland hatte und hat. Ich glaube nicht, dass es mal einen jungen Comedian geben wird, der in seine Fußstapfen tritt und das Publikum in ähnlicher Weise hinter sich vereint – das Unterhaltungsgeschäft ist heute viel fragmentierter als zu Carrells Zeit. Jemanden wie ihn wird es nie wieder geben.