Carrell und die Deutschen
Rudi Carrell lernte die Deutschen zunächst von ihrer unangenehmsten Seite kennen – nämlich als Nazis. 1940 waren die Niederlande von Hitler-Deutschland überfallen und besetzt worden. Eine Schreckensherrschaft begann. Rudis Eltern versteckten fast ein Jahr lang eine Jüdin, Tante Jo, auf dem Dachboden ihres winzigen Hauses in Alkmaar – dafür hätten sie selbst ins KZ kommen können.

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942 dann ein folgenschweres Missgeschick: Der acht Jahre alte Rudi stürmt ins Haus und ruft: „Tante Jo, komm mal runter!“ Zu spät bemerkt er: Im Nebenzimmer hält sich gerade ein Nachbar auf, der nun Verdacht schöpft. Deshalb wird Tante Jo schweren Herzens weggeschickt. Sie überlebt die Besatzung in einem anderen Versteck.
Carrell und das Fernsehen
Nach dem Krieg ging Rudi Carrell – der eigentlich Rudolph Wijbrand Kesselaar hieß – bei seinem Vater, dem Alleinunterhalter Andries Kesselaar, in die Lehre, machte im niederländischen Fernsehen Karriere und kam 1965 nach Deutschland.
Dort war Fernsehunterhaltung noch eine Mischung aus buntem Abend und Bildungsbürgerquiz. Der holländische Schlaks mit den vorstehenden Zähnen und dem zerknautschten Gesicht änderte dies von Grund auf. Seine Samstagabend-Show „Am laufenden Band“ hatte in den 70ern bis zu 30 Millionen Zuschauer.
Carrell und die Frauen
Rudi Carrell starb elf Jahre vor Beginn der „MeToo“-Bewegung im Jahr 2017. Sein Verhalten gegenüber Frauen würde heute kaum noch toleriert. Anzügliche Bemerkungen gehörten für ihn zum Umgangston, mitunter kniff er sogar in Brüste. Wenn es dann Ärger gab, war seine Standard-Ausrede: „Man darf doch wohl mal einen Scherz machen!“

Seine Tochter Annemieke erzählte Carrells Biografen Jürgen Trimborn, die Emanzipation sei an ihrem Vater spurlos vorübergegangen. „Als er auf dem Sofa bei ,Wetten, dass..?‘ neben Alice Schwarzer saß und plötzlich einen Büstenhalter aus dem Jackett zog, war ich richtig baff und konnte minutenlang gar nicht glauben, dass er das jetzt wirklich gemacht hat.“
Carrell und die schlechten Manieren
Rudi Carrell war alles andere als ein „lockerer Holländer“. Im Gegenteil, er selbst bezeichnete sich als klassischen Preußen. Damit meinte er seine Arbeitswut und Disziplin. Von seinem Stab erwartete er vollen Einsatz, regelmäßig riss ihm der Geduldsfaden.
Seine Wutausbrüche waren so schlimm, dass das Aufnahmeteam von „Am laufenden Band“ einmal sogar in den Streik trat – wenige Tage vor der nächsten Show. „Daraufhin hat er uns alle in ein Top-Lokal eingeladen und sich entschuldigt“, berichtet Thomas Woitkewitsch, damals einer seiner engsten Mitarbeiter. Carrell selbst bekannte im Rückblick: „Ich war im Studio ein widerliches Arschloch.“
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Carrell und sein privater Rückzugsort
1975 kaufte sich Rudi Carrell ein altes Landgut bei Bremen, das in den darauffolgenden Jahren von seiner Frau Anke aufwendig hergerichtet wurde. Diese Umbau- und Renovierungsmaßnahmen finanzierte er im Wesentlichen mit den Einnahmen aus seiner Werbekampagne für eine große deutsche Supermarktkette. Weshalb er das Herrenhaus gern auch als „Casa Edeka“ bezeichnete. (dpa/joe)




