Die Frau, die über den Aufstand der Insulaner spricht, trägt grüne Flipflops. Marloes Fopma kommt mit dem Fahrrad zum vereinbarten Treffpunkt, der begehbaren Kunstinstallation „De Streken“ auf Terschelling. Die 40-Jährige kann erklären, was gerade los ist in ihrer Heimat. „Es ist das erste Mal“, sagt Fopma, „dass sich die Bewohner der Inseln zusammenschließen und für eine gemeinsame Sache kämpfen.“

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Der Vogelstreit fing vor einigen Wochen an, erzählt sie. Da berief die niederländische Wasserbehörde Rijkswaterstaat eine Reihe von Informationsveranstaltungen auf den Wattenmeer-Inseln ein. Vertreter der Behörde hätten Karten auf den Tisch gelegt, aus denen hervorging, dass mehrere der schönsten Naturgebiete des Wattenmeers für Menschen komplett gesperrt werden könnten. Damit bedrohte Vogelpopulationen nicht gestört werden.
Touristeninseln sollen also Touristen aussperren. Klar, dass Fopma das nicht gefällt. Sie empfindet die Tür-zu-Pläne als unverhältnismäßig und ziemlich radikal.
Vogelstreit auf den Niederlande-Inseln
Fopma schiebt ihr Fahrrad nun durch den Dorfkern von Oosterend. In Vorgärten flattern auffällige Fahnen im Wind, in Fenstern rechts und links der Straße kleben Protestplakate. „Wij zijn de Wadden“ steht darauf. Es ist der Leitspruch derer, die dem Staat den Vogel zeigen wollen: Wir sind das Wattenmeer, finden sie. Wir wissen selbst, was für unsere Insel das Beste ist – nicht die Behördenmenschen im fernen Den Haag. Die inselübergreifende Bürgerinitiative hat Marloes Fopma zur Wortführerin gemacht. Ihr Ziel sei es, die Sperrungen zu verhindern, sagt sie.

Ausflug ins Texeler Naturschutzgebiet
Um einen Eindruck davon zu bekommen, wovor die Wasserbehörde Vögel konkret schützen möchte, fährt die NRZ rüber nach Texel. Hier werden Vogelfans im grauen Minibus ins Naturschutzgebiet De Slufter gekarrt.
Der Fahrer parkt am Rand eines schmalen Feldwegs. Eine Handvoll Damen und Herren mit Strohhüten und Kappen auf den Köpfen steigt aus und schlendert munter plaudernd einen Dünenweg hinauf. Die Touristen nehmen teil an einem geführten Ausflug des Anbieters „Vogelexcursies Texel“. Sie wollen möglichst viele Vogelarten sehen, deshalb sind sie da.

Sie stapfen vorbei an einem Transparent, das sie auffordert, Rücksicht auf Jungvögel zu nehmen und nicht über Zäune zu klettern („Bescherm de jonkies“). Nach wenigen Minuten erreichen sie auf dem Sandberg eine kleine Aussichtsplattform, den „Vogelkijkpunt“.
Unter einem Sonnensegel sitzt ein ehrenamtlicher Aufpasser, auf seinem Shirt steht „Vrijwilliger“. Als das Grüppchen kommt, erhebt er sich und verteilt Ferngläser. Die Exkursionsteilnehmer schauen hindurch und sehen neben grasenden Wildpferden lauter „Wadvogels“, die auf einer weiten Wiese herumhüpfen und ihr Gefieder putzen. Gutgelauntes Gemurmel. So müssen sich Ornithologen das Paradies vorstellen.

Aus Sicht der Rijkswaterstraat-Experten stören solche Besuchergruppen die Vögel, sie berufen sich auf Studien. De Slufter ist eine Salzwiesenlandschaft im Norden Texels. Echte Geheimtipps gibt es auf dieser Insel längst nicht mehr, aber eine Oase der Stille sind die 700 Hektar allemal. Infotafeln nur auf Niederländisch, viel Platz zum Spazierengehen. De Slufter soll den Plänen nach ab 2028 abgeriegelt werden. Ebenso wie Naturgebiete auf Terschelling (Boschplaat), Vlieland (Vliehors), Ameland (Hon) und Schiermonnikoog (Balg). Niemand dürfte mehr rein, die Vögel wären unter sich.
Eilandmeisje führt durch Terschellings Natur
Schön fürs Getier, schlecht fürs Geschäft. Marloes Fopma nennt sich selbst „Eilandmeisje“, Inselmädchen, und führt Touristen durch die Terschellinger Natur. „Wir befürchten, dass Urlauber wegbleiben, wenn große Teile unserer Inseln nicht mehr zugänglich sind. Wir Inselbewohner sind wirtschaftlich auf den Tourismus angewiesen.“
Mein Sohn ist neun Jahre alt. Ich möchte, dass er die Natur kennenlernt.
Marloes Fopma
Sie verstehe nicht, warum es Vögeln allzu sehr schaden solle, wenn Wanderer Strandgut sammelten oder nach Wattwürmern grüben. Das seien Bräuche, die auf Terschelling von Generation zu Generation weitergegeben würden. Ein Stück Freiheit, das nun in Gefahr sei. Fopma schreibt deshalb Meinungsbeiträge in der Lokalzeitung, sammelt Proteststimmen, strebt ein Gerichtsurteil an. „Mein Sohn ist neun Jahre alt. Ich möchte, dass er die Natur kennenlernt. Dass er selbst eines Tages seinen Kindern das Watt zeigen kann. Das ist mein Antrieb.“
Zuletzt ist Rijkswaterstraat, offenbar überrascht vom heftigen Widerstand der Insulaner, zurückgerudert und hat Kommunikationsfehler eingeräumt. Es gebe zwar Pläne für eine „ökologische Sanierung“ – Entscheidungen seien aber noch nicht getroffen worden, so ein Sprecher. Fopma traut den Beteuerungen nicht: „Wir hören Gerüchte, dass es nicht bei den Naturschutzgebieten bleiben soll. Dass deren Schließung nur der erste Schritt wäre. In Phase zwei könnte die ganze Dünenlandschaft gesperrt werden.“
Klingt nach übertriebener Sorge vor einem finsteren Plan, zeigt aber ihr Misstrauen gegen Staat und Behörden. Fopma ist damit nicht allein.
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Das Gespräch mit ihr hat länger gedauert, im Taxi geht es eilig quer über die Insel zum Hafen, wo bald die letzte Fähre Richtung Festland ablegt. In der Frontscheibe des Wagens klebt ein kleines „Wij zijn de Wadden“-Plakat. Die Taxifahrerin erzählt, sie sei als Tochter eines Fischers auf Terschelling aufgewachsen. Dass sie im Sommer sechs Tage die Woche am Lenkrad sitze, weil in der Hauptsaison so viel zu tun sei. Und dass sie an ihrem freien Tag gerne in den Dünen spazieren gehe, weil sie Ruhe wolle. „Die Boschplaat ist für uns Einheimische ein wichtiges Erholungsgebiet. Der Staat“, meint sie, „hat kein Recht, uns auszusperren.“





