Wolfgang Krause startet früh in den Tag. Sehr früh. „Meistens stehe ich gegen 4.15 Uhr auf“, erzählt der 62-Jährige, nur um dann fast entschuldigend hinzuzufügen: „Das ist dem Bergbau geschuldet.“ Dabei befindet er sich seit 13 Jahren im Vorruhestand, aber mal ganz ehrlich, „mit 49 Jahren war ich doch viel zu jung für Stillstand“, sagt er. Deshalb hat er sich damals sofort nach einer neuen Aufgabe umgesehen, hat sich bei Kollegen umgehört und ist so bei der Tafel Kamp-Lintfort gelandet. Erst war er Fahrer, jetzt ist er Koordinator. Und obwohl es ein Ehrenamt ist, kommt er vier Tage in der Woche, „manchmal auch fünf“, überlegt er, und ja, es ist durchaus von Vorteil, dass er ein Frühaufsteher ist. Denn zu tun gibt‘s immer reichlich.

Durchschnittlich 110 Kisten gibt die Tafel in Kamp-Lintfort dienstags und freitags aus. Dafür braucht es natürlich auch reichlich Lebensmittel. „Bis jetzt haben wir immer genug“, sagt Wolfgang Krause. Und das bleibt hoffentlich so... „Toi, toi, toi!“ Doch damit alle Produkte auch in den Kisten landen können, sitzt er schon morgens, „so gegen 6 oder 6.30 Uhr“, am Telefon. Welches Geschäft in der Umgebung hat etwas übrig, was befindet sich im Verteilzentrum in Moers? Und wovon hat die Tafel selbst vielleicht zu viel? „Letztens hatten wir drei Paletten Toastbrot“, erzählt er. „In solchen Fällen kontaktiere ich dann andere Tafeln, ob sie etwas davon gebrauchen können.“ Und, das betont er, auch der Austausch mit „Foodsharing“ funktioniert gut.

Lebensmittel aus Supermärkten retten

Anke Sczesny nickt. „Ein Ziel ist immer die Lebensmittelrettung“, betont sie, „deshalb ist es wichtig, dass wir auch untereinander alle vernetzt sind.“ Als hauptamtliche Koordinatorin der Tafel Kamp-Lintfort, die zur Grafschafter Diakonie gehört, ist sie verantwortlich für Finanzielles, Organisatorisches, kurz: „Alles, um Herrn Krause den Rücken frei zu halten!“ Denn nachdem er seine morgendlichen Telefonate geführt hat, geht‘s für ihn gleich weiter. Kaffeekochen, Frühstückmachen... wobei, heute übernimmt das ausnahmsweise mal Elke Herrmann, die gerade Brötchen für die Ehrenamtlichen schmiert. „Ich wollte schon immer zur Tafel“, erklärt sie. Früher war sie selbstständig, deshalb sollte ihr Ehrenamt im Ruhestand eine Teamarbeit sein.

Anke van der Veen (li.) und Anke Sczesny sind hauptberuflich für die Tafel Kamp-Lintfort zuständig.
Anke van der Veen (li.) und Anke Sczesny sind hauptberuflich für die Tafel Kamp-Lintfort zuständig.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

„Und das ist ein tolles Team!“, betont sie. „Ich genieße das richtig.“ 31 Ehrenamtliche sind bei der Tafel Kamp-Lintfort tätig, elf von ihnen als Fahrerinnen und Fahrer. Letztere machen sich nach einer kurzen Besprechung mit Wolfgang Krause gegen 8 Uhr auf den Weg, um die Ware von den Supermärkten oder aus dem Verteilzentrum abzuholen. Manchmal fahren sie auch zu Landwirten – entweder, weil sie ebenfalls Lebensmittel spenden, „heute beispielsweise haben wir extrem viel Gemüse“, sagt er, oder aber, weil sie die anfallenden Grünabfälle oder altes Brot gebrauchen können. Und während die einen draußen unterwegs sind, arbeiten die anderen drinnen.

Tütengeld bei der Tafel Kamp-Lintfort

Waren müssen eingeräumt, Kisten müssen gepackt werden... Es ist kein leichter Job, das muss Wolfgang Krause zugeben, auch wenn sie seit einem Jahr einen elektronischen Hubwagen haben. „Das ist eine enorme Entlastung!“ Dennoch müssen die Ehrenamtlichen zwischendurch immer mal wieder schwere Kisten schleppen. Das macht ihr, Angelika Wennrich, aber nix aus! Wie lange sie schon hier ist? Puh, überlegt sie, „seit 20 Jahren.“ Als sie noch berufstätig war, kam sie nur ein Mal in der Woche, „mittlerweile bin ich jeden Tag hier.“ Sie lacht. „Das habe ich auch nicht geplant!“ Aber viel Zeit zum Quatschen hat sie auch nicht, schon wuselt sie wieder zwischen den gestapelten Kisten herum.

Die Kisten bei der Tafel Kamp-Lintfort sind bereits gepackt.
Die Kisten bei der Tafel Kamp-Lintfort sind bereits gepackt.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

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„Heute gibt‘s noch Kartoffeln dazu“, ruft die 66-Jährige, während sie schon die nächsten Sachen einpackt. Kefir, Marmelade, Camembert, Grießpudding kommen an diesem Tag in die „Mischwarenkiste“, während Lauch, Rhabarber, Nektarinen, Paprika in der „Obst- und Gemüsekiste“ landen. „Wir sind immer bestrebt, einen vernünftigen Gegenwert fürs Tütengeld zu bieten“, erklärt Wolfgang Krause. Haushalte bis zu vier Personen zahlen drei Euro, ab fünf Personen sind es vier Euro. Dass es überhaupt einen Preis gibt, hat auch einen Grund, wie Anke Sczesny erklärt: „Damit die Leute als Kunden verstanden werden.“ Wobei, das fügt sie schnell hinzu, „wenn man sich das nicht leisten kann, bekommt man trotzdem seine Tüte.“

Die Scham der Älteren

Zumindest, wer durch den Bürgergeld- oder auch Rentenbescheid nachweisen kann, auf die Tafel angewiesen zu sein. Aktuell sind es vor allem Ukrainerinnen und Ukrainer, wie Wolfgang Krause erzählt, einige Studierende, „aber auch Ältere sind stark bei uns vertreten.“ Doch gerade bei jenen, die von Altersarmut betroffen sind, ist die Scham groß. Deshalb freut er sich besonders, dass sie seit 2023 immer donnerstags ein Seniorencafé anbieten können. „30 ältere Herrschaften kommen dann, die nie freiwillig zur Tafel gegangen wären“, erzählt er. Erst frühstücken sie zusammen, später erhalten sie dann noch eine Tasche voller Lebensmittel. Und wer den Weg aus gesundheitlichen Gründen nicht auf sich nehmen kann, bekommt die Tasche auch nach Hause gebracht.

Tafel Kamp-Lintfort

Die Tafel Kamp-Lintfort wurde 2003 von der Grafschafter Diakonie gGmbH – Diakonisches Werk Kirchenkreis Moers gegründet und befindet sich bis heute in deren Trägerschaft.

Die Tafel versorgt 700 Ein- oder Mehrpersonenhaushalte in Kamp-Lintfort mit Lebensmitteln des täglichen Bedarfs. An den Ausgabetagen dienstags und freitags ab 11.30 Uhr suchen rund 110 Nutzende die Tafel auf. Die Tendenz ist steigend.

Bei der Tafel Kamp-Lintfort arbeiten 31 Ehrenamtliche und das ist ein Glücksfall, betont Wolfgang Krause, „wir können uns wirklich nicht beklagen.“ Immerhin ist die Personallage bei anderen Tafeln wesentlich schwieriger.

Um das in die Jahre gekommenen Lieferfahrzeugs zu ersetzen, ist die Tafel auf Spenden angewiesen: IBAN DE 19 3506 0190 0000 2052 06, BIC GENODED1DKD, Verwendungszweck: Tafel Kamp-Lintfort, Kontoinhaber: Grafschafter Diakonie gGMBH.

Dieser Tag aber ist ein „normaler“ Ausgabetag. Draußen warten schon die ersten Menschen, darunter eine Frau am Rollator, die Wolfgang Krause mit ihrem Namen begrüßt. „Alle bekommen die gleiche Ware, aber trotzdem stehen hier manche schon um halb sieben.“ Das weiß er nur allzu gut, klar, weil er selbst ja schon um die Uhrzeit da ist. Und weil es bis zum Feierabend gegen 14 Uhr noch etwas dauert, gibt‘s jetzt noch schnell einen Kaffee und dann geht‘s gleich weiter.