Für manche sind sie eine praktische Alternative für die Mobilität in der Stadt, für andere sind sie ein Ärgernis: E-Scooter spalten die Gemüter. Angesichts von bundesweit fast 12.000 Unfällen, die im vergangenen Jahr von der Polizei registriert wurden, mehren sich die Forderungen nach einer verpflichtenden kleinen Fahrausbildung oder gleich nach einem Führerschein für E-Scooter.
Befeuert wird diese Debatte durch eine aktuelle Studie der Björn-Steiger-Stiftung, wonach 45,3 Prozent der Unfälle Alleinunfälle waren. Die E-Scooter-Branche sieht andere Probleme.
Mehr Unfälle mit E-Kleinfahrzeugen 2025 im Kreis Wesel
Allein im Kreis Wesel hat die Kreispolizei bis zum 10. Oktober insgesamt 109 Verkehrsunfälle unter Beteiligung von Elektrokleinstfahrzeugen jeglicher Art, darunter E-Scooter, registriert. Im Vergleich zum gesamten Jahr 2024 sind die Unfallzahlen deutlich gestiegen. Im Jahr 2024 hat die Polizei im Kreis Wesel 94 entsprechende Verkehrsunfälle dokumentiert.
Wie die Polizei im Kreis Wesel auf Anfrage mitteilte, wurden dieses Jahr die meisten Verkehrsunfälle mit E-Kleinstfahrzeugen in den Monaten August und September mit jeweils 17 Unfällen registriert. In den Monaten Mai und Juni wurden jeweils 14 Verkehrsunfälle im gesamten Kreisgebiet verzeichnet. Seit Anfang Oktober gab es bis dato nur einen Unfall mit einem E-Kleinstfahrzeug.
Unfallforscher fordert E-Scooter ab 15 Jahren und nur mit Moped-Führerschein
Bei keinem anderen Verkehrsmittel sei die Alleinunfallquote so hoch wie bei E-Scootern, sagte Unfallforscher Siegfried Brockmann von der Björn Steiger Stiftung der Deutschen Presseagentur. Das liege vor allem an der geringen Stabilität der Fahrzeuge. Auch durch die kleinen Räder könne bereits das Überfahren von abgesenkten Bordsteinen oder Wurzeln zu einem Sturz führen. Brockmann forderte daher größere Räder, mindestens zehn Zoll sollte der Durchmesser betragen statt der üblichen acht.
Bisher ist Scooter fahren ab 14 Jahren ohne Nachweis von Kenntnissen der Straßenverkehrsordnung erlaubt, bemängelt Brockmann. Es müsse mindestens eine Mofa-Prüfbescheinigung oder ein Mopedführerschein AM verlangt werden. Damit erhöhe sich die Altersbegrenzung automatisch auf 15 Jahre.
Brockmann forderte zudem schärfere Polizeikontrollen, da Fahrer häufig alkoholisiert verunglückten. Für eine immer wieder geforderte Helmpflicht auf dem Scooter sah der Forscher aber keine ausreichende Datengrundlage.
Das gilt beim E-Scooter-Fahren
Wer E-Scooter fahren möchte, muss mindestens 14 Jahre alt sein. Ein Führerschein ist nicht erforderlich. Laut ADAC dürfen E-Scooter nur mit Straßenzulassung auf Radwegen, Radfahrstreifen und in Fahrradstraßen gefahren werden. Fehlt diese, muss die Fahrbahn genutzt werden; Gehwege sind tabu. Eine Helmpflicht gibt es nicht. Es wird aber empfohlen, einen Helm zu tragen. Es gelten die gleichen strikten Promillegrenzen wie beim Autofahren: Ab 0,5 Promille drohen Bußgelder und Fahrverbote. Für private E-Scooter benötigen Fahrer außerdem eine Haftpflichtversicherung, die durch eine Plakette am Roller nachgewiesen wird.
ADAC-Experte: Oft selbstverursachte Unfälle mit geliehenen Fahrzeugen
Der Forderung nach verpflichtenden Verkehrsausbildungen für E-Scooter widerspricht der ADAC-Verkehrsexperte Roman Suthold. „Aber man könnte die Betreiber anhalten, im Rahmen der Registrierung digitale Schulungen anzubieten, die vor der ersten Nutzung über das Fahren mit E-Scootern aufklären“, sagte er der NRZ.
Bei den Unfallzahlen sei auffällig, dass 80 Prozent der Unfälle von den Fahrern selbst verursacht wurden, so Suthold weiter. „Meist passieren sie abends nach dem Feiern und häufig sind dabei Alkohol oder Drogen im Spiel. Das zeigt sich auch darin, dass zwei Drittel der Unfälle mit Leihfahrzeugen passieren.“ Ein klassisches Unfallszenario sei dabei ein betrunkener Fahrer, der gegen einen Bordstein fährt und dann über den Lenker fällt.
E-Fahrzeug-Verband beklagt Vorurteile und ungerechte Behandlung
Auch der Vorsitzende des Bundesverbands Elektrokleinstfahrzeuge, Lars Zemke, spricht sich gegen verpflichtende Verkehrsschulungen aus. Angesichts der großen Zahl der mittlerweile in Deutschland zugelassenen privaten E-Scooter sei diese Debatte ungerecht den Fahrern mit eigenen Fahrzeugen gegenüber. Laut dem Gesamtverband der Versicherer (GdV) waren zu Jahresbeginn 990.000 E-Scooter zugelassen. 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der Leihfahrzeuge (210.000) sei jedoch nur um 8 Prozent gewachsen.
Gerade private Nutzer schätzen die schnelle, unkomplizierte und niedrigschwellige Nutzbarkeit der E-Scooter, sagt Zemke. Vorurteile über „Halbstarke, Touristen und Betrunkene“, die mit den Fahrzeugen unterwegs seien, „werden häufig auch als Argument für eine verpflichtende Verkehrsprüfung angeführt, um das Unfallrisiko zu senken“, so Zemke.
Das hält er jedoch für unverhältnismäßig und schädlich für die Niedrigschwelligkeit der Nutzung. Zudem gebe es keine belastbaren Zahlen, die eine langfristige Wirksamkeit solcher Prüfungen belegen würden, meint Zemke.
Lesen Sie mehr zum Thema E-Scooter
- Düsseldorf denkt über weitere E-Scooter-Regeln nach
- E-Scooter: Langsam-Fahr-Zonen zum Schutz von Fußgängern
- E-Scooter-Anbieter ziehen positive EM-Bilanz in NRW
- E-Scooter als Stolperfalle: Das unterschätzte Unfallrisiko
- Jugendliche und E-Scooter: Worauf Eltern achten müssen
- NRW: Kritik an E-Scooter-Verboten in Bus und Bahn
E-Scooter-Anbieter sieht viele Unfälle bei privaten Nutzern
Zemke betont, dass gerade private Nutzer sorgsamer mit ihrem Fahrzeug umgehen als Nutzer von Leihrollern. „Sie laden sie zu Hause, stellen sie ordnungsgemäß ab und verfügen in der Regel über mehr Fahrpraxis und Routine im Umgang mit ihrem Scooter.“
Anbieter von E-Scootern widersprechen hier. Der Großteil der Unfälle sei auf private Nutzer zurückzuführen, sagt ein Sprecher des Unternehmens „Voi“. „Diese unterliegen in der Regel keiner regelmäßigen Wartung und erfüllen häufig nicht die gleichen technischen und sicherheitsrelevanten Standards wie Fahrzeuge im Sharing-Betrieb.“ Die eigene Flotte werde dagegen regelmäßig überprüft und gewartet.
Doch auch „Voi“ ist gegen eine Führerscheinpflicht. Diese würde die Verkehrswende ausbremsen. „Wichtiger als neue Hürden ist Aufklärung und Bewusstseinsbildung“, so der Sprecher. Deshalb setze man auf Schulung und Sensibilisierung, etwa mit der eigenen Online-Fahrschule „RideSafe Academy“ und Kampagnen mit der Deutschen Verkehrswacht oder dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat.
Das Unternehmen „Dott“ befürwortet ebenfalls freiwillige Schulungsangebote. Jugendliche ab 14 sollte man früh den verantwortungsvollen Umgang mit E-Scootern beibringen, so ein Sprecher. Zusätzlich sollte eine „ganzheitliche Verkehrserziehung“ kostenlos im schulischen Rahmen stattfinden. Bereits im vergangenen Jahr habe man daher einen Kurs an einem Düsseldorfer Gymnasium gegeben und plant weitere Angebote.
Auch interessant
Bundesregierung beschließt höhere Strafen für E-Scooter-Fahrer
Die Bundesregierung hatte kürzlich schärfere Regelungen für E-Scooter beschlossen. So sollen auch Bußgelder für das Fahren auf Gehwegen auf das Strafniveau von Radfahrern angepasst werden und somit auf 25 Euro steigen. Ebenfalls 25 Euro soll künftig das Fahren mit mehreren Personen auf einem Fahrzeug kosten. Städte und Gemeinden sollen zudem Regeln zum Abstellen von E-Scootern festlegen können. Ab 2027 sollen alle E-Scooter zudem verpflichtend mit Blinkern ausgerüstet werden. Die neue Verordnung soll im nächsten Schritt im Bundesrat beraten werden.



