Sascha Strachowitz ist nervös. Es ist 4 Uhr morgens, als er angespannt im Bett liegt und nicht mehr einschlafen kann. Er schaut auf sein Handy und sieht: Der Abstand, den er und seine Freundin Julia Pelzer sich bis Mittwochabend aufgebaut hatten, um das neue NRZ-Königspaar des Ruhrgebiets zu werden, wird von Minute zu Minute kleiner. Klar, hinter der Konkurrenz aus Duisburg-Walsum steht ein deutlich größerer Schützenverein als hinter ihnen, dem Königspaar der St. Sebastianus Schützenbruderschaft Duisburg-Rahm. Trotzdem will er nicht aufgeben. Er glaubt noch an den Sieg – und setzt alle Hebel in Bewegung.

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„Familie, Freunde, Freunde von Freunden, mein alter Sportverein, andere Schützenvereine... Ich kann gar nicht sagen, wie viele Leute wir an diesem Tag kontaktiert haben“, erzählt der 49-Jährige am nächsten Tag im Gespräch mit der NRZ. Denn wer sich die NRZ-Königspaar-Krone aufsetzen will, muss so viele Menschen wie möglich für sich in der Online-Abstimmung gewinnen. Und die Duisburger Paare erweisen sich als besonders ehrgeizig.

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Stimmenjagd in Fanclubs und im Krankenhaus

„Ein befreundeter Arzt ist in seinem Krankenhaus herumgelaufen und hat dort Werbung für uns gemacht.“ Freunde des Paares sammeln sogar in ihren Werder-Bremen- und St.-Pauli-Fanclubs Stimmen für die beiden. Eine Stunde vor Ablauf der Zeit wächst das Punktekonto von Sascha und Julia beinahe im Sekundentakt – doch trotzdem droht es nicht zu reichen.

Denn Tobias und Katrin Wischert vom BSV 1856 Walsum holen weiter auf, ziehen immer wieder mit dem Paar gleich und überholen es schließlich. Sascha läuft auf und ab in dem gemütlich eingerichteten Wohnzimmer in seinem Rahmer Reihenhaus, „aber ich habe es irgendwann nicht mehr Zuhause ausgehalten und bin nach draußen gestürmt.“ Er läuft Richtung Schloss Heltorf, hier geht er gerne mit seiner Freundin spazieren. Doch diesmal kann er seine Augen kaum von seinem Handy abwenden. Er wechselt hin und her, zwischen Gruppenchats und der Live-Tabelle.

NRZ-Königspaar: Duisburger zittern bis zur letzten Sekunde

Julia ist derweil auf dem Weg zu ihrem Job bei einem Optiker. Um 12 Uhr beginnt ihre Schicht – genau dann soll sich entscheiden, wer das neue NRZ-Königspaar aus dem Ruhrgebiet ist. Eine Minute vor Schluss haben die Walsumer acht Stimmen Vorsprung. Julia ist am Boden zerstört, schreibt direkt eine tröstende Nachricht an ihren König. Dann laden beide die Seite neu: Gleichstand. Beide Paare haben 896 Stimmen. Die Zeit ist abgelaufen. „Was passiert denn bei einem Unentschieden?“, fragt sich Julia und aktualisiert die Seite noch einmal. Die allerletzten Stimmen laufen ein. Fünf weitere für das Paar aus Rahm. Das endgültige Ergebnis steht fest: 901 zu 896.

„Da haben erst mal meine Beine schlapp gemacht und ich musste mich hinsetzten“, erzählt Sascha lachend. „Es hätte kaum knapper laufen können, aber wir haben es tatsächlich doch noch geschafft“, sagt er mit einem breiten Grinsen. Er holt sein Handy raus und öffnet WhatsApp. „Diese Sprachnachricht habe ich danach an unsere Unterstützer geschickt“, kündigt er an und drückt auf „Abspielen“. „Rahmen hat das Ding gerockt. Ich danke allen, die sich so fleißig daran beteiligt haben. Ich bin komplett durch“, zeigt sich Sascha völlig überwältigt, während seine Stimme immer zittriger wird. Mit einem „Dankeschön! Es grüßt der heulende König“ endet die Ansage. Selbst am nächsten Tag, als er die Sprachnachricht vorspielt, bekommen er und Julia noch feuchte Augen.

Zum ersten Mal Schützenkönig

Der neue Titelgewinn ist für die beiden Duisburger das erste große Highlight ihrer Regentschaft. Auf dem Thron sitzen sie schließlich erst seit wenigen Wochen. Am 7. September hatte Sascha beim Königsschießen mitgemacht und zum ersten Mal den Vogel abgeschossen. Seine Freundin Julia nahm er sofort zur Königin. Beide sind zwar in Duisburg-Huckingen groß geworden, hatten sich aber schnell aus den Augen verloren. „Bei einem Schützenfest vor zwei Jahren haben wir uns dann nochmal neu kennengelernt und sind schließlich auch zusammengekommen“, erzählt der 49-Jährige.

Das Schloss Heltorf in Düsseldorf. Hier geht das Duisburger Paar gerne spazieren.
Das Schloss Heltorf in Düsseldorf. Hier geht das Duisburger Paar gerne spazieren.© FUNKE Foto Services | Lars Heidrich

Mit der Wahl seiner Königin habe er ihr einen kleinen Lebenstraum erfüllt, sagt Julia gerührt, die selbst Mitglied der Ernestine Kompanie in Huckingen ist. „Ich bin im Schützenverein groß geworden, meine Mutter war vor 40 Jahren Königin, mein Vater vor 20 Jahren König. Als kleines Mädchen habe ich immer davon geträumt, auch mal Königin zu werden“, erzählt die 47-Jährige und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht.

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Eigene Bruderschaft, eigene Regeln

Sascha selbst ist erst seit ein paar Jahren im Schützenverein aktiv. „Ich bin immer gerne auf Schützenfeste gegangen, war aber nie Mitglied, weil ich diese grünen Anzüge nicht mochte. Als ich mich damit einmal mehr vor meinem Nachbarn, dem Brudermeister unseres Vereins, dafür rechtfertigen musste, hat er mir gesagt, ich solle doch einfach meine eigene Kompanie mit eigener Kleiderordnung gründen.“ Gesagt, getan. Seit 2019 ist der Duisburger in der Augustinerkompanie des Schützenvereins aktiv. Und die ist optisch ganz leicht von den anderen Kompanien zu unterscheiden: Statt schwarz-grüner Schützenuniform tragen die Mitglieder bayerische Lederhosen, weiße Hemden und dunkelblaue Westen.

80 Paare im Duell

Zum zweiten Mal hat die NRZ wieder drei Königspaare des Jahres gekrönt. Diesmal mit königlicher Unterstützung von König Pilsener. Von Juni bis Oktober haben sich hier 80 Schützenpaare vom Niederrhein, dem Ruhrgebiet und aus Düsseldorf miteinander gemessen. Dabei galt von Juni bis Oktober: Wer die meisten Stimmen sammelt, kommt ins Finale. Pro Kategorie mussten hier die beliebtesten zehn Paare noch mal gegeneinander angetreten. Und die Teilnehmer haben sich ordentlich ins Zeug gelegt: Insgesamt kamen mehr als 200.000 Stimmen zusammen.

Als neues NRZ-Königspaar können sich Sascha und Julia auch über einen Preis freuen: 500 Euro Party-Budget und 150 Liter König Pilsener. Ob es dafür schon Pläne gibt? „Wir schmeißen im nächsten Sommer eine große Königsfete“, antworten die beiden entschlossen. Dort soll dann nicht nur Saschas 50. Geburtstag gefeiert werden, sondern auch das Ende ihrer Regentschaft. Einen Monat später steht schließlich schon das große Schützenfest der St. Sebastianus-Schützenbruderschaft an. „Bis dahin stehen zwar noch ein paar andere Highlights an“, holt Julia mit leuchtenden Augen aus, „aber ich kann die beiden Feste trotzdem kaum erwarten.“