Wo ist Wölfin Gloria? Lebt sie überhaupt noch? Und falls nicht, was ist mit ihr passiert? Fragen, auf die es bislang noch keine gesicherten Antworten gibt. Klar ist aber: Es ist inzwischen ein Jahr her, dass man die Wölfin nachweisen konnte. Am 5. November 2024 tauchte das Tier mit der Kennung GW954f zum letzten Mal in der offiziellen Liste der NRW-Wolfsnachweise auf. Seitdem ist es still um die bekannte Wölfin.

Die Nabu-Verbände im Kreis Wesel, in Borken und in Bottrop hat diese Zeit genutzt und auf 77 Seiten eine umfangreiche Dokumentation über das Leben von Gloria und ihres Rudels veröffentlicht. Dabei stellt der Naturschutzbund auch fest: Gloria ist nicht der einzige Wolf in der Region, der von heute auf morgen offenbar spurlos verschwunden ist.

Woher kommt Wölfin Gloria?

Doch zurück zum Anfang: Glorias Herkunftsrudel stammt aus der Lüneburger Heide, wo die Wölfin 2016 oder 2017 geboren wurde. „Irgendwann in ihrem ersten oder zweiten Lebensjahr verließ, wie es bei Wölfen normal ist, Gloria das elterliche Rudel.“ Sie begab sich auf Wanderschaft und erreichte schließlich den Niederrhein. Ihr erster Nachweis stammt vom 16. Juni 2018. Und Gloria gefiel es offenbar am Niederrhein. Sie wurde die erste ansässige Wölfin in NRW nach über 190 Jahren.

„Zunächst war die junge Wölfin unserer Einschätzung nach gut ein Jahr allein“, schreibt der Nabu. „Spätestens im Frühjahr 2020 aber fand ihr Schneverdinger Vollbruder mit der Kennung GW1587m zu Gloria, gemeinsam bildeten sie ein Rudel.“ Doch von dem Rüden wurden seit Januar 2022 keine Spuren mehr gefunden. Was ihm zugestoßen ist, ist bis heute unklar. Seinen Platz nimmt ab Frühjahr 2023 der Rüde GW3616m ein. Von beiden Rüden und Gloria stammen insgesamt fünf Würfe mit 14 Welpen zwischen 2020 und 2024. Doch auch Glorias zweiter Partner verschwindet. Seit Sommer 2024 gibt es keinen Nachweis mehr.

Beide Partner verschwunden

Ungewöhnlich, denn „Wolfspaare bleiben zeit ihres Lebens zusammen, sodass es einen Vorfall gegeben haben muss“, ist sich der Nabu sicher. Wenige Monate später wird der bisher letzte Nachweis von Gloria erfasst. Neben ihr und ihren zwei Partnern seien noch vier weitere Wölfe innerhalb von drei Jahren verschwunden. Auch wenn durch die aktive Suche des Landesamts für Natur, Umwelt und Klima (Lanuk) seitdem immer weniger Nachweise gefunden wurden, hätte es spätestens durch Tierrisse Belege ihrer Anwesenheit geben müssen, sind sich die Verfasser sicher.

Dass diese Wölfe alle abgewandert sind, sei „sehr unwahrscheinlich“. Eine weitere Option wäre der natürliche Tod. „Das könnte sein. Aber gleich siebenmal in drei Jahren? Das ist nicht plausibel. Und warum hat man nie einen toten Wolf gefunden?“, fragt der Nabu in dem Bericht. Bleibt noch die Option der Verkehrsunfälle.

Viele Wölfe sterben durch Unfälle

Zahlen der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes belegen: Die meisten Wölfe sterben durch Unfälle im Straßenverkehr, von 100 toten Wölfen etwa 76. „Für zwei junge Rüden GW4473m (Wurf 2022) und GW 3045m (Wurf 2023) aus Glorias Rudel traf das nachweislich zu.“ Dass jedoch so viele Unfälle nicht an die Öffentlichkeit oder an die Behörden gelangt sind, sei unwahrscheinlich.

Außerdem: Bei fünf von 100 tot aufgefundenen Wölfen in Deutschland konnte eine illegale Tötung nachgewiesen werden, knapp zehn Prozent der Fälle sind unklar, zeigt die Statistik. Und die Wölfe, die erst gar nicht gefunden werden, tauchen in der Statistik nicht auf. Die Naturschützer gehen deshalb davon aus, dass die Dunkelziffer der illegalen Tötungen „noch sehr viel höher sein dürfte“.

Gloria getötet? Diese Indizien hat der Nabu

Doch haben Menschen wirklich aktiv in den Wolfsbestand am Niederrhein eingegriffen? Bewiesen ist das nicht. Der Nabu glaubt allerdings, Indizien dafür gefunden zu haben. So hatte vor einem Jahr ein Video aus Schermbeck für Aufsehen gesorgt. Zu sehen war ein Wolf, dem das rechte Vorderbein fehlte. Der Nabu Bottrop vermutete dahinter einen Fehlschuss oder eine Schlagfalle.

Seit diesem Video gibt es aus dem Territorium Schermbeck keine bestätigten Nachweise mehr. „Phasen, in denen von Gloria nichts zu sehen und zu hören war, gab es sonst überwiegend im Frühjahr und Sommer während der Welpenaufzucht“, schreibt der Nabu dazu.

Jagdabfälle als Wolfsköder?

Ebenfalls auffällig: Nabu-Mitglieder haben im Sommer und im Herbst 2024 einen Wildschweinkadaver sowie Jagdabfälle im Schermbecker Wolfsrevier gefunden. Die Abfälle – die den Wolf anlocken könnten – seien in der Nähe einer Tierweide gefunden worden, heißt es.

Was mit Gloria nun wirklich passiert ist, kann auch der Nabu nicht eindeutig sagen. In ihrem Fazit bezeichnen die Verbände den Umgang mit dem Wolf in Europa als „Tiefschlag für den Natur- und Artenschutz“. Das Lanuk gab kürzlich bekannt, dass Gloria nun offiziell als „verschollen“ gilt. Das Landesministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr äußert sich auf NRZ-Anfrage nicht dazu, wie wahrscheinlich eine illegale Tötung der Wölfin ist.

Herden nicht immer gut geschützt

Ein Zusammenleben von Nutztieren und Wölfen: Das sei laut Nabu definitiv möglich. Der Schüssel dazu: der Herdenschutz. Denn in den meisten Fällen werden Nutztiere in nicht ausreichend geschützten Herden gerissen. Im Territorium Schermbeck gab es laut Lanuk im vergangenen Jahr 37 Wolfsrisse. Jedoch sei in 70 Prozent der Fälle kein Grundschutz vorhanden gewesen. Dass es 2025 bisher deutlich weniger Vorfälle gab, sei auch darauf zurückzuführen, „dass viele Nutztierhaltende ihre Tiere mittlerweile ausreichend schützen“, heißt es aus dem Umweltministerium. Das Land fördert inzwischen die gesamten Kosten für einen Herdenschutzzaun in ganz NRW.

Kreisjägerschaft Wesel: Nabu-Behauptungen „teilweise hanebüchen“

Aus Sicht der Jägerschaft im Kreis Wesel stellt sich Glorias Verschwinden und die Auflösung des Rudels weit weniger dramatisch dar. Wie der stellvertretende Vorsitzende Werner Schulte erklärt, sei es am wahrscheinlichsten, dass die Rudelchefin – die ja nicht mehr die Jüngste war – eines natürlichen Todes gestorben sei.

Ihr letzter Partner könnte weitergezogen sein. Tatsache ist, so berichtet Schulte: Auf Wildkameras im Raum Hünxe und im Dämmerwald tauchen immer wieder Wölfe auf. Mehrere Individuen, vermutet er, sind immer noch im Wolfsgebiet unterwegs, leben dort unauffällig und ernähren sich vom Wild. Ob es Nachkommen des alten Rudels oder neu zugewanderte Tiere sind, kann er nicht sagen. „Das Stammrudel ist auf jeden Fall in der vollen Größe nicht mehr da.“

Gloria getötet? „Auf die Idee kommt keiner“

Den drei Nabu-Verbänden wirft Werner Schulte vor, sich vor allem auf Mutmaßungen und Unterstellungen zu stützen, diese seien „teilweise hanebüchen“. Auch ist aus seiner Sicht „wenig Expertise über Wildbiologie und Wildtier-Interaktion“ vorhanden. Die Jäger, versichert er, würden auf keinen Fall illegal Jagd auf Wölfe machen. „Auf die Idee kommt keiner“.

Er widerspricht ebenso der Vermutung des Nabu, dass Jäger Reste von Wildschweinkadavern im Wald hinterlassen und Wölfe damit in die Nähe von Nutztieren angelockt haben – das sei wegen der afrikanischen Schweinepest verboten. Ein überfahrenes Tier könne jedoch längere Zeit unentdeckt im Wald liegen. Angesichts der aktuellen Wolfaufnahmen im Gebiet Hünxe und Schermbeck ist seine Prognose, dass die Zahl der Wölfe bald wieder zunehmen werde: „Es wird auf jeden Fall im nächsten oder übernächsten Jahr wieder Reproduktion stattfinden.“