Jetzt mal ehrlich: Es ist alles andere als ein leichtes Thema, über das Carsten Müller und Steffi Bohle geschrieben haben. Denn sie möchten Kinder aufklären – über Sexualität und Körper, aber auch über Grenzen und Gewalt. Und tatsächlich, sie finden kindgerechte Worte für das, was viele in der absoluten Sprachlosigkeit zurücklässt. Das „wirksame Aufklärungsbuch“, wie sie es selbst nennen, dient zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern. Und die fängt bereits beim Sprechen über Sexualität an.

Wann sollten Eltern ihre Kinder über Sexualität aufklären?

Carsten Müller: Es gibt nicht den einen Zeitpunkt und ganz sicher nicht mehr das berüchtigte Küchengespräch. Kinder bestimmen den Zeitpunkt, indem sie Fragen stellen. Das kann passieren, wenn die Mütter ihrer Freund*innen schwanger sind, oder wenn sie etwas auf der Straße oder im Fernsehen mitbekommen. Dann fragen sie beispielsweise, woher eigentlich die Babys kommen. Wenn man „Glück“ hat, geben sie sich erstmal mit der Antwort „aus dem Bauch der Mama“ zufrieden. Es kann aber auch sein, dass sie danach die gemeine Rückfrage stellen: „Und wie kommen sie da rein?“ Und dann sind die Erwachsenen gefordert, weil wir mit unseren Antworten können die Vorstellung von Liebe, Partnarschaft und Sexualität prägen können. Und wenn wir das nicht tun, machen es andere.

Für viele ist das Thema schambehaftet. Wieso ist es problematisch, wenn Erwachsene nur von „da untenrum“ sprechen?

Steffi Bohle: Es geht dabei immer auch ums Körpergefühl. Wenn man keine Worte für bestimmte Körperregionen hat, fällt es einem beispielsweise schwer zu sagen, was man nicht mag und nicht möchte. Das fängt auch schon beim Arzt oder bei der Ärztin an. Wenn ich nicht sagen kann, wo genau es juckt, kann mir nicht richtig geholfen werden.

Carsten Müller: Worte haben das Potenzial, zu schützen. Uns geht es in unserem Buch darum, Kinder sprachfähiger zu machen. Denn Täter*innen nutzen die Sprachlosigkeit der Opfer. Wenn ich keine Worte dafür habe, kann ich auch keine Grenzüberschreitung benennen. Wir erklären Kindern, was der Daumen, der Arm oder die Nase ist. Aber sobald es unter die Gürtellinie geht, fehlen vielen Erwachsenen die Worte. Dabei ist das ein Sachthema, bei dem Kinder keinen Unterschied machen. Die Erwachsenen brauchen andere Begriffe, nicht die Kinder. Und die Sprachlosigkeit der Erwachsenen wurde über Generationen weitergegeben. Deshalb muss die Sprache erstmal gelernt werden. Unser Buch dient quasi auch als Vokabeltraining.

Haben Sie das Gefühl, die Angst vor sexuellem Missbrauch ist über die Jahre größer geworden?

Steffi Bohle: Ich habe tatsächlich den Eindruck, dass die Angst davor größer geworden ist. Wobei es für Eltern schon immer ein angstbesetztes Thema war. Allerdings kann Angst zum Problem werden, weil man dadurch sprach- und handlungsunfähig wird. Angst ist kein guter Wegweiser. Deshalb arbeiten wir in unserem Buch auch nicht mit Angst.

Carsten Müller: Wenn man sich die Polizeistatistiken anschaut, sind die registrierten Zahlen über die Jahre gestiegen Wichtig dabei: Das Thema ist nicht größer, sondern sichtbarer geworden. Es wird mehr angezeigt, mehr ermittelt, mehr aufgedeckt.“

Wie können denn Eltern ihre Kinder vor Übergriffen schützen?

Steffi Bohle: Die Idee unseres Buchs ist, Täter*innenstrategien entgegenzuwirken. Beispielsweise versuchen Täter*innen die Kinder mit Scham zu besetzen. Deshalb geht es uns in dem Buch darum, Scham zu thematisieren. Aber auch darum, dass Kinder sich immer an Erwachsene wenden können. Denn auch das sagen Täter*innen oft: „Du darfst nicht mit deinen Eltern darüber sprechen. Die können dir sowieso nicht helfen.“ Wir wollen Kinder empowern. Trotzdem ist es ganz wichtig zu betonen, dass die Verantwortung nicht bei den Kindern liegt. Kinder dürfen Nein sagen, müssen sie aber nicht. Die Verantwortung für Grenzüberschreitungen liegt bei denjenigen, die Grenzen überschreiten.

Carsten Müller: Unser Buch befasst sich aber nicht nur mit der Wissensvermittlung – es gibt ja immer auch Infokästen für die Erwachsenen –, sondern auch mit dem Erfahrungslernen. Wenn es um Körperliches geht, müssen wir die Menschen ins Spüren bekommen! (Carsten Müller schlägt das Buch auf und zeigt auf fünf Übungen zur Selbstbehauptung, die Kinder gemeinsam mit Erwachsenen durchführen können. Ein Beispiel: „Sage genau den Satz, den dein Körper schon sagt: Stopp! Fass mich nicht an!“ ) Wenn beispielsweise Tante Erna mir auf die Nerven geht, weil sie mich immer anfasst und küsst, dann darf ich das sagen!

Steffi Bohle: Wir als Erwachsene müssen aber auch bereit sein, ein Nein zu akzeptieren. Ich war mal in einem Kindergarten, in dem wir mehrere Stunden geübt haben, Nein zu sagen. Irgendwann habe ich gesagt: „Stellt euch mal vor, die Erzieherin Gabi ist richtig gemein und schiebt, ja schubst euch eigentlich schon aus dem Raum. Dürft ihr dann Nein sagen?“ Und alle waren sich ganz sicher: „Nein, das dürfen wir nicht.“ Deshalb ist es so wichtig, dass die Erwachsenen Teil des Ganzen sind.

Carsten Müller: Das ist natürlich total herausfordernd – gerade in der eigenen Familie Grenzen aufzuzeigen. Aber Kinder können das noch nicht, deshalb braucht es Erwachsene, die sich für sie einsetzen.

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Wie verhalten sich Kinder, die einen sexuellen Übergriff erlebt haben?

Carsten Müller: Wir wünschen uns eine Checkliste mit Verhaltensauffälligkeiten, nur gibt es die leider nicht. Aber wenn sich ein Kind innerhalb eines kurzen Zeitraums verändert hat, sollte man als Eltern immer nachfragen.

Steffi Bohle: Das Wichtigste ist, da zu sein und zuzuhören. Eltern sind oft verunsichert und verzweifelt, weil das Kind vielleicht nicht redet. Aber dann hilft es nicht, weiter nachzubohren. Kinder brauchen Vertrauen, Sicherheit und Zeit, um Täter*innenstrategien zu überwinden. Sobald Druck aufgebaut wird, ziehen sie sich zurück. Deshalb ist es auch wichtig, Ruhe zu bewahren, wenn das Kind tatsächlich über einen sexuellen Übergriff redet. Wenn man aufgeregt reagiert, verschließt sich das Kind.

Das Buch ist nicht nur für Kinder, sondern auch für die Erwachsenen in ihrem Leben gedacht.
Das Buch ist nicht nur für Kinder, sondern auch für die Erwachsenen in ihrem Leben gedacht.© EMF | EMF

Das ist für Eltern sicher wahnsinnig schwer auszuhalten...

Carsten Müller: Eltern können sich immer Unterstützung von Fachkräften holen. Das muss niemand alleine schaffen! Wichtig ist auch, dass Kinder immer die Erlaubnis von Eltern brauchen, mit anderen über Themen zu sprechen. Klar ist es unangenehm, wenn das Kind in der Schule erzählt, dass sich Mama und Papa zu Hause gestritten haben. Aber es ist wichtig, ihnen zu vermitteln: „Du darfst mit anderen immer über alles sprechen, auch wenn zu Hause irgendetwas doof ist.“

Aufklärungsbuch für Kinder – und Eltern

Carsten Müller ist ausgebildeter Sexualtherapeut und -pädagoge. In seiner „Praxis für Sexualität“ begleitet er Menschen zu allen Fragen rund um das Thema. Seit Jahren schult er Pädagog*innen und veranstaltet Elternabende zu den Themen sexuelle Aufklärung und Prävention von sexualisierter Gewalt. Als Experte ist er regelmäßig im Fernsehen zu sehen und hat eine Kolumne in der Zeitschrift „Spektrum der Wissenschaft“.

Steffi Bohle ist Sexualpädagogin und Fachkraft für Prävention und Intervention bei sexualisierter Gewalt. Seit vielen Jahren arbeitet sie mit Kindern, Jugendlichen sowie Eltern, Fachkräften und Institutionen in von ihr entwickelten Präventionsprojekten. Mit Beginn ihres Studiums eröffnete sie zwei Kampfkunstschulen und ist heute Leitung der „Praxis für Sexualität“. Hier verbindet sie die Themen sexuelle Bildung und Prävention von (sexualisierter) Gewalt in Theorie und Praxis.

Ihr gemeinsames Buch „Jetzt mal ehrlich?!: Meine Gefühle, mein Körper, meine Regeln! Ein wirksames Aufklärungsbuch für Kinder zur Prävention von sexuellem Missbrauch“, illustriert von Emily Claire Völker, hat 48 Seiten, ist im EMF Verlag erschienen und kostet 16 Euro.

Haben Sie schon Reaktionen auf das Buch bekommen?

Steffi Bohle: Ein Erwachsener war selbst als Kind betroffen und hat uns gesagt: „Das wären die Worte gewesen, die ich gebraucht hätte.“ Davon bin ich selbst noch gerührt.

Carsten Müller: Und zwei Fachkräfte haben sich gemeldet, dass sie einen Verdacht hatten und das Buch genutzt haben, um mit dem Kind darüber zu sprechen. Wenn wir das mit dem Buch geschafft haben, haben wir doch schon alles erreicht!