Die französische Edelmarke Hermès ist der Inbegriff von Luxus. Für die „Birkin Bag“, neben den Seidentüchern das vielleicht ikonischste Produkt, zahlen Kunden weltweit horrende Beträge zwischen 8800 und acht Millionen Euro und nehmen Wartezeiten von mehreren Jahren in Kauf. Sie ist so gefragt, dass die Ledertasche als handfestes Investment gilt. Doch was viele nicht wissen: Gegründet wurde Hermès zwar vor knapp 190 Jahren in Paris, doch die Wiege des Gründers stand vor mehr als 225 Jahren in Krefeld, am Niederrhein.
Dass wir heute so genau darüber Bescheid wissen, ist vor allem Pierre Sommet zu verdanken. Der gebürtige Franzose hat 34 Jahre lang den Fachbereich Fremdsprachen an der Volkshochschule Krefeld geleitet und mehrere Lehrbücher veröffentlicht. Mit seinem Blog madamebaguette setzt er sich für den deutsch-französischen Austausch ein.

Der Krefelder hat mit seinem Team fünf Jahre lang die Herkunft der Familie rekonstruiert. Kein leichtes Unterfangen, denn: „Es gibt überall falsche Informationen im Internet. Das ist eine richtige Seuche“, berichtet Sommet im Gespräch über die akribische Spurensuche.
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Hermès Paris: Wurzeln in Duisburg und Krefeld
Bereits seit dem 17. Jahrhundert gibt es Aufzeichnungen über die Familie am Niederrhein. Die Eltern von Thierry Hermès, dem Gründer der Marke, stammen aus den damaligen Gemeinden Asterlagen und Hochemmerich – heute beide Teil des linksrheinischen Duisburger Stadtteils Rheinhausen. Als Hermès am 10. Januar 1801, als letzter von sieben Geschwistern geboren wurde, waren seine Eltern aber bereits in das nahegelegene Krefeld – damals noch „Creveld“ – umgezogen.
Die Verbindung nach Frankreich war von Anfang an gegeben, denn zu dieser Zeit war der Niederrhein von französischen Truppen besetzt. So war auch die Geburtsurkunde von Hermès – damals noch ohne Accent grave – auf Französisch geschrieben, obwohl er eigentlich Deutscher war. Bekannt war er unter dem Namen Diederich Hermes, auch wenn in seiner Geburtsurkunde aufgrund der Besatzer die französische Form „Thierry“ eingetragen war.

Aufbruch nach Frankreich
Etwa im Alter von 13 Jahren verlor Hermès beide Eltern. Laut Aufzeichnungen lebten aus der Familie nur noch er und seine 17-jährige Schwester Elisabeth. Bald darauf, begann er eine Lehre zum Sattler. Interessanterweise entschied er sich für die Arbeit mit Leder und gegen die damals in Krefeld boomende Seiden- und Textilindustrie. Knappe sechs Jahre später wanderte Hermès nach Paris aus. Ob er dort große wirtschaftliche Chancen sah, oder schlicht vor der Wehrpflicht der Preußen fliehen wollte, ist heute nicht ganz klar.
Wahrscheinlich stellte er sich in Paris noch als „Hermes“ vor. Doch der Name wurde im Laufe der Zeit französisiert und entsprechend mit einem accent grave versehen. Mit der Zeit veränderte sich auch die Aussprache, da das „H“ im Französischen stumm ist. „Wir Franzosen kennen das deutsche ‚H‘ nicht“, erklärt Sommet.

Nachfahren in Deutschland
Nachdem ihr jüngerer Bruder das Land verlassen hatte, blieb seine Schwester Elisabeth in Krefeld. Der Kontakt zwischen den beiden riss komplett ab, sodass Elisabeths Nachfahren über Generationen keine Ahnung hatten, dass sie mit dem Pariser Luxus-Clan verwandt sind. Erst durch Sommets Nachforschungen wurde ihnen bewusst, dass der Gründer von Hermès quasi ihr – bis dahin unbekannter – „Onkel Thierry“ war.

Hochzeit in Frankreich
Doch auch nach einigen Jahren in Frankreich ließ der Niederrhein Thierry Hermès nicht los. Zwar lernten er und seine Frau sich in Frankreich kennen, tatsächlich sind beide aber nur wenige Kilometer voneinander aufgewachsen – er in Krefeld, sie in Düsseldorf. Sie haben am 17. April 1828 schließlich geheiratet.
Nach einiger Zeit in Paris zog es die Familie nach Pont-Audemer, einem Hotspot der Lederverarbeitung, bevor das Paar im Jahr 1837 beschloss, nach Paris zurückzukehren, um in der florierenden Hauptstadt Frankreichs eine Sattlerwerkstatt zu gründen. Die Werkstatt war im „Quartier de la Madeleine“ perfekt gelegen, denn dort gab es viele vermögende Bürger, die für ihre edlen Pferde und luxuriösen Kutschen, sehr hochwertige Sättel und Geschirr benötigten – der perfekte Grundstein für das spätere Milliarden-Imperium.
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Niederrheinische Qualität in der französischen Metropole
Thierry Hermès war laut Sommet also schlicht „der richtige Mann, zur richtigen Zeit, am richtigen Platz“. Er brachte einen Arbeitsstil nach Paris, der stark von protestantischen Werten wie Diskretion, Sparsamkeit und Fleiß geprägt war. Seinen Erfolg begründete Hermès mit dem hohen Qualitätsmaßstab, der bis heute von der Marke gepflegt wird. „Hermès war immer sehr edel und hochwertig, aber nie protzig“, fasst Sommet zusammen.

Hermès noch heute in Krefeld verwurzelt?
Heute ist das bekannteste Produkt von Hermès – neben den Handtaschen – das Seidentuch. Es ist fast schon historische Ironie, dass die Marke ihren Weltruhm im Laufe der Jahrzehnte mit Seidentüchern festigte – dem Material, das Thierrys Heimatstadt einst groß gemacht hatte.

Und noch eine weitere Verbindung besteht zwischen dem Modehaus und der ehemaligen „Stadt wie Samt und Seide“: Eine der wenigen verbleibenden Krawattenfabriken in Krefeld, stellt laut Sommet nach wie vor Krawatten im Auftrag der Edelmarke her. Ansonsten weist in der Stadt so gut wie nichts darauf hin, dass eines der weltweit teuersten Labels hier seine Kinderwiege hatte.
Dennoch heißt es von der Stadt auf Anfrage: „Die Geschichte des Hermès-Gründers Thierry Hermès wird als ein Aspekt der Textil-Historie der Stadt Krefeld, der Samt- und Seidenstadt, immer wieder thematisiert, ob beim Stadtmarketing oder in den Krefelder Museen.“
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Pierre Sommet erfährt für seine Arbeit zwar viel Anerkennung von Fachkollegen, vom Unternehmen selbst kam bisher jedoch kaum eine Reaktion. Sein Buch „Sur les traces de Thierry Hermès“ aus dem Jahr 2023 ist bisher nur auf Französisch erschienen, ein deutscher Verlag hat sich bisher noch nicht gefunden. „Schade, oder?“, findet Sommet.






