Oma Anette schneidet eine Knolle Sellerie in Würfel. Dabei lässt sie sich nicht stressen, obwohl um sie herum so einiges los ist. Durch die Küche vom Restaurant Landwirtschaft wuseln noch Koch Florian Skodda und ein paar andere Mitarbeiter. Die 69-Jährige schaut kurz von ihrem Schneidebrett auf und erklärt: „Der Sellerie ist für die Sauce des Krustenbratens.“ Sie macht ganz routiniert weiter. Dabei ist sie innerlich ein bisschen nervös, wie sie dann doch verrät. „Ich hoffe, es wird nicht so, wenn man für Gäste kocht, sich richtig Mühe gibt, und dann wird es doch nicht so gut.“
Anette Prieß ist eine der Kandidatinnen des Projekts „Essen bei Oma“. Dabei kochen echte Omas ihr Lieblingsgericht im Restaurant Landwirtschaft in Willich für Gäste. „An diesem Abend gibt es auch nur dieses eine Gericht“, erklärt Philipp Gesell, der die Idee zu dem Projekt hatte. „Unser Konzept ist, dass wir eine Oma finden und ein Restaurant, das vielleicht einen Tag in der Woche hat, an dem eher weniger Gäste kommen, und dann verknüpfen wir die beiden.“
Essen bei Oma
Oma Anette kocht am Donnerstag, 5. März, im Restaurant Landwirtschaft, Klosterweg 32, in Willich. Einlass ist ab 18 Uhr. Tickets gibt es ab 35,80 Euro, enthalten sind dabei auch Nachschlag, Nachtisch und alkoholfreie Getränke. Weitere Termine sind am Mittwoch, 11. März, mit Oma Heidi, die Königsberger Klopse mit Salzkartoffeln und Rote-Beete-Apfelsalat zaubert. Oma Marina kochte am Mittwoch, 18. März, Rippenbraten gefüllt mit Backpflaumen und Äpfeln, Semmelknödel und Selleriesalat und die andere Oma Annette macht am Mittwoch, 25. März, Makkaroni-Auflauf alla Mama mit Beilagensalat. Weitere Informationen und Tickets gibt es über www.essen-bei-oma.de
Casting vor „Essen bei Oma“
Die Omas, die an insgesamt vier Terminen im März in dem Restaurant kochen, sind vorher von Gesell und seinem kleinen Team gecastet worden. „Wir hatten echt Glück und vier Volltreffer.“ Also kochen in den kommenden Wochen neben Oma Anette auch noch Oma Heidi, Oma Marina und eine andere Oma Annette in dem Restaurant. Auf der Karte stehen dann typische Gerichte, die Omas für ihre Lieben kochen: Königsberger Klopse, Rippenbraten mit Semmelknödeln, Erbseneintopf mit Schälrippchen oder auch Makkaroni-Auflauf.

Oma Anettes Gericht ist Krustenbraten mit Süßkartoffeln- und Erbsenpüree und Beilagensalat. An diesem Nachmittag steht für die 69-Jährige das Probekochen im Restaurant an. Schließlich muss einmal in einer fremden Küche gekocht werden, bevor sie dann gleich für 120 Personen schnibbelt, kocht und anrichtet. Was die 69-Jährige aber enorm beruhigt: Sie muss das alles nicht alleine schaffen. Das Küchenteam des Restaurants steht ihr tatkräftig zur Seite. „Sie zeigt den Mitarbeitern ein paar Kniffe und schmeckt alles ab. Es soll schließlich wirklich schmecken wie bei Oma Anette zu Hause“, erklärt Gesell.
Da hat Oma Anette übrigens auch das Kochen gelernt, zu Hause. „Meine Eltern hatten ein Obst-, Gemüse-, Fischgeschäft. Mit zehn Jahren habe ich damit angefangen, zu kochen“, erzählt. Sie erinnert sich auch noch an das Erste, was sie je zubereitet hat. „Rosenkohl mit Holländersauce“, sagt sie, ohne lange zu überlegen. Den gibt es trotz langjähriger Kocherfahrung nicht zum Krustenbraten. Aber auch den hat sie schon oft zubereitet. „Das Rezept ist noch von meiner Oma.“ Schon als Kind war sie dabei, als ihre Oma und ihre Mutter den Krustenbraten für die Familie vorbereitet haben. „Das Rezept ist immer noch das gleiche“, sagt sie. Und auch Koch Florian Skodda nickt fast schon überschwänglich, als er gefragt wird, ob er denn auch noch was von Oma Anette lernen kann. „Auf jeden Fall. Die Schwarte wird in Salzwasser gekocht bei ihrem Rezept. Das habe ich in 21 Jahren in Restaurants noch nie gemacht“, sagt er und lacht. Oma Anette zuckt mit den Achseln: „Ich dachte, das macht jeder so.“

Die echten Geheimnisse aus Omas Küche kennt eben kaum jemand. Ein offenes Geheimnis ist hingegen, dass Omas es gerne aufgeräumt in der Küche haben. „Ich weiß das von meiner Oma, dass man immer alles gleich wegräumen muss“, sagt Skodda. Deswegen macht er sich bei Oma Anette auch keine Gedanken, dass sie seine Küche verwüstet, und holt die Süßkartoffeln für das Püree. „Meine Mutter und meine Oma haben zum Braten keine Süßkartoffeln gemacht“, gibt Oma Anette zu. Aber sie findet die Variante sehr lecker, und so war bisher auch immer das Feedback der eigenen Familie. Kennt denn ihre Tochter auch die geheime Zubereitung für den Krustenbraten? Oma Anette schüttelt den Kopf. „Die kocht nicht gerne. Aber mein Schwiegersohn, der kocht sehr gut“, sagt sie. Mit ihm kocht sie auch regelmäßig für größere Familienfeiern mit rund 14 Personen. „Wir kochen dann gerne sieben Gänge“, fügt sie noch hinzu.
Für 120 Personen kocht Oma Anette
Beim Probekochen im Restaurant sind es an diesem Tag auch nur rund acht Personen, für die die 69-Jährige kocht. Ein guter Einstieg vor ihrem großen Abend am 5. März, für den es insgesamt 120 Tickets gibt. „Meine Familie wird dabei auch gut vertreten sein“, erzählt Oma Anette. Ihre Tochter hat offenbar die Werbetrommel bei den anderen Familienmitgliedern gerührt. „Es war auch ihre Idee, mich hier anzumelden“, verrät Oma Anette. Es gab ein richtiges Oma-Casting. Denn Philipp Gesell und seinem Kollegen Tobias Schmitz war es wichtig, dass sie eine authentische Oma finden. „Oma Anette bringt einfach alles mit, was wir uns vorgestellt haben“, schwärmt Gesell. Für ihn, der eigentlich in einem Steuerbüro arbeitet, ist „Essen bei Oma“ ein reines Herzensprojekt. „Bei den Essenspreisen, die wir anbieten, bleibt für uns nichts übrig“, sagt er. Aber darum gehe es auch nicht.
Aber nun muss Oma Anette weiter Süßkartoffeln schälen. Das macht sie rasant mit einem Sparschäler. Wie viele Kartoffeln sie wohl in ihrem Leben schon geschält hat? „Oh, es waren mit Sicherheit einige Zentner“, sagt sie, lacht und schält weiter. Trotz viel Übung im Kartoffelschälen: Für Oma Anette dauert das Probekochen an diesem Tag noch ein paar Stunden an. Denn der Krustenbraten ist noch nicht mal im Ofen. „In drei Stunden wollen wir fertig sein“, sagt sie zuversichtlich.


