Betritt man die Räume des Pflegedienstes Kultura in Dinslaken, fällt einem als Erstes die ruhige Atmosphäre auf. An den Wänden hängen selbstgebastelte Bilder. Auf einem davon steht das Wort „Heimat“. In einem großen Raum sitzen gerade mehrere ältere Frauen zusammen, einige mit, einige ohne Kopftuch. Auf der anderen Seite sitzt ein Mann, der die aktuellen Nachrichten aus dem Iran im türkischen Fernsehen verfolgt.

Kultura ist ein interkultureller ambulanter Pflegedienst mit angeschlossener Tagespflege. Er ist eine Antwort auf zwei große Herausforderungen: den dramatischen Fachkräftemangel in der Pflege und die fehlende kultursensible Versorgung vieler Familien mit Migrationshintergrund in Deutschland. „Da blüht mein Herz, wenn ich darüber spreche“, sagt Geschäftsführerin Yasimin Zorlu.

Es war am Anfang schwierig, die Akzeptanz dafür zu finden, dass ein fremder Anbieter die Pflege von Angehörigen übernimmt.

Yasimin Zorlu, Leiterin des Pflegedienstes Kultura in Dinslaken

Dinslaken: Kultura versorgt Hunderte Menschen

Der ambulante Dienst aus Dinslaken wurde 2018 gegründet, zwei Jahre später kam die Tagespflege hinzu. Doch diese konnte wegen der Corona-Pandemie erst 2024 richtig starten. Heute beschäftigt Unternehmerin Yasimin Zorlu in Dinslaken rund 60 Mitarbeitende und versorgt täglich etwa 400 Patientinnen und Patienten im ambulanten Bereich sowie 80 Gäste in der Tagespflege. Damit ist Kultura längst ein zentraler Versorger in der Region – und nach eigener Aussage die einzige explizit interkulturelle Einrichtung im gesamten Kreis Wesel. „Es war am Anfang schwierig, die Akzeptanz dafür zu finden, dass ein fremder Anbieter die Pflege von Angehörigen übernimmt.“

Die Idee zu diesem Projekt entstand aus einer persönlichen Krise heraus. Zorlu erzählt von ihrem pflegebedürftigen Schwiegervater und davon, dass sie plötzlich niemanden fand, der ihn in seiner Muttersprache betreuen konnte. „Es gab keinen Anbieter, den wir hätten beauftragen können, der eine Betreuung in der Muttersprache ermöglicht hätte. Ich war persönlich betroffen, das hat uns in eine Krise gestürzt, und ich wollte einfach auch andere Familien unterstützen.“

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Pflegebranche kämpft trotz guter Konzepte mit Fachkräftemangel

Heute riecht es dort nach frisch aufgebrühtem türkischen Çay. In der Küche wird gerade gekocht, während im Flur Mitarbeiter miteinander und mit den Anwohnern sprechen. „Jeder hat eine andere Muttersprache, aber sie alle tragen das Gleiche im Herzen. Sie möchten etwas Gutes für die Gesellschaft leisten“, sagt die Inhaberin.

Doch auch ein gutes Konzept schützt nicht vor den strukturellen Problemen der Branche. Trotz hoher Ausbildungsvergütungen und solider Gehälter falle es Kultura schwer, so Zorlu, in Deutschland Menschen für den Beruf zu gewinnen. Sie habe vieles ausprobiert: familiengeführte Strukturen, individuelle Weiterbildung, Firmenwagen, Benefits. „Das hat nicht ausgereicht, um die Menschen zu motivieren, in die Pflege zu gehen oder in der Pflege zu bleiben“, berichtet die Chefin.

Dinslaken: Kultura pfelgedienst wirbt marokkanische Mitarbeiter an
Leiterin Yasimin Zorlu reist nach Marokko, um Pflegekräfte zu treffen. © FUNKE Foto Services | Karl Banski

Pflegekräfte aus dem Ausland: Strenge Auswahl und Sprachprüfung

Aus der Not heraus wurde ein neuer Ansatz gewagt: Pflegekräfte aus dem Ausland nach Deutschland zu bringen. Zunächst holte Kultura elf Auszubildende aus Indien, dann reiste Zorlu selbst nach Marokko, um Bewerberinnen und Bewerber vor Ort zu treffen: „Ich wollte mir einen persönlichen Eindruck verschaffen und die Verantwortung tragen, die Leute auszuwählen und nach Deutschland einzuladen.“

Wer sich aus dem Ausland bewerben möchte, muss laut Zorlu mindestens Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2 nach dem Goethe-Zertifikat beherrschen. In Marokko führte Zorlu mehrere Vorstellungsgespräche – zunächst vor Ort und später per Zoom. „Ich wollte dann wissen, ob die Bewerber ihre Sprachkenntnisse noch einmal verbessert haben.“

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Pflegekräfte aus Marokko haben eine kulturelle Nähe

In diesem Jahr sollen zwölf Auszubildende kommen, die ersten beiden bereits im April. Das gesamte Verfahren dauerte sechs bis acht Wochen. „Wie es jetzt mit den Ausländerbehörden in den Kommunen weitergeht, wird noch spannend.“ Vor allem, weil sie die Erfahrung gemacht hat, dass viele ihrer Mitarbeiter keine Verlängerung ihres Aufenthaltstitels bekommen haben. „Die Terminvergabe dauert so ewig lange.“

Doch warum gerade Marokko? Zum einen, so Zorlu, liege es an der kulturellen Nähe zu vielen ihrer Patientinnen und Patienten mit muslimischem Hintergrund. Andererseits habe sie die Erfahrung gemacht, dass Marokkaner zielstrebig, diszipliniert und sprachbegabt sind. „Das war auch für mich sehr wichtig.“

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Uniklinik Düsseldorf setzt auf gezielte Vorbereitung

Dass Pflegeeinrichtungen Pflegekräfte aus dem Ausland holen, ist keine Seltenheit. Am Universitätsklinikum Düsseldorf wurden bereits zehn internationale Pflegefachkräfte erfolgreich integriert. Für die Rekrutierung und Ausbildung dieser Fachkräfte arbeitet die Uniklinik Düsseldorf mit der Agentur WTE Charkos zusammen, die 2024 von den beiden Neffen des ehemaligen Bundeskanzlers Olaf Scholz (SPD) gegründet wurde. Das Unternehmen bereitet Pflegekräfte aus Indien bereits im Herkunftsland fachlich, sprachlich und kulturell auf die Arbeit in deutschen Einrichtungen vor.

Laut WTE Charkos scheitern Einrichtungen am häufigsten im Prozess vor der Einstellung internationaler Pflegefachkräfte. Denn viele Einrichtungen wählen Kandidaten bereits im Ausland aus, noch bevor diese mit dem Deutschlernen begonnen haben. „Zu diesem Zeitpunkt ist jedoch völlig unklar, ob die Bewerber tatsächlich über das nötige Sprachvermögen verfügen und vor allem, ob sie den gesamten Prozess bis zum Ende durchlaufen werden“, so Grunder Fabian Scholz.  

Genau diese Integration und die Sprachkenntnisse dieser Pflegekräfte bleiben für Einrichtungen eine große Herausforderung. Deshalb brauche es „klare Verantwortung auf Leitungsebene, ein strukturiertes Integrationskonzept und Teams, die vorbereitet werden – nicht nur die neuen Mitarbeitenden“, so Torsten Rantzsch, Pflegedirektor an der Uniklinik Düsseldorf.