Mit ihrem Oberkörper schiebt sich die brünette, junge Frau vorsichtig an den Gymnastikball, dann wippt sie mit dem Becken hin und her, atmet tief ein und wieder aus. Das soll Schmerzen lindern und die Hüfte lockern, wenn die Wehen einsetzen. Schwanger ist Helia Mansouri, die sich so im Einklang mit dem großen Ball bewegt, nicht. Ihr Babybauch ist nur angeschnallt, ihre Schwangerschaft simuliert. Mansouri ist gelernte Hebamme. In Deutschland möchte sie nun mit elf anderen Frauen Fuß fassen.

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Seit Anfang des Jahres läuft am Simulationszentrum und der Akademie für multidisziplinäre Notfalltrainings (SAM) der erste Anerkennungskurs für Hebammen aus Nicht-EU-Ländern in Kooperation mit der Hochschule Niederrhein. Die HSNR ist laut eigenen Angaben zurzeit die einzige Hochschule in NRW, die einen solchen Lehrgang anbietet. In 18 Monaten sollen die international ausgebildeten Hebammen auf die berufliche Anerkennung in Deutschland vorbereitet werden.

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Eine Anerkennung sei die zentrale Voraussetzung, um auch hier ihr Wissen anwenden zu können. Wer teilnehmen möchte, benötigt einen gültigen Aufenthaltstitel, eine Arbeitserlaubnis, Deutschkenntnisse auf dem Niveau B2 und einen Praxisplatz in einer Klinik. „Das Programm ist in Blöcke gegliedert, hier findet der Theorieteil statt und ansonsten arbeiten die Frauen in Krankenhäusern“, erklärt Julia Scholz, geschäftsführende SAM-Bereichsleitung.

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Auf den Ball und das Becken hin- und herwippen: In Mönchengladbach werden internationale Hebammen auf ihre Arbeit in Deutschland vorbereitet. © FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Geburtsvorbereitung: Internationale Hebammen lernen deutschen Alltag

Etwa eine halbe Stunde zuvor: Sonne blitzt in den Unterrichtsraum, die zwölf Frauen, die unter anderem aus Serbien, der Ukraine, Syrien, der Türkei oder Brasilien kommen, blättern nervös in ihren Büchern. Nur noch wenige Minuten, dann zieht der Kurs weiter in den Simulationsraum. Von der Theorie in die Praxis. Die Frauen haben sich in Gruppen zusammengefunden und sollen gleich vorstellen, was sie erarbeitet haben.

An diesem Vormittag geht es um Geburtsvorbereitung. Wie positioniert man die Frauen am besten, wenn die ersten Wehen einsetzen? Wie leitet man sie vernünftig an? Nicht, dass Julianne Brayner dos Santos das nicht wüsste, aber in Deutschland ist es eben noch einmal anders, als in ihrem Heimatland Brasilien.

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In dem Kurs geht es laut Julia Scholz hauptsächlich darum, Unterschiede zwischen der Ausbildung im Heimatland und den Anforderungen in Deutschland gezielt auszugleichen. Die 39-jährige Brasilianerin mit dunklem, langem Haar und dem netten Lächeln hat immerhin studiert, um Krankenschwester zu werden, und anschließend eine zweijährige Weiterbildung zur Hebamme gemacht.

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Marina Mitisheva (l.) und Ümmü Günel sind gelernte Hebammen. Nun wollen sie auch in Deutschland ihren Beruf ausüben und nehmen am Anerkennungskurs in Mönchengladbach teil. © FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Sie hat schon in vielen Bereichen gearbeitet. In Krankenhäusern, in Geburtshäusern, in der Wochenbettbetreuung. Seit dreieinhalb Jahren lebt sie nun in Deutschland, spricht gutes Deutsch. Dass sie auch hier bald ihren Beruf ausüben kann, darauf habe sie lange gewartet. Für die 39-Jährige war schon immer klar, dass sie Hebamme werden möchte. „Es ist einfach mein Lieblingsbereich“, sagt sie. Besonders schön sei der enge Kontakt mit den Frauen „und wir kommen jeden Tag mit einer neuen Geschichte nach Hause“.

Es ist ein gesellschaftlicher Mehrwert, den die Frauen leisten können.

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Julia Scholz

Fachkräftemangel: Anerkennungskurse für Hebammen stark nachgefragt

Die Hochschule bewirbt das Programm als „gezielte Antwort auf den Fachkräftemangel in NRW“. Die Branche steht durch die Zentralisierung der Kliniken, die sinkende Geburtsrate und den zuletzt in Kraft getretenen Hebammenhilfevertrag vor großen Herausforderungen.

Eine aktuelle Studie zeigt, dass fast jede zweite Hebamme in Deutschland ans Aufhören denkt und einen Berufswechsel erwägt. „Hebammen aus Nicht-EU-Ländern bringen wertvolle berufliche Erfahrung mit und können nach erfolgreicher Anerkennung zeitnah in die Versorgung integriert werden“, erklärt eine Sprecherin der Hochschule Niederrhein. Bereichsleiterin Julia Scholz sieht die Hebammen auch als „wichtige Multiplikatorinnen“. Denn es gebe einige Frauen mit Migrationshintergrund, an die man nicht so leicht herankomme. „Es ist ein gesellschaftlicher Mehrwert, den die Frauen leisten können.“

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Helia Mansouri, Ozra Babaki und Julianne Brayner dos Santos (von links) wollen künftig auch in Deutschland ihren Hebammenberuf ausüben. © FUNKE Foto Services | Socrates Tassos

Die Arbeit mit den Frauen mache Spaß, sagt Scholz. Doch bürokratische Hürden und die angeknackte Branche machten manchmal auch Kopfschmerzen. „Wir haben eine anhaltend hohe Nachfrage bei den Anerkennungskursen und nicht genügend Plätze.“ Wünschenswert wären laut Scholz mehr Ausbildungskapazitäten und Praxisplätze. „Es gibt wirklich viele, die wollen und die auch dafür kämpfen müssen, einen Platz hier zu bekommen.“

Hebamme aus Serbien: Saska Vasic träumt vom Job in Deutschland

Eine von denen, die es geschafft haben, ist Saska Vasic. Die 26-Jährige in pinker Bluse und mit gebundenem Dutt ist extra nach Deutschland gekommen, um hier als Hebamme zu arbeiten. Sie lebt eigentlich in Hamm, kommt für den Theorieteil nach Mönchengladbach und arbeitet ansonsten in einer Dinslakener Klinik, sagt die junge Serbin. „Hier betreut man die Frauen und die Paare viel mehr, auch nach der Geburt“, sagt Vasic.

Mit 14 Jahren schon hat sie die Ausbildung zur Hebamme begonnen, in Serbien aber keinen Job gefunden. Daran gedacht, etwas anderes auszuprobieren, habe sie aber nie. „Ich finde unseren Job einfach toll und möchte nichts anderes machen. Wir bringen jeden Tag neues Leben auf die Welt.“

Was sie nach der Anerkennung machen will, weiß Vasic schon genau: „Ich würde erst einmal in einer Klinik arbeiten wollen und dort Erfahrungen sammeln.“ Später aber würde sie gerne auch eigene Kurse anbieten: „Zum Beispiel Babymassage oder Kaffeesitzungen mit den Müttern, da kann man dann in Ruhe sprechen und unterstützen. Das kann ich mir sehr gut vorstellen.“