Die letzten Strahlen der Nachmittagssonne werfen ein warmes Licht in den kleinen Garten in einer Bocholter Wohnsiedlung. Auf dem löchrigen Rasen toben zwei Vierbeiner miteinander herum, schnappen energisch, aber behutsam nacheinander, und rennen immer wieder wild im Kreis. Graues Fell, großer Kopf, lange Schnauze, spitze Ohren: Die beiden könnten glatt als junge Wölfe durchgehen. „Damira! Lyca!“, ruft ihnen eine Frau von der Veranda aus zu und raschelt mit einer runden Blechdose.
Tanja Weinekötter hat nicht einmal die ersten Leckerlis aus der Dose hervorgeholt, schon sitzen die gerade noch so beschäftigten Weibchen aufmerksam vor ihr und schauen sie mit großen Augen an. Und das Rascheln der Futterdose ist anscheinend auch bis ins Haus vorgedrungen. Plötzlich öffnet sich die angelehnte Terrassentür und drei weitere Vierbeiner stürmen heraus: einer mit flauschigem, weißem Fell, zwei mit grau-braunem Fell. Alle groß, kräftig und mit wolfsähnlicher Statur.
Sieht aus wie ein Wolf: „Manche wechseln sogar die Straßenseite“
„Koda ist ein Tschechoslowakischer Wolfhund“, sagt die Bocholterin und deutet auf die Größte im Rudel. Der Rassenname kommt nicht von ungefähr: Ihre mächtige Größe, das grau-braune Fell und die aufgestellten Ohren sorgten beim Spazierengehen immer wieder für irritierte Gesichter, erzählt Weinekötter. „Manche wechseln sogar die Straßenseite“, fügt ihr Mann Till Weinekötter schmunzelnd hinzu. „Die meisten sind aber eher neugierig und fragen nach.“
Die Rasse stammt aus Kreuzungen von Deutschen Schäferhunden mit Wölfen aus den Karpaten. Kodas Grauwolfanteil hat das Ehepaar genetisch untersuchen lassen. Das Ergebnis: 29 Prozent. „Das ist ein ziemlich hoher Anteil. Alles, was bei über 50 Prozent liegt, gehört dann auch nicht mehr zum Menschen“, meint die Hundeliebhaberin. Kodas hohen Wolfsanteil merkt man auch im Verhalten: Bei unbekanntem Besuch schreckt die Hündin – obwohl sie die Größte im Rudel ist – erst mal zurück, versteckt sich immer wieder hinter ihrem Frauchen. „Aber wenn sie einen erst mal kennt, ist sie ganz lieb und zutraulich.“

Die vier Monate alte Damira (links) ist noch ganz verspielt und braucht besonders viel Aufmerksamkeit. Darum kümmert sich oft Hundemama Lyca (rechts). Aber auch Oma Cara übernimmt immer wieder die Bespaßung des jungen Tamaskan-Weibchens.
Kleinerer Wolfsanteil bei Tamaskanen
Und die anderen vier? „Auch das sind keine echten Wölfe“, holt Tanja Weinekötter lachend aus. Sie holt ein Stück Futter aus der Blechdose, hebt den Zeigefinger und wirft es Lyca in hohem Bogen zu. Die fängt den Leckerbissen ganz gekonnt auf. „Lyca, Damira, Alice und Cara sind Tamaskane. Das ist eine seltene Rasse, die mit dem Ziel gezüchtet wird, dem Wolf so ähnlich wie möglich zu sehen. Im Verhalten sind es aber ganz normale Hunde, die zugegeben ziemlich aktiv und lebhaft sind.“ Schließlich steckt auch viel Hund drin: Je nach Hündin macht der Husky, der Schäferhund oder der Saarlooswolfhund jeweils den größten Anteil aus. Der Wolfsanteil liege bei den vier Weibchen nur zwischen acht und 13 Prozent.
Eine Sache haben aber alle gemeinsam: „Sie lieben die Gesellschaft und sind ungern allein. Wie auch der Wolf, leben sie gern im Rudel. Deswegen geben wir unsere Welpen in der Regel nicht an Menschen ab, die Vollzeit arbeiten und keine anderen Hunde zuhause haben“. Das Bocholter Paar vermittelt schließlich auch Nachwuchs, wenn eine ihrer Hündinnen von einem Rüden gedeckt wird. Die Warteliste sei aktuell schon sehr voll, „wir vermitteln auch nur an Leute, die wir persönlich kennengelernt haben und denen wir vertrauen können. Tamaskane brauchen viel Aufmerksamkeit und Auslauf, das kann ihnen nicht jeder bieten“, erklärt die gelernte medizinische Fachangestellte.

Alarm: Lyca hat etwas aus dem Garten der Nachbarn gehört. Damira geht schnell nachsehen.
Hier leben Junghund, Mama und Oma zusammen
Koda, Lyca, Damira, Alice und Cara gehören aber fest zur Familie Weinekötter. Cara war ihre erste Tamaskan-Hündin. Anfang 2015 zog der damals erst zwölf Wochen alte Vierbeiner in Bocholt ein, nachdem die Familie, zu der auch noch vier Kinder gehören, die Rasse auf der Hundemesse Bello in Wesel kennengelernt hatte. Ursprünglich sollte Cara hier nur vorübergehend unterkommen, „aber wir haben sie sofort ins Herz geschlossen und dann doch behalten“, erzählt die Bocholterin mit einem Lächeln im Gesicht.
Am 1. Januar folgte dann der erste Wurf, „daher kommt auch Alice, die immer noch bei uns wohnt. Lyca ist aus Caras drittem und letztem Wurf und sie wiederum hat vor vier Monaten Damira zur Welt gebracht. Die Kleine lebt hier also mit ihrer Mama und ihrer Oma zusammen.“

Ein Leckerli ist in den Teich gefallen. Doch Cara (links), Damira und Alice (rechts) geben die Hoffnung noch nicht auf.
So viele Hunde leben bei der Familie Weinekötter
Und damit nicht genug: Neben den vier Tamaskanen und dem Wolfhund leben sogar noch zwei weitere Hunde bei der Familie: Hugo und Hank. Zwei Deutsche-Kurzhaar-Mischlinge. Jagdhunde, die auch viel Auslauf brauchen. „Noch mehr kommen mir aber nicht ins Haus“, sagt Till Weinekötter und lacht.
„Es ist unsere Leidenschaft, unser größtes Hobby. Viel Zeit für andere Dinge bleibt da auch nicht mehr.“ Denn alle Hunde müssen bestenfalls dreimal am Tag Gassi gehen. Das Paar teilt sich die Hunde deshalb auf. „Ich setze mich gerne aufs Rad und nehme zwei, drei Hunde an die Leine, mein Mann geht währenddessen eine große Runde mit den anderen“, erzählt Tanja Weinekötter. Auch zu seiner Arbeit als stellvertretender Leiter einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung nimmt der Bocholter gerne Cara und Alice mit, die beiden sind immerhin auch ausgebildete Therapiehunde.
Das steckt im Tamaskan
Vom kynologischen Dachverband FCI ist der Tamaskan noch nicht als eigene Rasse anerkannt. Die Züchtung ist noch zu jung und die Anzahl der ursprünglichen Zuchttiere und damit auch der Genpool sind zu klein. Tamaskane setzen sich aus unterschiedlichen Rassen zusammen (verbreitet sind Husky und Schäferhund) und können äußerlich stark voneinander abweichen. Typisch sind aber das raue, dicke Fell, spitze Ohren, der buschige Schwanz, die schwarze Nase und ein Scherengebiss.
Großer Transporter für gemeinsame Urlaube
Und wenn es mal in den Urlaub geht? Auch da dürfen die sieben treuen Freunde der Familie natürlich nicht fehlen. Das Paar hat sich dafür extra einen großen Transporter zugelegt. „Vorne sitzen wir, hinten haben wir dann Platz für die sieben Hundeboxen – und noch ein bisschen Gepäck.“


