Einen Moment braucht Gianluca Antoniazzi noch. Er muss noch einen Kunden bedienen, der sich gerade großzügig mit Wein vom Niederrhein eindeckt und mit ein paar Flaschen unter dem Arm zur Kasse marschiert. In diesem Jahr gibt es den dritten Jahrgang vom Weinhof Viniazzi. Und der 36-Jährige hat auch schon wieder eine neue Idee: Der Niederrhein soll zur offiziellen Weinbauregion werden.
Der Kunde verabschiedet sich und läuft aus der Tür des Weinladens in Geldern-Pont heraus. Antoniazzi kommt zurück an den großen Tisch in der Mitte seines Ladens, auf dem er seine Tropfen präsentiert. „Wir haben dieses Jahr acht verschiedene Weine“, sagt er. Seine Reben stehen in Geldern und in Sonsbeck. „Das erste Mal ist ein Rotwein dabei.“ Ob das so ein Filigraner ist? „Nein, der ist kräftig mit seinen 14 Prozent“, sagt der 36-Jährige. „Er hat eine super schöne Farbe, weiche Tannine und kommt sehr gut an. Wir haben bisher ein durchweg positives Feedback für den Rotwein bekommen“, erklärt der Weinbauer. „Vielleicht denkt man, am Niederrhein ist es nicht sonnig genug. Aber die Temperaturen sind ideal. Wir haben die Beeren mit 105 Oechsle reingeholt.“

Antoniazzi ist davon überzeugt, dass der Niederrhein der ideale Ort zum Weinanbauen ist. Deshalb setzt er sich dafür ein, dass der Niederrhein offiziell die 14. Weinbauregion Deutschlands wird. Bisher zählen die Region Ahr, Baden, Franken, die Hessische Bergstraße, die Pfalz, das Rheingau, Rheinhessen, der Mittelrhein, die Mosel, die Nahe, Saale-Unstrut, Sachsen und Württemberg dazu. Und bald dann der Niederrhein? „Ja, das sollte eigentlich klappen“, sagt Antoniazzi mit einem überzeugenden Lächeln. Dafür hat er mit anderen Winzern aus der Region den Weinbauverband Niederrhein gegründet. „Mitglied im Verband darf werden, wer mehr als ein halbes Hektar Weinreben hat“, erklärt der studierte Oenologe aus Pont. Bis 2016 durfte in Geldern übrigens gar kein Wein angebaut werden. Das hat einst Napoleon entschieden.

Die Gründung des Verbands alleine reicht nicht aus, damit der Niederrhein zur Weinregion wird. „Wir müssen in den kommenden Jahren unsere Erträge an den Bund melden und auch die Beschaffenheit der Böden sowie den Geschmack der Weine“, sagt Antoniazzi. Wenn alles glattgeht, womit Antoniazzi fest rechnet, ist der Niederrhein ab 2031 offizielle Deutsche Weinbauregion. Damit ändert sich für Gianluca Antoniazzi zum einen, dass er sich offiziell Winzer nennen darf und er die Herkunft seiner Reben vorn aufs Etikett drucken darf. „Wir versuchen das derzeit mit dem Namen ,Pontifex‘ etwas zu umgehen, so steht wenigstens Pont vorn drauf.“ Alle halbtrockenen Weine von Viniazzi tragen die Bezeichnung ‚Pontifex‘.

Erster Rotwein und erster trockener Rosé
Neben dem ersten Rotwein gibt es in diesem Jahr auch den ersten trockenen Rosé vom Niederrhein. Eine Cuvée aus Satin Noir, Cabaret Noir und Pinotin. „Er schmeckt wunderbar fruchtig und ist mit 11,5 Prozent der ideale Sommerwein“, sagt Antoniazzi. „Füße ins Gras und den Wein genießen.“ Und tatsächlich: Der Rosé überzeugt mit seiner leichten Erdbeernote. Und passend zur Spargelzeit hat der Weinbauer auch eine Empfehlung: „Unser Johanniter passt super zu Tortellini mit Spargel oder unser Pontifex Muskatis. Der hat zwar eine Mini-Süße, aber auch der ist zu empfehlen.“

Antoniazzi baut übrigens ausschließlich PIWIs an. Das sind Rebsorten, die besonders widerstandsfähig gegenüber Pilzkrankheiten wie Mehltau sind und bei denen weniger Pflanzenschutzmittel zum Einsatz kommt. Und was ist mit Insekten? „Die gibt es hier kaum“, sagt der 36-Jährige. Allerdings gibt es am Niederrhein Rehe und die haben sich an einem Weinberg fröhlich durchgefressen. „Wir haben jetzt einen Zaun um die Reben gestellt. Das sieht zwar nicht mehr so hübsch aus, aber es wirkt.“
Wo gibt es die Weine von Viniazzi?
Die Weine vom Weinhof Viniazzi von Gianluca Antoniazzi gibt es in der Weinhandlung, Antoniusstraße 14, in Geldern-Pont. Der Laden hat montags bis freitags von 11 bis 14 Uhr und 16 bis 18.30 Uhr geöffnet sowie samstags von 11 bis 14 Uhr. Außerdem können die Weine auch online geordert werden. www.viniazzi.de
Ab der ersten Septemberwoche bis Anfang Oktober werden die Beeren gelesen. Insgesamt bewirtschaftet Antoniazzi 3,3 Hektar. „Wir pflücken alle Trauben händisch mit der Hilfe von Familie und Freunden“, sagt er. Produziert wird alles vor Ort. „Es ist leider nicht so romantisch wie in der Toskana. Der Wein wird auf einem ehemaligen Milchhof ausgebaut“, erzählt er. Bisher nutzt er ausschließlich Stahltanks, aber schon nächstes Jahr soll es den ersten barriquegereiften Wein aus dem Hause Viniazzi geben. Und damit nicht genug, der niederrheinische Weinbauer hat noch einen größeren Traum: „Unser großes Ziel ist es, ein richtiges Weingut zu haben. Aber das gestaltet sich noch als schwierig.“ Gibt es denn schon Kooperationen mit Gastronomen am Niederrhein? „Wir sind derzeit in diversen Gesprächen“, sagt Antoniazzi. „Meine Eltern müssen natürlich. Die haben ihr Restaurant gleich neben meinem Weinhandel.“
Derzeit reift übrigens der erste Schaumwein von Gianluca Antoniazzi. „Der kann nächstes Jahr probiert werden“, sagt der Weinbauer voller Vorfreude. Eine Flaschengärung – und somit gibt es nächstes Jahr gewissermaßen den ersten „Champagner“ vom Niederrhein.


