Der Wald riecht nach feuchtem Holz und Abenteuer, noch bevor ich den ersten Karabiner in die Hand nehme. Ein paar Meter über mir schweben die Kletterelemente sanft im Wind, weiter hinten im Wald lachen Kinder. Das Wetter ist gut für eine Klettertour, und das möchten die Familien wohl nutzen.

Folgen Sie der Redaktion auf Social Media:

Der Kletterwald Niederrhein liegt am Ortsrand von Nettetal-Hinsbeck, zwischen Jugendherberge und Landessportbund im Freizeitgebiet der Hinsbecker Schweiz. Hier warten 125 Kletterelemente darauf, von Kindern und Erwachsenen unsicher gemacht zu werden. Doch bevor die Besuchenden hier klettern können, kontrollieren die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen alle Routen: „Wir klettern jeden Morgen die Touren frei, um zu überprüfen, ob es in der Nacht Vandalismus gegeben hat oder etwas an den Bäumen ist“, erklärt Matthias Schinken. Der 37-Jährige arbeitet seit 19 Jahren im Kletterwald. Er weiß genau, welche Handgriffe bei der Sicherung nicht fehlen dürfen, bevor es Richtung Baumkronen geht. Dort warten Netzbrücken, Bohlen, Schaukeln, Seilbahnen, Surfbretter und Tarzan-Sprünge in einer Höhe von ein bis 15 Metern.

Klettersicherheit: So funktioniert das Sicherungssystem im Kletterwald

Doch bevor es in die Höhe geht, lässt Schinken auf einem Bildschirm einen fünf Minuten langen Einführungsfilm ablaufen. Während ich auf der noch etwas feuchten Holzbank sitze, hoffe ich, dass mein Kopf sich die Infos merkt, wenn gleich die Hände zittern. Es wird genau erklärt, wie man den Karabinerhaken befestigen muss und wie die Sicherung funktioniert.

Mehr vom Niederrhein

Eine durchlaufende Sicherung sorgt dafür, dass man im Kletterwald während des gesamten Parcours gesichert bleibt. Der Karabiner wird am Anfang eingehängt und kann an den Stationen nicht versehentlich gelöst werden. So können die Kletternden Hindernisse und Höhen meistern, ohne zwischendurch ungeschützt zu sein. Ansonsten gilt: keine Ohrringe und zusammengebundenes Haar.

Kletterwald Nettetal
Matthias Schinken hilft Redakteurin Helena Wagner in den Sicherheitsgurt. Er arbeitet seit 19 Jahren im Kletterwald.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Auf dem Parcours „Ecki“ darf ich üben: Die Route ist nicht hoch, etwa 1,60 Meter über dem Boden kann man hier testen, wie man mit der Sicherung zurechtkommt, die man eigenständig über die Drahtseile zieht. Ich bin überrascht, wie wackelig sich die Holzstämme und Seile schon in dieser Höhe anfühlen. Schinken weiß: „Es gibt keinen großen Unterschied zwischen den Elementen in den Parcours außer der Höhe. Die Elemente sind oft gleich schwer, man ist natürlich immer gesichert. Aber der Kopf macht den Unterschied.“ Die Schwierigkeiten der Kletterrouten sind nach Farben sortiert. Grün beginnt bei einer Griffhöhe von 1,50 Metern. Die schwarze „Risiko“-Route findet hoch oben bei 14 Metern statt. Alle Touren bis auf die grünen beginnen auf dem Dach des Haupthäuschens in der Mitte des Parks.

Geschäftsführer: „Vor der Eröffnung habe ich gar nicht geklettert“

Geschäftsführer Jörg Brockes gehört zu den deutschen Pionieren, was Kletterwälder angeht. „Ich war früher als Kind selbst hier in der Jugendherberge. Dass ich ein paar Jahre später direkt nebenan einen Kletterpark eröffnen würde, hätte er nicht gedacht“, erinnert sich der 53-Jährige.

Kletterwald Nettetal
Volle Fahrt voraus: Die Seilbahnen sind besonders beliebt im Kletterwald Niederrhein.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Vor 20 Jahren hat er seinen Kletterwald eröffnet, damals noch am Standort in den Süchtelner Höhen: „Damals habe ich als Landschaftsarchitekt in einem Ingenieurbüro in Osnabrück gearbeitet. Mein damaliger Kollege eröffnete damals den zweiten Kletterwald in Deutschland.“ Brockes zieht in seiner Heimat am Niederrhein nach. „Vor der Eröffnung habe ich gar nicht geklettert“, gibt er schmunzelnd zu. „Ich sage immer, ich bin hier der Verwaltungsangestellte.“ Vor sechs Jahren ist er an den Standort in Nettetal gewechselt. „Am alten Standort gab es überwiegend Fichten.“ Das habe bei Stürmen, wie 2007 beim Sturm Kyrill, für Probleme gesorgt.

Kletterwald Nettetal
Volle Fahrt voraus: Die Seilbahnen sind besonders beliebt im Kletterwald Niederrhein.© FUNKE Foto Services | Kai Kitschenberg

Doch auch hier merkt er, dass die Natur sich verändert: „Die Bäume haben viel Stress. Letztes Jahr war es im Sommer so trocken, dass wir 600.000 Liter Wasser nachgießen mussten.“ Alle zwölf Monate wird hier alles geprüft: „Es kommt ein Baumgutachter, der sich die Bäume genau anschaut. Die Kletterelemente werden natürlich auch jedes Jahr geprüft.“ Er und sein Team überlegen sich noch immer neue Elemente für die Routen.

Klettern: Höhenangst nur im Kopf?

Ich traue mich, eine blaue „Abenteuer“-Route zu klettern. Mein erster Eindruck: Mann, ist das hoch! Acht Meter über dem Boden sind dann doch etwas anderes. Aber ich versuche mir die Worte des Fachmanns ins Gedächtnis zu rufen: Es ist alles nur im Kopf! Ich hänge mich ein, prüfe zweimal, ziehe am Seil. Dann der erste Schritt auf das wackelnde Element. Es gibt leicht nach. Jeder Schritt verlangt eine Entscheidung: Gewicht verlagern oder zurückziehen? Ich entscheide mich fürs Vorwärtsgehen, mehr aus Trotz als aus Mut.

Mit jedem Hindernis wächst etwas, das schwer zu beschreiben ist. Es ist keine plötzliche Angstfreiheit, eher ein langsames Verschieben der Grenze. Wo eben noch Zögern war, stellt sich so etwas wie Routine ein. Ich führe den Karabiner sicherer über die Drahtseile, Hände greifen, Füße finden ihren Weg. Der Körper lernt schneller als der Kopf.

Mit Schwung über sechs Seilbahnen ins Abenteuer

Der Wind bewegt die Blätter, und für einen Moment fühlt sich alles überraschend ruhig an. Schon bald kommt die nächste Herausforderung: eine Seilrutsche. Die Route namens „Seilbahn“ hat ihren Namen nicht umsonst: Insgesamt sechs Seilbahnen führen hier bis zum Boden. Matthias Schinken schaut von unten zu. Er rät mir, immer mit den Beinen mitzulaufen, damit ich mich nicht am Seil drehe. Ich atme tief durch, setze mich in den Gurt – und dann geht es los.

Kletterwald Niederrhein

41334 Nettetal. Ein Tagesticket für Erwachsene kostet 35 Euro. Ein Flexticket für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren kostet 21,50 Euro. Die Öffnungszeiten können sich aufgrund der Buchungslage sowie der Wetterlage ändern. Auf der Webseite www.kletterwald.net sind aktuelle Informationen zu finden.

Adresse: Heide 2. 41334 Nettetal
Telefon: 02153 121 9019
E-mail: info@kletterwald.net

Der Fahrtwind ist kühl, schneller als erwartet. Links und rechts rauscht das Grün des Waldes vorbei. Unter mir sehe ich, wie ein Kindergeburtstag gefeiert wird. Als ich am Ende ankomme und leicht gegen die Bremse schwinge, muss ich laut lachen. Einen Fehler leiste ich mir dann doch: Während einer Abfahrt auf einer Seilbahn berühre ich aus Angst, nicht genug Schwung zu haben, um bis auf die andere Seite zu kommen, ein Seil. Doch ich bin schneller als vermutet und verbrenne mir durch den Schwung eine kleine Stelle an der Hand. Irgendwo zwischen wackelnden Seilen und klickenden Karabinern entsteht etwas, das man leicht übersieht: ein kleines Stück Vertrauen in die eigenen Schritte.