Wer glaubt noch an den Priestermangel in der katholischen Kirche? Bei der Einführung des neuen Bischofs von Münster zumindest ist davon wenig zu sehen. 18 Priester versammeln sich am Sonntag, 21. Juni, um den Altar des Paulus-Doms in Münster, um den neuen Chef des Bistums offiziell in sein Amt einzuführen. Heiner Wilmer, zuvor Bischof in Hildesheim, ist Ende März von Papst Leo XIV. zum Nachfolger von Bischof Felix Genn ernannt worden, der im Frühjahr 2025 mit 75 Jahren entpflichtet wurde.

Um 14 Uhr ging es los: Nach einem strengen Ritus, der noch an die Zeit erinnert, als Bischöfe nicht nur das geistige Oberhaupt der Katholiken waren, sondern auch weltliche Macht hatten. So gibt es kein Zepter, aber einen Bischofsstab, keinen Thron, aber einen Bischofssitz namens Kathedra. Und ein schmuckes neues Wappen hat der neue Herrscher auch, gestaltet von zwei Teenagern. Was schon mal eine kleine Revolution ist.

Doch selbst ein Bischof fällt nicht einfach vom Himmel, er wird gewählt. Vom Domkapitel, einer Versammlung bedeutsamer Geistlicher des Bistums, das sich im Vorfeld mit vom Kirchenvolk gewählten Frauen und Männern beriet. Das ist im Raum der katholischen Kirche schon quasi Basisdemokratie.

Zwei Jugendliche aus Trier und Münster, Lukas Böck und Jakob Werding, haben das neue Wappen des Bischofs von Münster entworfen. Und erhielten, nach kleinen Änderungen, auch den Segen eines Professors für Heraldik und den energischen Zuspruch des neuen Bischofs. 
Zwei Jugendliche aus Trier und Münster, Lukas Böck und Jakob Werding, haben das neue Wappen des Bischofs von Münster entworfen. Und erhielten, nach kleinen Änderungen, auch den Segen eines Professors für Heraldik und den energischen Zuspruch des neuen Bischofs. © Bistum Münster | Gudrun Niewöhner

Doch der Ritus erinnert noch ein wenig an eine Krönung. Bloß: Wenn Heiner Wilmer der Chef ist, wer ist dann derjenige, der ihn ins Amt erhebt? Zwischen Gott, dem Papst und ihm steht noch Rainer Maria Kardinal Woelki. Er eröffnet den Gottesdienst als Metropolit der Kirchenprovinz Köln, die die Bistümer Aachen, Essen, Münster, Limburg und Trier umfasst.

Domkapitel bestätigt Wilmer als rechtmäßigen Bischof von Münster

Hausherr in Münster ist indes das Domkapitel. Und die schauen erst einmal kritisch, ob auch alles seine Richtigkeit hat. Dessen Vorsitzender, Dompropst Hans-Bernd Köppen, verliest die päpstliche Urkunde gemeinsam mit Laienvertreterin Brigitte Lehmann. Eine Frau bestätigt die Korrektheit der Bischofsernennung! Auch das ist eine weitere Revolution im Reich der Manosphere katholische Kirche.

Der Propst wendet sich dann an Heiner Wilmer, um ihm zu sagen: „Mit Freude stellen wir fest, dass Sie der rechtmäßige Bischof von Münster sind.“ Und zwar der 77. Bis ins Jahr 805 reicht die Bistumschronik zurück, auf den Heiligen Liudger, dessen sterbliche Überreste in Essen-Werden liegen.

Dann bekommt der neue Bischof seinen Stab. Der wird von Gläubigen in den Dom getragen. Er schmückt normalerweise die Figur des Heiligen Liborius. Nachdem Bischof Felix Genn Amt und Stab im März 2025 niedergelegt hatte, wurde er aus der Kirche entfernt.

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Jetzt bekommt ihn der neue Bischof, übrigens mit 65 Jahren ziemlich exakt zehn Jahre jünger als sein Vorgänger, mit den Worten: „Nimm hin den Stab des heiligen Liudger. Trage Sorge für die Kirche von Münster, trage Sorge für die ganze Herde Christi.“ Seine „Herde“ hat er schon ein wenig kennengelernt. Wilmer machte in den letzten Wochen eine Pilgerreise durch sein neues Reich mit mehreren Stationen, unter anderem am Niederrhein.

In seiner Predigt geht der  neue Bischof auf die Erfahrungen seiner Pilgerreisen ein, auf denen er in den vergangenen Wochen sein neues Bistum erkundete: „Bekennen heißt nicht zuerst, etwas behaupten. Bekennen heißt: Mein Leben stimmt mit dem überein, was ich sage. Mein Herz, mein Wort, mein Handeln gehen in ein- und dieselbe Richtung.“

Und, im christlichen Sinne: „Bekennen heißt, mit Gott übereinstimmen und es sichtbar werden lassen.“ Das sei in der aktuellen Zeit nicht einfach. „Wir spüren: Wer tiefer sieht, leidet mehr. Leiden ist der Preis gesteigerter Sensibilität.“ Das Bistum Münster kenne Antworten, lebendige Antwort durch Vorbilder.

Beispielhaft nennt er Annette von Droste-Hülshoff, die Autorin der „Judenbuche“. Er erinnert an Maria Droste zu Vischering, ,die als Ordensschwester sich um Mädchen und Frauen in Porto kümmerte, und er nennt, wie schon bei seiner Vorstellung, Schwester Maria Euthymia, die in Dinslaken zu Zeiten der NS-Herrschaft Kriegsgefangene aller Länder versorgte.

Wilmer ruft Gläubige zum mutigen Bekenntnis ihres Glaubens auf

Drei Frauen also, auch das ist eine Art Bekenntnis, mit dem Bischof Heiner Wilmer Botschaften setzt. Politischer allerdings wird er nicht. Sehr klar wird seine zweite Säule: Sein starker Bezug zur Bibel. Er fordert die Gläubigen im vollbesetzen Dom auf, sich ebenfalls zu bekennen. Mit Botschaften: „Ein Wort, das nicht angepasst ist. Ein Schritt der nicht bequem ist. Ein Blick, der den anderen wirklich sieht.“

Das könne Angst machen, Jesus verspreche jedoch: Wer sich zu ihm bekenne, zu dem bekenne sich Gott ebenfalls. „Wir dürfen uns von Gott halten lassen“, so sein Schlusswort. „Seid nicht bange! Bleibt standhaft! Haltet fest am Glauben!“ Dafür gab es Applaus.

So also will der neue Bischof von Münster seine Herde führen. Ein Bischof ist, dafür steht der Stab, immer auch Hirte seiner Herde. Dieses findet sich auch im Wappen des neuen Bischofs wieder. Da ist das Wappen des Bistums enthalten, golden mit einem roten Balken, dazu ein Kreuz mit einem gelben Herzen, das an seine Zugehörigkeit zum Orden der Herz-Jesu-Priester erinnert. Und da sind drei Schäfchen auf einer roten Wiese, die nicht nur für seinen Geburtsort Schapen im Emsland stehen, sondern auch für seine gläubigen Schäfchen, immerhin 1,6 Millionen an der Zahl im Bistum Münster.

Heiner Wilmer (l), Bischof von Hildesheim und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, wird hier von Hans-Bernd Köppen, Dompropst, im St.-Paulus-Dom vorgestellt.
Heiner Wilmer (l), Bischof von Hildesheim und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, wird hier von Hans-Bernd Köppen, Dompropst, im St.-Paulus-Dom vorgestellt.© Rolf Vennenbernd/dpa | Rolf Vennenbernd

Das Motto, das sich Heiner Wilmer gewählt hat und das damit so etwas wie die Tonalität seiner Bischofszeit vorgibt, klingt erstaunlich froh und leicht: „Wir wollen nicht Herren über euren Glauben sein, sondern Mitarbeiter an eurer Freude; denn im Glauben steht ihr fest.“ Oder, so wie es im Zweiten Korintherbrief der lateinischen Bibel steht: „Non quia dominamur fidei vestrae, sed adiutores sumus gaudii vestri.“

Freude vermitteln und Gehorsam einfordern

Aufs Wappen passt dann nur die etwas kürzere Fassung „adiutores gaudii vestri“, zu Deutsch in etwa: „Mitarbeiter eurer Freude.“ Klingt etwas sperrig, soll aber wohl zeigen: Hier möchte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Freude am kirchlichen Leben vermitteln, das Frohe der Frohen Botschaft betonen.

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Aber Frohsinn und Freude hin oder her, ein Herrscher ist ein Herrscher. Und dem versprechen in der Folge die Untergebenen Ehrfurcht und Gehorsam, zumindest aber eine vertrauensvolle Zusammenarbeit; jeweils stellvertretend machen das die Ordensleute, die Mitarbeiter des Bistums, aber auch die Religionslehrer, die Jugendlichen und andere in der Kirche wichtige Gruppen.

Seinen Segen hat er schon mal: Kirche und Staat reichen sich bei Bischofsernennungen die Hand. Am Dienstag vereidigt Hendrik Wüst den neuen Bischof von Münster, damit dieser nicht nur die Bibel, sondern auch Grundgesetz und Landesverfassung beherzigt.
Seinen Segen hat er schon mal: Kirche und Staat reichen sich bei Bischofsernennungen die Hand. Am Dienstag vereidigt Hendrik Wüst den neuen Bischof von Münster, damit dieser nicht nur die Bibel, sondern auch Grundgesetz und Landesverfassung beherzigt.© Rolf Vennenbernd/dpa | Rolf Vennenbernd

Und wenn es doch ein festgelegter, jahrhundertealter Ritus ist, so kann jeder neue Herrscher in diesem Rahmen seine Akzente setzen. So fällt auf, dass Heiner Wilmer zwar traditionelle lateinische Kirchenlieder aufnimmt, aber auch zwei englische Gospels in den Gottesdienst einflechtet. Eine Fürbitte werden spanische Gläubige sprechen, auch zwei spanische Priester nehmen an der Feier teil.

Bischof Wilmer legt Amtseid auf Landesverfassung in Düsseldorf ab

Zudem wird das in diesem Gottesdienst von den Gläubigen gesammelte Geld an Hilfsprojekte in Lateinamerika und an die Frauenhäuser des Bistums Münster gehen. So setzt ein neuer Bischof dezent seine Botschaften im strengen Korsett einer solchen Feier.

Apropos Korsett: Ein paar Regeln gelten in unserem säkularen Staat auch für Bischöfe. So war Heiner Wilmer fünf Tage vor seiner Amtseinführung zu Gast bei seinem weltlichen Herrn: Ministerpräsident Hendrik Wüst nahm ihm in Düsseldorf den Eid auf Grundgesetz und Landesverfassung ab. Schließlich, so regelt es der Staatsvertrag zwischen NRW und dem Vatikan, das Konkordat von 1929, zahlt das Land dem Bischof von Münster das Gehalt.