„Warum dürfen wir eigentlich nie mitschießen?“ Eine Frage, die sich Olivia Mucha immer wieder stellen muss. Seit vielen Jahren besucht sie die Schützenfeste in ihrer Heimat, schaut sich die Umzüge an und landet einmal sogar als Auserwählte des Schützenkönigs auf dem Thron. Frauen gehören eben auch in Rhede fest zur Tradition dazu. Nur wenn es ums Schießen geht, bleiben die Vereine knallhart – und lassen nur die Männer ans Gewehr. Ein Schicksal, dem sich ein paar Rhederinnen eines Tages aber nicht länger hingeben wollen.

Es ist der Sommer 2024. Die zu der Zeit 25-jährige Mucha genießt gerade ihren Urlaub in Prag. Mit dabei ist auch der Präsident der Rheder Junggesellen. „An einem Abend kam dann mal wieder das Thema auf, ob auch Frauen um den Königstitel schießen sollten oder nicht“, erzählt sie im Gespräch mit der NRZ. Auch wenn es anderorts schon viele Vereine vorgemacht haben, in Rhede will erst mal kein Verein seine Satzung ändern. Und als sie zum hundertsten Mal darüber diskutiert, kommt ihr plötzlich eine Idee: „Wenn andere uns nicht mitmachen lassen, gründen wir eben einen eigenen Verein.“

Von der Urlaubsidee zur WhatsApp-Gruppe

Die Idee: ein Schützenverein für Frauen. Und was zunächst nur ein spontaner Gedanke ist, wird schließlich zur WhatsApp-Gruppe. „Da haben wir ein paar Frauen ins Boot geholt, die auch Bock darauf hatten.“ Und schon kommt der Stein ins Rollen. Am 31. August 2024 treffen sich die ersten Schützinnen zur Gründungsversammlung. „Da ist uns erst mal klar geworden, wie viel wir noch abklären müssen: Was steht in der Satzung? Wer macht den Vorstand? Wie sollen unser Wappen und die Uniform aussehen?“

Wenn andere uns nicht mitmachen lassen, gründen wir eben einen eigenen Verein.

Frauenschützenverein Rhede 2024 e.V.
Olivia Mucha

Viele Unsicherheiten, doch der Wille bleibt und der „Frauenschützenverein Rhede 2024 e.V.“ wird schließlich offiziell eingetragen. Die meisten Mitglieder kennen sich sowieso schon gut mit der Tradition aus. „Und wenn wir mal nicht weiter wussten, standen uns die St. Jakobi Bürgerschützen oft zur Seite“, erinnert sich Mucha.

Frauenschützenverein: Traditionsbruch oder Weiterentwicklung?

In einer Sache sind sich die Frauen aber schnell einig: „Wir wollen nicht alles komplett anders machen. Wir wollen nah an der Tradition bleiben, wie wir sie kennengelernt haben.“ Unter diesem Motto entsteht auch die Uniform: schlicht, schwarze Jacken, weiße Hemden, grüne Hüte, weiß-grüne Schärpen.

Frauenschützenverein Rhede 2024 e.V.
Die Rheder Frauenschützen beim Marsch durch die Stadt.© Privat | Privat

Zum ersten Mal offiziell in Erscheinung tritt der frisch gegründete Verein dann beim Rheder Weihnachtsmarkt Ende 2024. Mit einem Verkaufsstand sammeln die Frauen Geld für die Vereinskasse. „Denn so ein Verein ist echt teuer“, müssen die Gründerinnen immer wieder erfahren. Immer noch sparen sie auf eine große Fahne hin: „Die kostet schnell mal einen vierstelligen Betrag.“

Rheder Frauenschützen wachsen immer weiter

Fürs Erste geht’s aber auch ohne Fahne, beschließen die Mitglieder auf der ersten Jahreshauptversammlung im Februar 2025. Hier werden auch die Ämter offiziell vergeben, Mucha wird Oberst und trägt direkt die Verantwortung für das Kennenlernfest, bei dem der Verein zum ersten Mal zur Kranzniederlegung durch die Stadt marschiert. Zu dem Zeitpunkt sind schon rund 30 Frauen im Verein. Und der Plan geht auf. Die Frauenschützen bekommen Zuspruch in der ganzen Stadt, werden auf mehrere Schützenfeste eingeladen und gewinnen sofort die nächsten Mitglieder. „Bis zum Abend hatten wir 30 neue Anmeldungen“, erzählt die Rhederin.

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Parallel laufen längst die Vorbereitungen für das erste Schützenfest des Vereins. Und es soll direkt ganz groß werden: zwei Tage, ein Umzug durch die Stadt mit Tambourkorps, Festzelt und Königsschießen. „Das war ganz schön aufwendig und teuer. Wir wurden aber zum Glück immer von anderen Vereinen und Sponsoren unterstützt“, erzählt Mucha.

Rhedes erste Schützenkönigin

Am zweiten Juniwochenende 2026 ist es dann endlich soweit. Das Schützenfest wird ein voller Erfolg. An dem Wochenende knacken die Frauenschützen die 100 Mitglieder. Beim Königsschießen treten drei Anwärterinnen an. Sie alle wollen Rhedes erste Schützenkönigin werden. Nach dem 279. Schuss fällt der Vogel, ausgelöst durch Justine Leder. Die 28-Jährige gehört zu den Gründungsmitgliedern des Vereins. Mit der Tradition ist sie aufgewachsen. „Deshalb war es auch schon immer mein Traum, einmal selbst Königin zu werden“, erzählt sie stolz.

Als Zeugwart war sie bisher vor allem für die Uniformen verantwortlich. Jetzt soll sie den jungen Verein als erste Königin repräsentieren. Zu vielen Festen wurden die Frauenschützen bereits eingeladen. Jetzt bleibt nur die Frage: Wen holt sie mit auf den Thron? Nur Frauen? Kommt für sie nicht infrage. „Ich habe viele männliche Freunde, einige davon haben uns auch bei der Gründung unterstützt. Deshalb wollte ich ein Zeichen setzen“, sagt Leder heute.

Frauenschützenverein Rhede 2024 e.V.
Auch Männer dürfen mitmachen beim Frauenschützenverein Rhede.© Privat | Privat

Gemischter Thron bei den Frauenschützen

Ihr Partner darf ihr König werden, ihren Hofstaat sucht sie sich aus ihrem Freundeskreis zusammen. Die Rhederin will damit zeigen: „Bei uns darf jeder mitmachen, unabhängig vom Geschlecht.“ Auch im Vorstand seien Männer willkommen. Und obwohl es der Vereinsname vielleicht anders vermuten lässt: Das Mitschießen ist bei den Frauenschützen ebenfalls nicht nur Frauen vorbehalten.

Frauenschützenverein Rhede 2024 e.V.
Geschafft: Justine Leder ist die erste Königin des noch jungen Frauenschützenvereins in Rhede.© Privat | Privat

Jeder, der das noch nicht zulässt, sollte vielleicht mal bei uns vorbeischauen.

Justine Leder, über Frauen beim Königsschießen

„Auf das Geschlecht kommt es nicht an. Das zeigen wir und auch schon einige andere Vereine, die jeden schießen und mitmachen lassen“, sagt Olivia Mucha. Die St. Jakobi Bürgerschützen konnte der neue Verein bereits inspirieren. 2025 kündigten sie an, künftig auch Frauen mitschießen zu lassen. „Jeder, der das noch nicht zulässt, sollte vielleicht mal bei uns vorbeischauen“, fügt Justine Leder hinzu. „Dann würde er sehen, dass wir im Grunde die gleiche Tradition leben und das Wichtigste dabei nicht verloren geht: der Spaß und die Gemeinschaft.“

  • Wir suchen das NRZ-Königspaar 2026! Schützenvereine können ihre Regenten auf nrz-koenigspaar.de anmelden, ab dem 15. September wird dann täglich abgestimmt. Am Ende können sich drei Paare die Krone aufsetzen: eins vom Niederrhein, eins aus dem Ruhrgebiet und eins aus Düsseldorf. Den Siegern spendiert König Pilsener jeweils 150 Liter Freibier für das nächste königliche Fest, wir legen 500 Euro Partybudget obendrauf.