„Zuerst müssen wir mal probieren“, sagt Thomas Rühl nur Sekunden nach der herzlichen Begrüßung auf seinem Hof. Die Fragen zu Heidelbeersorten, Selbstpflücken und Anbau laufen ja nicht weg. Also: Rein ins Golfcart und auf zum ersten Heidelbeerfeld. Sieben Sorten baut der Landwirt an.
Natürlich erkennt der Experte alle am Geschmack. Aber schaffen das auch Heidelbeer-Laien, die die Früchte einfach nur gerne naschen? „Doch, so drei bis vier Sorten können sie auch rausschmecken“, versichert der 47-Jährige. Das kann ja lecker werden!
Heidelbeeranbau: Weihnachtsbaum-Häcksel verbessern den Boden
Das offene Fahrzeug düst vorbei an langen, gepflegten Reihen mit Sträuchern. Es ist schon eine Weile her, dass hier Kühe über die Weide liefen und Mais angebaut wurde. Thomas Rühl hat 2015 den elterlichen Betrieb übernommen, die Felder waren damals größtenteils verpachtet. Rühl selbst war lange im Ausland, hat dort Ackerbetriebe mitaufgebaut. „Zuletzt hatte ich Heidelbeerplantagen in Portugal, daher der Bezug zur Heidelbeere.“ Für den Fachmann war klar: Auch der leichte, sandige Boden in Drevenack passt gut zur Kulturpflanze.
„Bei den Heidelbeeren liegt der Erfolg zu 90 Prozent im Boden“, weiß der Landwirt. Der Boden muss humos und sauer sein. Ein bisschen nachgeholfen werden muss schon, aber das klappt ganz innovativ: „Wir mischen Weihnachtsbaum-Häcksel unter“, beschreibt Thomas Rühl, der den Familienbetrieb gemeinsam mit seiner Ehefrau Julia führt.

Die süße Sorte Duke ist am frühesten reif und schon abgeerntet. Also hält das Golfcart ein Feld weiter. Hier wächst die Beere Megas Blue, deren große Früchte sofort auffallen. Die sonnenwarmen Früchte sind süß und saftig. Die Erntehelferinnen und -helfer sind hier gerade bei der zweiten Pflücke, erklärt Rühl.
Heidelbeeren reifen in Etappen, gepflückt wird dreimal, manchmal auch viermal. „Die zweite Ernte ist eigentlich immer die Haupternte, dann werden die meisten Kilos vom Strauch geholt.“ Vier bis fünf Kilo pro Strauch sind das Ziel. Damit das gelingt, hilft zum Beispiel die automatische Bewässerung. Alle Felder sind verrohrt. Tropfschläuche geben alle 30 Zentimeter Wasser an die Wurzeln ab.

Aber auch die Pflege im Frühjahr sei wichtig für eine gute Ernte, betont Thomas Rühl. Der Qualitätsschnitt des Strauchs erinnert an eine Krone: innen hohl, außen junge, starke Triebe. Die Zweige im Inneren werden herausgeschnitten, damit der Wind im Sommer die Hitze aus dem Strauch pusten kann.
Heidelbeeren in NRW: Superfood bleibt gefragt
Stichwort Wetter: Die Hitze der letzten Wochen ist auch an den Heidelbeeren nicht spurlos vorübergegangen. Die frühen Sorten haben einen Hitzeschaden abbekommen. Aber Thomas Rühl schaut nach vorn. Aktuell ist das Wetter genau richtig: „Irgendwas zwischen 20 und 30 Grad, das noch für die nächsten Wochen, wäre perfekt.“

Das Golfcart fährt zum nächsten Feld der acht Hektar großen Heidelbeer-Plantage. Die Sträucher hier sind etwas höhergewachsen als auf dem Feld davor. „Das ist jetzt die Sorte Top Shelf, die ist eine unserer zwei absoluten Krachersorten in der Fruchtgröße und liegt geschmacklich voll im Trend.“ Neben den Top-Shelf-Sträuchern wächst Gerste auf einem großen Feld. Aber nicht mehr lange: Hier werden im nächsten Jahr zwei weitere Hektar Blaubeeren angebaut.
Die Frucht liegt allgemein im Trend: Sie ist als Superfood beliebt, und in NRW die anbaustärkste Strauchbeere vor den roten und weißen Johannisbeeren. In Zahlen: In Nordrhein-Westfalen wurden im vergangenen Jahr auf 347 Hektar Heidelbeeren angebaut, 2343 Tonnen wurden geerntet.
Dann wollen wir mal: Tatsächlich macht die aromatische Top-Shelf-Frucht sofort Lust auf mehr, die leichte Säure ist intensiver als bei den Früchten vom Feld davor. Heidelbeeren zu ernten ist übrigens einfach. Die reifen Früchte fallen fast in die Hand. Die erfahrenen Erntehelferinnen und -helfer sind dabei extrem schnell: Sie haben ein Gefäß um den Bauch gebunden und ernten mit beiden Händen. 34 Männer und Frauen aus Rumänien helfen in diesem Jahr bei der Ernte mit. Wenn es richtig heiß ist, fangen sie um 5 Uhr morgens an, die Mittagshitze sei dann keinem zuzumuten, sagt Thomas Rühl. Die gepflückten Beeren werden viermal am Tag abgeholt und kommen dann direkt vom Feld ins Kühlhaus auf dem Hof.

Etwas weiter vorn in der gleichen Reihe sind einige Selbstpflücker am Werk. Hier wird behutsam Beere für Beere gepflückt. Der 1-Kilo-Joghurtbecher, den Christine Komorek für die Selbstpflücke mitgebracht hat, ist schon fast voll. „Ich bin schon zum zweiten Mal hier“, erzählt die Frau aus Voerde. Was sie mit den vielen Heidelbeeren wohl macht? „Die werden einfach so genascht. Wir waren vor fünf Tagen hier und haben schon mal welche gepflückt. Noch bis heute früh waren sie ganz frisch“, lobt sie.
Beeren pflücken
Die Heidelbeer-Saison ist kurz, sie dauert etwa zwei Monate. In dieser Zeit gibt es die Früchte vom Hof in Hünxe in den umliegenden Edeka- und Rewe-Märkten, auch Hofläden und Restaurants werden beliefert. Natürlich wird auch über den Großhandel vertrieben. Den Namen „Der Heidelbeer“ und das Logo mit dem lila Bärenkopf hat sich Julia Rühl ausgedacht, ein Hünxer Designer hat es entworfen.
Die Heidelbeerplantage läuft gut und wird erweitert, Hauptgeschäft ist aber ein anderer Bereich: Thomas Rühl ist Hersteller und Großhändler von Pferdefutter. Niederrhein-Pellets und Heidelbeeren ergänzen sich gut, sagt der Landwirt. Das Futter ist ein Wintergeschäft, so bleibt der Sommer ganz den Heidenbeeren überlassen.
Wer auf dem Heidelbeer-Hof in Hünxe selbst pflücken möchte, kann dort freitags von 10 bis 19 Uhr und an den Wochenenden von 10 bis 17 Uhr vorbeischauen, wahrscheinlich noch bis Mitte August. Mehr Infos gibt es auf Instagram @der_heidelbeer und auf der-heidelbeer.com
Der Weg zurück zum Golfcart führt dann an ein paar Duke-Sträuchern vorbei, an denen doch noch die ein oder andere süße Beere hängt. Auch lecker! Drei Sorten an einem Tag sind eine gute Ausbeute für Selbstpflücker, findet Thomas Rühl. „Alle sieben kann man nicht auf einmal probieren, weil das schlicht von der Abreife nicht passt.“ Er selbst greift auch gerne zu, immer noch: „Ich esse jeden Tag ein halbes bis ein Kilo, wenn ich durch die Plantage laufe.“



