Am Grange Beach bei Adelaide hallt das Kreischen der Möwen über den Sand. Sie umkreisen keine Fischerboote, sondern tote Fische, von Schaum und Algenresten umspült. Dazwischen liegen filigrane Seedrachen, deren zarte Formen sonst nur Taucher zu Gesicht bekommen. Nun aber gehören sie zum alltäglichen Bild am Strand. „Auch unter Wasser herrscht so viel Zerstörung, und wir wissen nicht, wie schlimm es noch werden wird und wie lange es anhalten wird“, sagt der Meeresbiologe Stefan Andrews in einem Telefoninterview.

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Seit Monaten kämpft Südaustralien mit den Folgen einer massiven Algenblüte, die bereits Zehntausende Meerestiere getötet hat. Besonders betroffen ist die Metropolregion rund um Adelaide, Hauptstadt des Bundesstaats South Australia. Hier erstreckt sich die Küstenlinie über die St.-Vincent-Golfbucht, die von kilometerlangen Sandstränden gesäumt ist – normalerweise ein Freizeitparadies für Surfer, Taucher und Familien. „Dies ist eine einzigartige Situation, denn auch an der Küste sehen wir, dass das Meer krank ist“, sagt Andrews, der auch Mitgründer der Great Southern Reef Foundation ist.

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Plastiksäcke mit toten Fischen: „Ein Buschfeuer unter Wasser“

Jeden Morgen rücken die Aufräumtrupps der lokalen Stadtverwaltung an. Über eine Strecke von elf Kilometern, von Grange bis West Beach, füllen sie Plastiksäcke mit verendeten Fischen, Rochen oder Haien. Bis zu 200 Kilogramm Material landen an einem einzigen Tag in der Sammelstelle – später wird es zu Kompost verarbeitet. „Ein grausiges Bild an unseren wunderschönen Stränden“, schrieb eine Anwohnerin auf Facebook. Forschende sprechen von einem „kollektiven Trauma“, das viele Menschen hier durchleben.

Tote Fische in Australien
Das langsame Desaster an Adelaides Stränden: Wie eine Algenblüte Tausende Meerestiere tötet und für ein kollektives Trauma sorgt© Brad Martin, Flinders University bzw. Unterwasseraufnahmen Flinders University | Brad Martin, Flinders University bzw. Unterwasseraufnahmen Flinders University

Die Dimensionen sind gewaltig. Auf der Plattform iNaturalist wurden bislang rund 34.000 tote Tiere aus etwa 480 Arten gemeldet. Forschende gehen davon aus, dass die Algenblüte im Januar begann. Über Monate wuchs sie zu einem Areal von 4500 Quadratkilometern heran – größer als die spanische Urlaubsinsel Mallorca. Ein Forscher verglich die Algenblüte bereits mit einem „Buschfeuer unter Wasser“. Die Parallele ist nicht zufällig gewählt – wie bei einem Flächenbrand bleibt vielen Arten kaum eine Chance, zu entkommen.

Mikroskopische Algengefahr in Australien

Surfer klagten im März dann erstmals über „mysteriösen Schaum“, verbunden mit Augenreizungen und hartnäckigem Husten. Bald darauf identifizierten Wissenschaftler die Ursache: Karenia mikimotoi. Sie gehört zur Gruppe der Dinoflagellaten und kann giftige Substanzen abgeben. Diese sind für Menschen nicht tödlich, können aber Augen-, Nasen- und Rachenreizungen auslösen. Für Meeresbewohner sind sie jedoch verheerend. Die Mikroalge greift die Kiemen von Fischen an, verursacht Zellzerstörung, Blutungen und eine Form der Hypoxie – also Sauerstoffmangel im Blut. Wenn die Algen absterben, entzieht ihr Zersetzungsprozess dem Wasser zusätzlich Sauerstoff, was weitere Tiere ersticken lässt. Die Blüte betreffe insbesondere Bodenbewohner und riffassoziierte Tiere aus verschiedenen Lebensräumen, die sich nicht schnell genug fortbewegen könnten, erklärte Brad Martin, Meeresforscher an der Flinders University, in einer E-Mail. „Auch sogenannte Tierwälder wie Muschelriffe und Schwammgärten sind stark betroffen.“ Viele dieser Lebensräume gelten inzwischen als „Todeszonen“. Auch Haie und Rochen leiden massiv.

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Die Ursachen sind komplex. Klar ist: Eine anhaltende marine Hitzewelle, verstärkt durch den Klimawandel, hat die Blüte begünstigt. Hinzu kommen Nährstoffe, die nach den massiven Überschwemmungen im Murray-Darling-Becken 2022/23 ins Meer gelangten, sowie ein „Aufquellen“ kalten Wassers aus der Tiefe. Karenia mikimotoi vermehrt sich bei hohen Temperaturen, ruhiger See und hohem Nährstoffgehalt explosionsartig.

Australische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler suchen nach einem Gegenspieler

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen arbeiten seit Monaten fieberhaft daran, die Katastrophe zu verstehen und Lösungen zu finden. Sie hoffen, in Proben ein Virus zu entdecken, das die Algen abtötet. Im Labor könnte es vermehrt und anschließend als biologisches Kontrollmittel getestet werden – zunächst in Teichen, später vielleicht in Teilen der Meeresumwelt. „Wir müssen etwas versuchen“, sagte die Meeresmikrobenforscherin Elizabeth Dinsdale von der Flinders University dem australischen Sender ABC. Normalerweise würden Mikroalgen im Ökosystem durch kleine Krebstiere oder Viren in Schach gehalten. Doch diesmal blieb dieser natürliche Kontrollmechanismus aus.

Tote Fische in Australien
Ein schrecklicher Anblick: massenhaft tote Meerestiere an den Stränden Südaustraliens.© Brad Martin, Flinders University bzw. Unterwasseraufnahmen Flinders University | Brad Martin, Flinders University bzw. Unterwasseraufnahmen Flinders University

Andere Forscher prüfen alternative Ansätze: den Einsatz von Seegras oder Riffbewohnern, die Algen aus dem Wasser filtern. In manchen Ländern kam bereits Bentonit-Ton zum Einsatz, der sich an Algenzellen heftet und sie auf den Meeresboden sinken lässt. Doch die Methode ist riskant: Wenn sich Gifte an den Ton binden, könnte eine giftige Schicht am Meeresgrund entstehen.

Strand-Besuch wird zur Stress-Quelle – Psychische Belastung

Letztendlich betrifft die Katastrophe aber nicht nur die Tierwelt, sondern auch die Menschen. Viele Australier und Australierinnen gehen gerne und häufig an den Strand, um Stress abzubauen – beim Surfen, Tauchen, Angeln oder Spazierengehen. Doch nun ist genau dieser Ort für viele zur Quelle des Stresses geworden, wie die Psychologin Brianna Le Busque von der University of South Australia der australischen Ausgabe von „The Guardian“ berichtete. Le Busque, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Carla Litchfield rund 650 Menschen befragte, um die „Ökoangst“ zu erfassen, die durch das tägliche Bild toter Tiere ausgelöst wird, erzählte, dass eine Befragte das Erlebte gar mit dem Tod eines Angehörigen verglich.

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Im Oktober soll nun ein parlamentarischer Bericht zu Ursachen, Folgen und Management der Algenblüte erscheinen. Das australische Rote Kreuz schrieb in einer Stellungnahme dafür, das Ereignis lasse sich „nicht einfach in der Katastrophenterminologie einordnen“. Es weise Merkmale einer langsam einsetzenden Katastrophe auf – ohne klaren Beginn und ohne absehbares Ende – und trage zugleich Züge eines kollektiven Trauma-Ereignisses. Es habe Ähnlichkeit mit einem landwirtschaftlichen Desaster oder einem Krankheitsausbruch.

Noch ist unklar, wie lange das „schleichende Desaster“ andauern wird. Die kalten Monate auf der Südhalbkugel neigen sich dem Ende entgegen, und ein potenziell heißer Sommer könnte die Katastrophe unter Umständen weiter anheizen. Für viele Expertinnen und Experten steht jedoch schon jetzt fest, dass die Krise Spuren hinterlassen wird – nicht nur in der Meereswelt, sondern auch im Bewusstsein der Menschen. „Die Situation hat die Lage grundlegend verändert, denn die Menschen sind sich nun stärker der Verletzlichkeit unserer Ozeane und der Auswirkungen des Klimawandels bewusst“, fasst Stefan Andrews zusammen.